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günstige Gelegenheit nötig wat. . Und' jetzt schien es' ihm', daß diese Gegelegenheit gekommen sei.
Am anderen Tage gegen Mittag legte er sich alle seine Ehrenzeichen an, hing sich die Zlmtskette um den Hals und fuhr nach dem Hotel „Japan". .Tas Schicksal begünstigte ihn. Als er das Zimmer des persischen Würdenträgers betrat, war dieser allein und nicht beschäftigt. Rachat-Chelam, ein riesiger Asiate mit einer langen Bekassinennase und hervorstehenden Augen, saß im Fez auf der Tiele upd kramte in seinem Koffer.
„Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich es gewagt habe, Sie zu inkommodieren", begann Kuzin lächelnd. „Ich habe die Ehre, mich vorzustellen: erblicher Ehrenbürger und Ritter hoher Orden, Stepan Iwanowitsch Kuzin, das hiesige Stadthaupt. Ich hielt es für meine Pflicht, in Ihrer werten Person sozusagen dem Vertreter einer befreundeten und nachbarlichen, Monarchie meine Ehrerbietung zu bezeugen . . ."
Der Perser wandte fich um und stammelte etwas in sehr schlechtem Französisch, das wie das Klappern auf dem Holzbrette klang.
„Tie Grenzen Persiens", fuhr Kuzin in seiner vorher ein» studierten. Begrüßungsrede fort, „befinden sich in enger Berührung mit denjenigen unseres weiten Vaterlandes, nnd daher veranlassen mich die gemeinsamen Sympathien, Ihnen sozusagen unsere Solidarität auszudrücken."
Der persische Würdenträger erhob sich 'und stammelte wieder etwas in seiner hölzernen spräche.
Kuzin, der überhaupt keine fremden Sprache!: kannte, schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstehe.
„Wie foll ich nur mit ihm sprechen?" dachte er. „Man müßte eigentlich gleich nach einem Dolmetsch schicken, aber die Sache ist etwas peinlich, und läßt fich in Zeugengegenwart nicht güt abmachen. Der Dolmetsch würde es dann in der ganzen Stadt herumtragen."
Und Kuzin suchte sich einige Fremdwörter ins Gedächtnis zu rufen, die er aus den -Zeitungen kannte.
„Ich bin das Stadthaupt. . ." stammelte er, „das heißt Lord-mayor. . . Municipale. . . Oui? Comprenez?"
Er wollte durch Worte oder mimisch seine soziale Stellung bezeichnen, wußte aber nicht, wie er es machen sollte. Ein an der Wand, hängender Stich mit der deutlichen Unterschrift „Tie Stadt Venedig" half ihm aus seiner Verlegenheit. Er wies mit dem Finger auf die Stadt und dann auf seinen Kopf, woraus sich seiner Meinung nach die Phrase, ergab: „Ich bin das Stadt- Haupt."
Ter Perser begriff nichts, lächelte aber und sagte: „Gutt, musje. . . Gutt. .
Eine halbe Stunde später klopfte das Stadthaupt den Perser bald auf das Knie, bald auf die Schulter und sprach:
„Comprenez? Oui . . .? Als Lord-mayor und Municipale . . . biete ich Ihnen eine kleine Promenade an . . . Comprenez? .Promenade. . ."
Kuzin wies mit einem Finger auf Venedig und stellte mit zwei Fingern einherschreitende Beine dar.
Rachat-Chelam, der von den Medaillen des Stadthaupts nicht die Augen wandte und offenbar bereits vermutete, daß er die wichtigste Person der Stadt vor sich hatte, verstand das Wort „Promenade" und entblößte liebenswürdig seine Zähne.
Darauf zogen beide ihre Paletots an und verließen das Zimmer. Unten an der Tür, die zu dem Restaurant „Japan" führte, siel es Kuzin ein, daß es nicht übel wäre, dem Perser etwas vorzusetzen. Er blieb stehen und sagte auf Tische weisend:
„Nach russischer Sitte könnte man jetzt mal . . . Purse . . . Entrecote . . . Champagne und so weiter. . . Comprenez?"
Ter Würdenträger begriff, und nach einer Weile saßen beide in einem der vornehmsten Chambre separees des Restaurants, tranken Champagner und aßen.
„Trinken wir auf das Wohl Persiens!" sprach Kuzin. „Wir Russen lieben die Perser. Wenn wir auch einen verschiedenen Glauben haben, aber die gemeinsamen Interessen, die gegenseitigen Sympathien . . . der Fortschritt ... die Asiatischen Märkte . . . die friedliche Eroberung, sozusagen. . .
Ter persische Würdenträger aß und trank mit großem Appetit. Er stach mit der Gabel nach dem geräucherten Stör und sagte, den Kopf schüttelnd, mit Begeisterung:
„Gutt! Bien!"
„Schmeckt's Ihnen?" fragte erfreut das Stadthaupt. „Bien? Na, das ist schön". Und an den Kellner gewandt, sagte er: „Luka, sorge mal, mein Bester, dafür, daß zu Seiner Exzellenz zwei^Störe, aufs Zimmer gebracht werden, aber von den besseren!"
Tarauf fuhren das Stadthaupt und der Perfer in eine Menagerie.
Tie Einwohner sahen, wie ihr Stepan Iwanowitsch, vom Champagner gerötet, heiter und sehr zufrieden, den Perser in den Hauptstraßen und auf dem Marktplatz herumführte, und ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte. Auch auf den Turm des Feuerwehrhauses sührte er ihn hinauf.
Unter anderem sahen die Einwohner auch, mie das Stadt- Haupt vor dem steinernen Tor mit den Löwen stehen blieb und zuerst auf einen der Löwen, dann nach oben auf die Sonne und dann auf seine eigene Brust wies, dann nochmals aus die Sonne und den Löwen, während der Perser wie zum Zeichen des Ein
verständnisses mit dem Kopse nickte und lächelnd seine weißen Zähne zeigte.
