Ausgabe 
28.10.1904
 
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Jede Bekundung, mcrg sie noch so sehr den Eindruck der bloßen Wiedergabe des Gesehenen machen, enthält stets ein Urteil. Wenn ich sage, dort drüben geht ein Mann, so liegt darin das Urteil, das; auf Grund der Kleidung ,des Aussehens und der Bewegungen anzunehmen ist, die Person sei männlichen Geschlechts. Aber es ist nicht unmöglich, baß meine Angabe falsch ist, indem nämlich eine emanzipierte Dame einen Gefallen darin findet, in Männer- kleidung herumzustolzieren. Schaue ich aus dem Fenster und sehe lediglich einen Kopf mrt einer Radkermütze, der vorbeifliegt, so bekunde ich : Es fährt ein Radfahrer vorbei. Ich begründe meine Ansicht damit, daß Lin Kutscher solche Mütze gewöhnlich nicht trage, außerdem mehr nach vorn zu schauen pflegt, während der Blick des Radlers mehr auf den Boden geheftet ist. Eine fahrende Person mußte es aber sein, denn nur so wäre die Gleich­mäßigkeit der Linie^ zu erklären; der Kopf eines Reiters würde bald höher, bald tiefer sein. Auch hier ist es nicht ausgeschlossen, daß ich michi gründlich getäuscht habe.

Wenn nun schon bei so einfachen Dingen Irrtümer Vor­kommen können, so liegt es auf der Hand, daß bei der Auslegung tierischer Bewegungen dem falschen Urteil Tür und Tor geöffnet sind, wie ja überhaupt tierunkundige Gelehrte die Ansicht ver­treten haben, daß Tiere bloße Maschinen seien. Tas ist natürlich ein großer Irrtum. Aber wenn mir ein Hengst vorgesuhrt wird, und dieser scharrt auf die Frage: Welcher Tag ist heute? richtig zwanMmal mit dem Fuße, weil gerade der zwanzigste ist, so ist der Schluß doch wohl voreilig: Tas Pferd kennt das Datum. Kann der Hengst nicht mehrfach vorher im Stalle danach ge­fragt worden sein? Gewiß ist es eine Riesenleistung, wenn ein Pferd richtig die Zeiger der Uhr angiebt. Ganz anders sieht jedoch die Sache aus, wenn es stets etwa zu der gleichen Stunde danach gefragt wird. Kurz und gut, ich kann ein Urteil über die geistigen Fähigkeiten erst abgeben, sobald ich festgestellt habe, !es handelt sich um neue, nicht um alte Fragen.

Daher hat auf mich das, was entschieden neu . war, nämlich das' Buchstabieren der Rainen anwesender Personen, den tiefsten Eindruck gemacht. Besonders interessant war dabei, daß der Hengst trotz der abweichenden Ansicht des Herrn Schillings viel­fach bei feinem Kopf beharrte und die Stellung des Buchstabens angab.

Gerade solche Fälle, wo der Fragesteller anderer Ansicht war, als das Pferd, haben mir die Ueberzeugung verschafft, daß es sich um keine Suggestion handelt. Ein lehrreicher Fall war z. B. folgender: Bei einem Offizier sollten die Farben der Uniform angegeben werden. Es hingen an einer Schnur eine Anzahl Lappen mit den entsprechenden Farben. Ter Hengst ant­wortete, indem er von links an zählte und die Stelle durch ent­sprechendes Aufklopfen mit dem Hufe angab. Tas Blau war richtig bezeichnet, nun sollte der rote Kragen an die Reihe kommen. Ein roter Lappen hing an der zweiten Stelle. Schillings stellte also die Frage:Hans, sieh Dir den Kragen an, welche Farbe hat er?" Hans Köpfte nun nicht zweimal, sondern achtmal. Etwas ärgerlich sagte Schillings:Hans, nimm Tich zusammen, welche Farbe hat der Kragen des Offiziers?" Wiederum klopfte Hans achtmal. Schillings gibt den Mut nicht auf, er fragt zum dritten Mal:Hans, nimm Dich zusammen, sieh Dir den Kragen genau an, welche Farbe hat er?" Unerschütterlich Köpft der Hengst wiederum achtmal. Jetzt wurde man durch diese Be­harrlichkeit des Pferdes^ aufmerksam und zum allgemeinen Erstaunen an achter Stelle hing ein karmesinrotes Tuch Wenn der Kragen auch nicht karmesinrot ist, so ist doch die Farben­differenz gewiß sehr gering._ Jedenfalls konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier unmöglich ein Zeichen gegeben sein konnte, denn das Pferd hatte ja beharrlich eine Antwort ge­geben, die ganz gegen den Willen des Fragenden ausgefallen! war.

