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Trinkgelder, Ivie die anderen Gutsbesitzer, austeilte, keinen Verteidiger, und die Freude über sein Mißgeschick war eine allgemeine und ehrlichss.
Nachdem sie weit über eine Stunde gezecht hatten, mußten sie sich doch entschließen, den Waldhüter zu melden, welcher auch gleich darauf in den Speisesaal beordert wurde. „Nun, was ist; denn los, Du Esel?" fragte der Gras leutselig.
Verlegen drehte der Barter feinen großen Filzhut in den Händen herum.
„Eh, Herr, was soll los sein, ich habe einen wild- diebernden Lumpen erwischt."
„Nanu, Hinko, seit wann gönnst Du den armen Leuten nicht mehr ihren kleinen Sonntagsbraten?" fragte der Pfarrer verwundert.
„Meinen Leuten gönne ich alles", verteidigte sich der Graf gereizt, „aber diese Kerle aus der Stadt schießen mir, nicht einmal die Schonzeit respektierend, meine ganzen Fasanen herunter, und Du weißt doch, was ich mich gerade meine Fasanerie kosten lasse und wie mein Herz daran hängt."
„Und er hatte es gewiß nur auf unsere Fasanen abgesehen", bestärkte ihn Stevo, den günstigen Moment schlau cmsnützend, in seinem Zorn, „ich! habe es mit meinen leibhaftigen Augen gesehen, daß er sich um die neben ihm aufspringenden Hasen gar nicht bekümmerte."
„Kennst Du den Gefangenen vielleicht zufälligerweise?"" erkundigte sich der Pfarrer.
,,J, wie sollt' ich, Hochwürden!" verwahrte sich der Bauer. „Anständig angezogen ist er freilich — der Wahrheit die Ehre — aber es scheint doch, nichts' weiter als ein städtischer Strolch zu sein, der unserem gnädigen Herrn Grafen sein bißchen Freude verderben will."
„Nun, ich werde ihm und dem andern Gelichter dies Vergnügen grintdlich verleiden", erklärte Stepenaz wütend, „morgen wird er den ordentlichen Gerichten übergeben — ich will einmal ein Exempel statuieren!"
„Papa, habe Erbarmen", bat Ljubiza, „vielleicht hat er Weib und Kinder."
„Natürlich- ich werde die ganze Familie dieses Galgenvogels mit meinen Fasanen sattfürtern!" entgegnete er ärgerlich, „nichts da, er wird dem Gericht übergeben."
„Hinko, laß Gnade vor Recht ergehen", redete ihm' auch der Pfarrer zu, „6er arme Teufel konnte doch gar nicht wissen, wie viel Dir an Deinen Fasanen liegt."
„Ach was, armer Teufel! Ein armer Teufel soll zufrieden sein, wenn er zu einem Hasenbraten kommt, aber einen Fasanen . . ."
„Hinko, Du blamierst Dich unsterblich", hielt ihm der Pfarrer vor, „Du wärst der erste im Lande, der wegen eines lumpigen Jagdfrevels Anzeige erstattete!"
„Und wenn!" trotzte dieser.
Nun wurde aber der Pfarrer rabiat, und indem er mit der geballten Faust derartig heftig auf den, Tisch schlug, daß die Flaschen und Gläser ins Wanken kamen, rief "er wütend:
„Und ich dulde es nicht, daß Du Dich lächerlich machst! Meinethalben laß den Kerl bis morgen früh brummen, das ist genug Strafe, dann aber gib ihm den Laufpaß!"
„Ach ja, lieber Papa, folge dem Herrn Pfarrer", schmeichelte Ljubiza, und auch die Gräfin schloß sich dieser
„Nun, in Gottes Namen", gab er endlich! nach, und zu Stevo gewandt, befahl er: „Führe mir den Haderlumpen morgen vor, damit ich ihm noch einen Denkzettel auf "den Weg mitgebe."
„Und was soll mit den zwei Zigeunerinnen geschahen?" fragte Stevo untertänig.
„Hast Du sie bei irgend einem Diebstahl ertappt?"
„Das gerade nicht, Herr, aber wenn wir sie nutzt trotz- oem bestrafen, so haben wir im Handumdrehen den ganzen Wald voller Zigeuner."
„Gebt ihnen eine Tracht Prügel", entschied Stepenaz kurzweg, „und diesem Fasanendieb könnt Ihr in Aussicht stellen, daß es ihm morgen auch so gehen' wird — ein bißchen Furcht kann jedenfalls nicht schaden."
Ljubiza wollte auch für die armen Weiber, die ja gar mchts getan hatten, bitten, doch darin war der Vater un- erbtttltch.