Am Abend saßen sie im „Hotel London" und lauschten beit' Harfenistinnen; wo sie aber in der Nacht waren, blieb unbekannt.
Des morgens am andern Tage war das Stadthaupt int Stadtamt. Tie Beamten hatten offenbar schon einiges erfahren und Verdacht geschöpft. Wenigstens trat der Syndikus an ihn heran, und sagte mit einem spöttischen Lächeln:
„Bei den Persern gibt es so eine Sitte, wenn zu ihnen ein vornehmer Gast kommt, so müssen sie für ihn eigenhändig einen Hammel schlachten. . . hm, hm!"
Etwas später wurde dem Stadthaupt ein mit der Bost gekommenes Paket überreicht. Er öffnete dasselbe und fand eine Karikatur darin. Vor Rachat-Chelam kniete das Stadthaupt in eigener Person und sprach mit erhobenen Händen folgende Worte zu dem Perser:^
Um Rußlands Freundschaft mit dem Schack-
Zu ehren und zu achten.
Würd' ich am liebsten selbst mich schlachten
Als Hammel. . . ,?(6er ach:
Ich bin ja nur ein E seltier,
Was kann ich armer Mann dafür!
Das Stadthaupt empfand ein unangenehmes Gefühl, als saugte ihm etwas unter der Herzgrube, aber da dauerte nicht lange. Um Mittag war er schon wieder bei dem persischen Würdenträger unb, traktierte ihn. Tann zeigte er ihm wieder die Sehenswürdigkeiten der Stadt und führte ihn abermals vor das steinerne Tor, wo er wieder, bald auf den Löwen, bald auf die Sonne, bald auf feine Brust wies. Zu Mittag speisten sie in „Japan", nach dem Essen bestiegen sie wieder, beide rot und glücklich, mit Zigarren im Munde, den Feuerwehrturm. Hier wollte offenbar das Stadthaupt dem Gast ein seltenes Schauspiel barbieten, und schrie von oben hinab zu dem Posten, der unten auf und ab ging:
„Läute Alarm!"
Aber aus dem Alarm wurde nichts, da die Feuerwehrleute gerade int Bade waren.
Zu Abend speisten sie in „London", nach dem Abendessen aber reifte der Perser ab.
Stepan Iwanowitsch küßte ihn, als er ihm das Geleit gab, nach russischer Sitte drei Mal und war sogar bis zu Tranen gerührt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, rief er:
„Grüßen Sie Persien von uns. Sagen Sie Ihrem Vaterland, daß wir es lieben!"
-i-
Ein Jahr und vier Monate waren vergangen. Tranßen !var es bitterkalt, gegen 3ö Grad und dabei ein durchbringender Wind.
Stepan Iwanowitsch 'ging auf den Straßen umher in einem auf der Brust zurückgeschlagenem Pelz und ärgerte sich, daß niemand ihm Begegnete und den Löwen- und Sonnenorbeu auf seiner Brust blitzen sah. So ging er bis zum Abend int offenen Pelz umher und fror fürchterlich.
In der Nacht aber warf er sich von der einen Seite auf die andere und konnte nicht einfchlafeu. Sein Herz war schwer und pochte unruhig, während ihn ein inneres Feuer verzehrte: er wollte jetzt den serbischen Takowa-Orden haben. Sein Wunsch war brennend und unbezwingbar. . .
Vermochte».
* Son einem Prinzen, der a u s d i e B r a u t s ch a n a n s z o g und, schon ehe er sie eigentlich begonnen hatte, fand, was er begehrte, davon erzählt ein französischer Diplomat in seinen Lebenserinnerungen ein amüsantes Stück. Der Prinz war der spätere Kaiser Alexander II. v o n Rußland, damals — int Jahre 1841 — noch Großfürst-Thronfolger Alexander Nikolajewitsch genannt und ein Jüngling von kaum 23 Jahren. Mau hatte ihm in St. Petersburg eine Liste deutscher Prinzessinnen initgegcben und sein Augenmerk besonders auf zwei badische Prinzessinnen, die heute verwitwete Herzogin Alexandrina von Sachscn-Koburg-Gotha und ihre Cousine, die als Herzogin von Hamilton verstorbene Prinzessin Maria gerichtet. Vom Grasen Orloff begleitet, traf der Zesarewitsch in Frankfurt am Main zu kurzer Rast ein, um dann die Fahrt nach Karlsruhe fortzusetzen. Schon war die Mreise festgesetzt, da hörte der Großherzog Ludwig II. von Hessen von seiner Anwesenheit in Frankfurt und bat ihn, in Darmstadt Station zu machen und zu speisen. Der Großfürst nahm die Einladung an. Tas Diner sand im Familienkreise statt, aber die Tochter des G r o ß h e r z o g s , Prinzessin Marie, nahm daran nicht teil: der Großfürst ahnte überhaupt nichts von ihrer Existenz. Erst als er abends zum Tee ging, begegnete er ihr zufällig. Er bat sogleich um die Ehre, ihr vorgestellt zu werden. Die. Prinzessin war eine liebenswürdige Erscheinung, bescheiden und anmutig. Ter Großfürst sand starkes Gefallen an ihr und widmete sich ihr ivährend des ganzen Abends fast ausschließlich. Als dann am andern Morgen Gras Orlosf seinen Herrn fragte, wann die Weiterreise nach Karlsruhe erfolgen solle, erhielt er die kategorische Antwort: „Lieber Gras, wir reifen überhaupt nicht weiter, wir sind am Ziele. Ich werde um die Hand der Prin-