Wieviel ist

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Hieraus erhellt, daß die ErKürung des Astrophysikers Huggrns, die er von den richtigen Antworten seines Hundes gibt, auf unfern Fall nicht zutrifft. Huggins hieß ihn sich setzen und hielt ihm ein Dtück Kuchen vor. Tann zog der Hund Qua­dratwurzeln ^aus^ imb beantwortete Fragen wie die folgende: regelmäßig indem richtig er so oft

bellte, wie das Beispiel es verlangte. Oder man legte ihnr Karten tror,. auf welchen bis zehn Punkte gemalt waren, und wenn man auf einander Karten zeigte, so bellte er so oft, wie dieKarte Huggins bemerkt dazu:Es soll niemand glauben, daß ich dem Hund absichtlich ein Zeichen gegeben hätte. Im Gegenteil, das wurde vermieden. Wir glauben, daß er seinem Herrn am Gesicht ansieht, wenn er die richtige Zahl gebellt hat; sicher ist, daß er die Äugen nicht von meinem Gesicht wendet, so lange die Lektion dauert." Gewiß ist die Erklärung von Huggms richtig, wie Biidde treffend bemerkt, und man sieht daraus, wie leicht es einein unvorsichtigen Beobachter passieren rann, den psychologischen Scharfblick eines klugen Tieres mit wirklicher, selbständiger Leistungsfähigkeit zu verwechseln.

Ein Kritiker, der durch zahlreiche Aufsätze, aus dem Tier- leb-eir gezeigt hat, daß er hiervon etwas versteht, führte merk­würdigerweise das Scheuen und Turchgehett der Pferde als ein unwiderlegliches Zeichen ihrer Beschränktheit an. Schon seit drei Zähren habe ich hiergegen gekämpft. Es heißt u. a. bei mir:

Wrr halten als Schgeschöpfe das Licht für ein Geschenk des

Himmels Und, wenn uns ein Gegenstand besonders lieb ist, hüten wir ihn wie einenAugapfel". Tie Rasentiere wozu auch das Pferd gehört würden diese Ansicht nicht teilen, ihr Organ arbeitet im Tunkeln ebenso wie im Hellen und der Verlust ihres Riechorgans wäre ihnen viel nachteiliger als der ihres Sehvermögens. Blinde Hunde wie blinde Pferde leisten deshalb immer noch recht gute Dienste, während man eine blinde Katze totschlagen muß. Richt te1 Licht ist für die Nasentiere das Wichtigste, sondern der Wind.

Alle Nasentiere, die auf der Such« nach Nahrung sind, wie z. B. Wölf«, oder Besorgnis vor Feinden haben, wie Pferde usw., laufen deshalb stets gegen den Wind.

Speziell vom Pferde habe ich früher eingehend auseinauder- gcseßt, daß das Scheuen und Turchgehen durchaus nickst eine so große Dummheit ist, wie es gewöhnlich hingestellt wird. Das Pferd läuft in der Wildnis stets gegen den Wind. Dadurch hat es als Nasentier den ungeheuren Vorteil, daß es mit keinem Feind zusammentreffen kann, den e£ nicht vorher gewittert hat. Nngeholt werden kann es bei, seiner Schnelligkeit auch nicht so leicht. Außerdem kann es "bei der Stellung seiner Augen selbst beim Weiden die Bewegungen eines' heranschleichenden Raub­tiers wahrnehmen.

Wir Menschen nehmen bei der Benutzung beä Pferdes auf seine anders geartete Sinnesorganisation nicht die geringste Rück­sicht.^ Wir reiten oder fahren gleichgiltig wie der Wind weht. Natürlich sind wir aufs höchste erstaunt, wenn es vor einem! Meilenstein oder Chausseehaufen scheut. Stände es unter Wind, tote in der Wildnis, so könnte es nicht scheuen, weil seine Nase ihm sagte, hier 'droht keine Gefahr.