„Mach' Dir deshalb keinen KuMMer", beruhigte er sie. ^Zigeuner sind an Schläge gewöhnt, sie erwarten es gar
nicht anders", dann gab er Stevo einen Wink, der sich demütig empfahl tlnd viel schneller, als er gekommen nach dem Gemeindestall zurückkehrte.
Voller Freude berichtete er von dem über alle Maßen günstigen Ausfall seiner Schlauheit, und um den Tag recht festlich zü beschließen, trug man auch gleich! die Bank zum Auspeitschen nach dem Stall, welcher Vergewaltigung sich die armen Weiber ohne ein einziges Wort des Protestes unterwarfen.
Dem Major standen vor Ab scheu die Haare zu Berge, Uttd die ironischen und drohenden Blicke, die man ihm zuwarf, ließen ihn das Schrecklichste befürchten.
Die Zähne aufeinandergepreßt, stellte er sich mit dem Rücken gegen die Wand, um wenigstens von einer Seite gedeckt zu sein — und nun sollte sich röter an ihn her anwagen : wie einen räudigen Hund wollte er ihn niedev-- schlagen!
Die Bauern, die es ja nur darauf abgesehen hatten, ihm Angst einzujagen, bemerkten recht wohl, tote sehr ihnen ihr Plan gelungen, und freuten sich darüber nicht wenig. Nun mußte aber dem bösen Spiel ein Ende gemacht werden, und Stevo winkte einen alten Manm der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, heran und besprach sich mit ihm.
„Ich soll Dir sagen", wandte sich dieser daraus aN Herrn von Höchstfeld, „daß Du morgen an die Reihe kommst — Du kannst Dich dafür bei unserem hochwürdtgen Herrn Pfarrer bedanken."
Herr von Höchstfeld erfaßte zuerst tour das eine, daß endlich einer Deutsch konnte.
„Sage diesen Hunden, daß ich. . ." — im selben Moment flog die Tür hinter dem sich! eiligst Zurückziehenden dröhnend ins Schloß und schnitt ihm jede Erklärung ab. Wie vernichtet stand Herr von Höchstfeld die längste Weile da. Er war nicht imstande, auch nur einen einzigen Gedanken logisch zu verfolgen und nur eines begriff er, daß vom Pfarrer die Rede gewesen sei, der also von seinem Mißgeschick wissen mußte, und der ihm dennoch nicht zu Hilfe kam.
IN ohnmächtiger Wüt die Fäuste ballend, verschwor er sich, für diesen Schimpf Rache zu nehmen, und ließ sich dann dumpf dahinbrutenü so weit als möglich von den leise winselnden Zigeunerinnen nieder.
10.
Obgleich man an ein längeres Ausbleiben des Majors nicht gewöhnt war, so hegte man bis zum Dunkelwerden doch keine ernstlichen Besorgnisse und hoffte, daß er von Minute zu Minute erscheinen müsse.
Als es aber immer und immer später wurde, rannte! Frau von Höchstseld in unerklärlicher Angst von einem! Feldweg zum andern, um auszuspähen, ob er nicht doch endlich irgendwo austauche!
„Vielleicht ist er gar bis Mariance oder Stepenavze gegangen und daton bei dem Pfarrep oder bei dem Grafen eingekehrt", meinte Erich- allerdings gegen seine Ueber- zeugung und nur in der Absicht, die Mutter von ihren Befürchtungen abzulenken.
„Wenn Du mich damit zu beruhigen gedenkst, dann erreichst Du nur das Gegenteil", entgegnete sie ihm, „denn eher kann ich an ein Unglück, als an eine solche Möglichkeit glauben."
Erna war die einzige, die wirklich vollkommen unbesorgt blieb, sie machte sich sogar im Stillen über dies Angst um einen vollkommen ausgewachsenen Menschen —t und das war doch ihr Papa — nicht wenig lustig.
„Wo kann er denn weiter sein", meinte sie überlegen, „er wird sich in den Waldungen verirrt haben und nicht gleich heraussinden."
„Wie kommst Du darauf, daß er in die Waldungen sich verrsrt haben und nicht gleich herausfinden kann.?"
„Wie kommst" Du darauf, daß er in die Waldungen gegangen ist?" fragte die Mutter in höchster Unruhe/
„Herr von Szabo sagte mir doch, daß er sein Gewehr umgehangek hat."
Frau von Höchstfeld starrte erst tote entgeistert in die Lust, dann knickte sie zusammen, und wenn nicht Erich hinzugesprungen wäre, um sie rasch in seinen Armen auf» zusangen, so würde sie wohl ohnmächtig zur Erde gesunken sein.
Ohne daß ihr jemand befohlen- ganz allein Fairn Erna auf den vernünftigen Gedanken, nach Ean de Cologne


