Ausgabe 
28.11.1904
 
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Ur. 178

1904.

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-,-. Das HeffammL des Bankiers.

Kriminalroman von A. M. Barbour.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Kurze Zeit später wurde das Testament Hugh Main- warings von dem Testator sowie den Zeugen: Ralph Main- waring, William Mainwaring-Lhornton und William Whit­ney ordnungsmäßig unterzeichnet. Nach Abgabe der letzten Unterschrift atmete Hugh, wie von einer schweren Last be­freit, tief aus und sagte:

So, mein lieber Ralph, nun ist mein Wunsch erfüllt und Dein Sohn mein ErbeI" Darauf nahm er das Dokument und reichte es seinem Sekretär.Legen Sie es vorläufig in mein Pult im Turmzimmer; morgen will ich es im Beisein aller anwesenden Familienmitglieder vorlesen lassen und dann, wenn das geschehen ist", sprach er zu seinem Sach­walter gewandt weiter,mögen Sie, lieber Whitney, es in Ihre Obhut nehmen, bis zu dem Zeitpunkte, wo es in Kraft tritt. Wann das sein wird, wer wills wissen vielleicht früher, als wir denken."

Seit dem Frühstick ?te sich das Wesen Hughs auf- saliend verändert. ©it.ie wehmütig klingenden Worte machien auf jeden einen Liefen Eindruck. Indessen ging die düstere Stimmung gleich vorüber, als Hugh einen Aus­flug in die Umgebung vorschlug und Equipagen bestellte. Alle fuhren fort, nur der Sekretär blieb in der Bibliothek zurück, um noch eine Arbeit zu erledigen.

Als Harry Skott sich in den Zimmern seines Prinzipals allein befand, verriet er die größte Aufiegung. Ungeduldig schob er seine Arbeit beiseite, stand auf und begann nach­denklich mit langen Schritten auf und ab zu gehen. Dann auf einmal schritt er nach dem Turmzimmer, wo er vor den eisernen Geldschrank trat.

Was will ich eigentlich?" murmelte er.Einen Nutzen hat es nicht; ich habe doch schon überall gesucht und nichts gefunden." Plötzlich aber hob er entschlossen den Kopf, ging wieder nach der Bibliothek, verriegelte die Tür und kehrte zu dem Schrank zurück. Jetzt zog er ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, indem er vor sich hinsprach: Wer weiß, ob ich nicht heute mehr Glück habe; die Gelegen­heit bietet sich vielleicht nie wieder" und, bekannt mit der Oefsuung des Schrankes, lag dessen Inhalt alsbald vor seinen Augen. Dieselbe Peinlichkeit und Genauigkeit, die Mainwaring in all seinen Geschäftsgepfogenheiten aus­zeichnete, herrschte auch hier; jedes Fach zeigte sich aufs sorgsamste geordnet.

Harry Skott ging sofort ans Werk, und in dem Bewußt­sein, Zeit im Ueberfiuß zu haben und sicher vor Unter­brechung zu sein, begann er den Inhalt der Fächer bis ins kleinste zu durchsuchen, Verschiedene geheime Dokumente kamen ihm dabei in die Hände, er legte sie aber alle wieder

an ihren Platz. Bon dem, was er zu finden Hoffte, ent- deckte er keine Spur.

Endlich traf er auf einen altmodischen eisernen Kastens dessen Gewicht und Aussehen ihn darauf schließen ließen^ daß er die Schatulle mit den Familien-JUwelen vor sich habe. Sollte er sie öffnen? Ja, er durfte nichts un­durchforscht lassen. Ein winziges, geheimes Fach barg einew kleinen Schlüssel. Dieser paßte in das Schloß des Kastens und als der Kasten sich öffnete, funkelten und blitzten Skotchj getroffen von den ins Zimmer fallenden Sonnenstrahlen^ die herrlichsten Edelsteine entgegen. Doch diesen schenkte er nur wenig Beachtung, denn neben ihnen, in einer kleinert Seitenabteilung, hatte sein scharfes Auge ein vom Alter ver­gilbtes Schriftstück entdeckt, dessen Anblick ihm in hoff­nungsfreudiger Erregung das Blut ins Gesicht trieb. Hastig zog er es hervor, und ein einziger Blick auf die Ueberschrift überzeugte ihn, daß er endlich das Gesuchte in Händen hielft Mit einem aus tiefer Brust aufsteigendenGott sei Lob und Tank" und ohne die kostbaren Edelsteine auch, nur noch eines Blickes zu würdigen, verschloß er den Kasten wieder und stellte ihn auf seinen Platz zurück. Erst hiernach ent­faltete er das Dokument,

Mit vor Freude verklärtem Gesicht las er noch darin, als sich Fußtritte auf dem Korridor hören ließen. Im nächsten Augenblicke wurde an die Tür der Bibliothek geklopft. Er. verschloß den Geldschrank schnell, steckte das kostbare Doku- ment in seine Brusttasche und öffnete die Tür.

Ein Diener überreichte ihm eine Visitenkarte.Der Herr wünscht Herrn Mainwaring oder den Herrn Sekretär in einer Privatangelegenheit zu sprechen."

Tie Karte zeigte den NamenJi Henry Carruthers." und die Bleistiftnotiz:Wichtig."

Ich lasse bitten", sagte Skott zu dem Diener, während seine Pulse infolge des eben gemachten Fundes noch 'stür­misch schlugen.

Fast unmittelbar, nachdem sich der Diener entfernt hatte, trat der Fremde ins Zimmer.

Er war eine gebieterische Erscheinung von etwas mehr als Durchschnitts größe, mit blassem Gesicht, dunklem Schnurrbart und schwarzem, krausem Haar. Eine Brille mit dunklen Gläsern schützte die Augen; seine Kleidung bestand in einein schon etwas abgetragenen, leichten Neise- anzug, doch verriet sein Wesen den vornehmen Mann.

Herr Skott, wenn ich nicht irre?"

Ganz recht; bitte, nehmen Sie Platz. Womü kann ich dienen?"

Es liegt mir daran, zu erfahren, wann Herr Main­waring zu sprechen ist. Ich war schon im Bankhaus^ dort wies man mich aber hierher, und hier sagte mir der Diener, daß Herr Mainwaring ausgefahren und die Zeit seiner Rückkehr unbestimmt sei."

Mein Herr Prinzipal wird wahrscheinlich gegen fünf Uhr zurückkommen; ob er Sie aber dann empfangen wird, bezweifle ich, da er Gäste hat und deshalb kaum aeneiat