Auch das scheinbar so sinnlose Turchgehen ist in Wahrheit gar nicht so wunderbar. Wie ich schon hervorhob, müssen die früheren Eigentümlichkeiten eines Tieres berücksichtigt werden. Ist schon bei den Menschen die Gewohnheit seine Amme, so trifft das bei den Tieren in noch viel höherem Maße zu. Tas Pferd, als fliehender Pflanzenftesser, der in der Ebene lebt, hat als Hauptverteidigungsmittel die schnelle Flucht. Häuser, Bäume oder Laternenpsähle, gegen die es rennen kann, gibt es in seiner Heimat nicht. Wenn es bei uns die sinnlose Flucht als Rettungsmittel ergreift, so ist das ja bedauerlich, aber nicht wunderbarer, als wenn ein erwachsener und gebildeter Großstädter, sobald der Kahn, in dem er sitzt, umzuschlagen droht, entsetzt ausspringt, und hierdurch gerade das Kentern des Fahrzeuges bewirkt. Der Großstädter wendet seine Berteidigungsart: Auf­springen und Wegeilen ebenfalls dort an, wo es gar nicht an­gebracht ist, und obwohl ihm tausendmal zugerufen Ivird, sich ruhig zu verhalten. Wir Menschen haben also gar keinen Anlaß, von einer unbegreiflichen Tummheit des Pferdes zu reden.

Tie vorstehenden Proben dürsten genügen, um den Beweis, zu, liefern, wie verivickelt die Sachlage ist. Ich stehe im allge­meinen auf dem Standpunkt, daß hier keine unbewußte Täusch­ung vorliegt, sondern daß Herr v. Osten und Herr Schillings im Rechte sind. 9htr das Rechnen erkläre ich auf eine andere Weise, nämlich mit dem erwähnten außerordentlichen Gedächtnis der Tiere, insbesondere der Pferde. Hierfür führe ich zahlreiche Beispiele an. Tiefes Gedächtnis ist für die Existenz des Tieres von der allergrößten Wichtigkeit, indem es nicht nur den Orts­sinn unterstützt, sondern z. B. auch bewirft, daß Futterstellen nicht in Vergessenheit geraten.

Es ist Herrn v. Ostens unbestreitbares Verdienst, das Ge- dächinis des Pferdes systematisch als erster auf Gegenstände gerichtet zu haben, die dem Tiere an sich sehr fern liegen. Seiner Tressur legte er die Methode des Volksschulunterrichts zu Grunde. Turch jahrelange Hebung erzielte er richtige Antworten auf Fragen aus den verschiedensten Gebieten. Ich halte es durch­aus mit der Intelligenz der Pferde vereinbar, daß sie die mensch­liche Sprache verstehen, Farben und Formen, groß und Kein, musikalische Töne usw. unterschieiden können. Nur die Beant­wortung der Rechenaufgaben halte ich nicht für ein Produkt des Zahlenverstünduisses, sondern lediglich für eine gewohnheitsmäßige durch das Gedächtnis bewirkte Reaktion auf eingeübte Fragen. Dem Pferde ist %. B. die Frage, wieviel 14 und 17 sei, so ost vorgelegt worden, daß es darauf in der gewohnten Weise reagiert. Richtige Antworten sind deshalb arrch bei verwickelteren Rechenoperationen z. B. dem Ausziehen einer Wurzel durch­aus nicht unmöglich.

Es gehört natürlich ein erstaunliches Gedächtrris dazu, sich die einzelnen Fälle zu merken und dadurch zu demselben Er­gebnis' zu gelangen, wie der Denkeitde durch abstrafte Rechen­operationen. Wer, wie ich schon bemerkte, das Pferd ist uns im Gedächtnis so sehr überlegen, wie es int Denken hinter uns zurückbleibt. Eingehenderes als hier bringe ich über di« vorstehend berührten Punkte in meiner genannten Abhandlung.

Am meisten hat mich in der ganzen Frage der Vorwurf ge­wundert, der an ein bekanntes Zitat anknüpfte:

Ich finde nicht die Spur

Von einem Geist, und alles' ist Tressur!"

Was ist denn bei unfern Schulftndern von etwa dreizehn Jahren Geist und was Tressur? Ich glaube, den Geist kann matt mit der ßaterne suchen. Ja, man fcmn noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, daß selbst bei Erwachsenen 90 v. H. ihrer Handlungen auf Tressur und nicht auf Geist beruhen.