Mittwoch de» 28. Aezember

1904

IH

LL

18 Bi

»MM

Das Testament des Mankiers.

Kriminalroman von 21. M. B arbour.

(Nachdruck verboten.)

. (Fortsetzung.)

Ter Rechtsanw-alt starrte den Detektiv an, als wenn er sich erst besinnen müßte, ob er richtig gehört hätte. Endlich die Sprache wiedersindend, sagte er:

Merrick, ich kenne Sie nur als einen überlegenden, wahrheitsliebenden Mann, der niemals Behauptungen aus­stellt, die er nicht zu beweisen vermag, und ich muß Ihnen also Glauben schenken. Ueber Ihre hiermit verbundenen Folgerungen werden Sie sich vermutlich jetzt noch nicht näher äußern wollen, eine Frage indessen werden Sie mir vielleicht beantworten: Glauben Sie, daß dieser Harold Mainwaring oder jene anderen möglichen Erben, die Sie erwähnten, persönlich erscheinen oder ihre Ansprüche durch Anwälte vertreten lassen werden?"

Tas läßt sich augenblicklich noch gar nicht absehen. Vorläufig müssen Sie sich mit dem Winke über die mög­lichen Streitfragen begnügen, die der Fall noch bringen kann. Zwei Hiurveise indessen will ich Ihnen noch für Ihre weiteret: Erwägungen geben: Glauben Sie ja nicht, daß Hobsou sich für Frau La Grange in irgendwelche Gefahr stürzen wird. Erstens arbeitet er immer nur für sich und erst in zweiter Linie für den, der ihn am besten bezahlt. Und dann: Achten Sie den Privatsekretär nicht für zu gering. Meiner Meinung nach wird er Ihnen und Ihren Klienten eine Nuß zu knacken geben, ait der Sie sich alle miteinander die Zähne ausbeißen werden. Haben Sie nie eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht entdeckt?"

Sie nehmen mir die Frage vom Munde weg. Das­selbe wollte ich Sie fragen. Schon seit einiger Zeit ist mir in seinem Gesicht eine Aehnlichkeit mit irgend jemandem aufgefallen. Ich konnte aber nicht dahinter kommen mit wem. Endlich heute bei Tisch wurde es mir klar. Es ist Hugh Mainwaring, dem er ähnelt. Sollte er am Ende gar ein Sohn von ihm sein, von dem niemand etwas ahnt?"

Was? Hugh Mainwaring ähnlich?"

Nun, ist es denn nicht das, worauf Sie mich auf­merksam machen wollten?"

Nein. Wie hätte ich dazu kommen sollen? Sie ver­gessen, daß ich Hugh Mainwaring lebend nie gesehen habe."

Sapperment, ja, das ist wahr! Wen meinen Sie denn?" In diesem Augenblick hörte man den Kutscher die Treppe heraufkommen. Der Detektiv antwortete daher nur kurz:

Wenn Sie von dem Ausdruck absehen, haben Sie Zug für Zug das Gesicht von Frau La Grange!"

Skott verläßt den Schauplatz.

Ter Sekretär s am Pult im Turmzimmer. Im Auf­trage Ralpb Mainwarings fertigte er eine Abschrift des

vernichteten Testaments nach dem noch vorhandenen Steno­gramm des Diktats Hugh Mainwarings an.

Kurz vor Beendigung der Arbeit betraten Ralph und Whitney das Bibliothekzimmer; sie führten ein erregtes Gespräch.

Wenn dieser Schurke sich einbildet, irgendwelche Macht über mich zu erlangen, so irrt er sich gewaltig", sagte Ralph Mainwaring mit zorniger Stimme.Es ist nichts weiter als ein Erpressungsversuch, und ich habe große Lust, der Sache auf den Grund zu gehen, diesen Betrüger dahin zu bringen, wohin er gehört."

Ich weiß kaum, wozu ich unter den obwaltenden Um­ständen raten soll", antwortete der Rechtsanwalt ruhigh denn es ist doch zweifellos, daß hinter allem etwas steckt^ was Ihnen wie auch mir, dem vertrauten Freunde Ihres Vetters recht unliebsam sein könnte, wenn es vor die Oesfentlichkeit käme. Aber ganz abgesehen von! diesem Gesichtspunkte bin ich auch sonst der Ansicht, daß es nicht in Ihrem Interesse liegt, in der Sache zu scharf vorzugehen."

Wieso? Was meinen Sie damit?"

Tie Erwiderung entging Skott. Seine Aufmerksamkeit war plötzlich von dem Abdruck einer Namensunterschrift gefesselt worden, die quer zu der einen Ecke der Löschblatt­unterlage stand, die auf der Platte des Pultes befestigt war. Außer Hugh Mainwaring und ihm hatte bisher nie­mals jemand anbiem Pulte geschrieben, der fremde Na­menszug erregte daher seine größte Verwunderung. Wäh­rend er ihn aufmerksam betrachtete, siel ihm auf ein­mal ein kleiner Handspiegel ein, der immer int Pult ge» leg di hatte. Er fand ihn noch an seinem Platze, brach te ihn in die richtige Stellung zu dem Namenszuge und las nun nicht allein diesen, sondern auch noch einige Zeilen darüber, die ihm vorher nicht aufgefallen waren.

Es war ein Glück, daß sich der Sekretär allein befand, denn als er die Unterschrift mit den darüber stehenden Worten gelesen hatte, war er 'tote vom Schlage gerührt. Einen Augenblick schien er wie versteinert; der Kopf wirbelte ihm; dann sank er mit bleichem Gesicht, einer Ohnmacht nahe, auf feinen Stuhl. Als er allmählich wieder zum Bewußtsein kam, hörte er wie im Traum die Stimme Whit­neys int Nebenzimmer:

Es ist mir nicht gestattet, die Quelle zu nennen), aus der meine Kenntnis stammt, doch kann ich. Ihnen die Versicherung geben, daß sie durchaus zuverlässig ist."

Ach, lassen Sie mich mit solch abgeschmackten Zeug zufrieden", polterte Ralph Mainwaring.Ich weiß, waK ich weiß, und kümmere mich nicht um Ihre Kenntnis und die Quelle, aus der Sie sie haben. Ter Besitz ging recht­mäßig auf meinen Vetter Hugh über und vererbt sich nun ebenso auf uns, seine nächsten Verwandten. Sie) sollten doch selber einsehen, daß es eine Lächerlichkeit von näheren Rechten anderer zu reden!"