Ausgabe 
26.9.1904
 
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Wr. 144.

1964

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Aus Lisöe.

Roman von M. v. Eschstruth.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Wohl schon über eine Stunde standen die Flügel des Hauptportals an der Garnisonkirche einer kleinen deutschen Residenzstadt geöffnet. Dicke Läufer erstreckten sich von den Schwellen des Gotteshauses bis weit auf die Straße. Ebenso lange schon strömten die Leute, vorzugsweise elegantes Pu­blikum, in die heiligen Hallen, hielten Frauen und Mäd­chen, eine Schor Kinder, deren Eingang besetzt, um so we­nigstens etwas von der Trauung, die für zwei Uhr angesagt ivar, abzubekommen. Und die Wagen beginnen zu rollen. Immer schneller einander folgend, halten sie vor dem hohen Portal. Die Umstehenden drangen, diebisch vergnügt, wenn sie auch nichts als das Ende einer Schleppe, den Schimmer einer Uniform, oder auch nur eine vornehme Nasenspitze mit dem Blicke erwischen.Se müssen doch endlich, kommen!" Se kommen!" so klang es setzt.

Und noch einmal länger recken sich alle Hälse. Was auf der Straße steht, blickt mit gespanntem Interesse einem eben daherrollenden Wagen entgegen, der sich schon von weitem, Hank der messinggeschirrten Rappen, einem Wappen auf dem Schlag, einem Jäger neben dem Kutscher auf dem Bock, als Privatbesitz verrät. Die Rappen werfen die schlanken Beine durcheinander, eine Wolke von Tüll, Blumen und Grün bauscht sich vor den Scheiben der Fenster undSe send's", klingt es noch, einmal im Chor.

Der Kutscher zuckt mit den Zügeln, die Rappen stehen wie eine Mauer. Der Jäger springt von dem Bock, im Nu hat er den heraneilenden Kirchendiener beiseite geschoben. Er wird es sich doch nicht nehmen lassen, heute seinen Harro den Herrn Leutnant zueskortieren". Im Nu wieder hat er denn auch den Schlag geöffnet, und steht der Wolke von blumigem Tüll gegenüber, aus der sich zuerst ein Offizier in hellblauer Husaren-Uniform löst und auf die Straße springt, um dann sofort Kehrt zu machen und seiner Braut aus dem Wagen zu helfen. Es währte ein Weilchen, es hieß vorsichtig sein mit dem sich bauschenden Gewebe, sodaß die Leute diesmal etwas mehr von der Braut zu sehen bekamen als nur einen vorüberhuschenden Streif.

Herr Gott, ist die schön! Und wie jung!" sagt plötzlich! jemand in dem Gedränge laut.

Die beiden Glücklichen hören es nicht. Sie hat eben die letzte Welle Tüll von dem Trittbrett genommen und schaut dem Bräutigam in die Augen: er aber legt ihren Arm in den seinen, um sein Liebstes über die Schwelle zu geleiten. Der Jäger aber hat die Worte gehört. Ein breites Lächeln fliegt über sein altes Bedientengesicht.Das ist auch ihr Glück", nickt er. hinter dem Paare herschireitend.

Na, etwas hat sie ja wohl, diese junge Braut, meint er beinahe wohlwollend jetzt, doch eigentlich reich konnte man! sie leider nicht nennen. Und er der Jäger na, er hätte es dem jungen Herrn gegönnt, denn die Urans hatten sich derzeit umtun müssen, ehe ex d. h. sein frühere« Leutnant der Water von Harro das große Avance­ment gemacht und zuletzt Kommandierender geworden wari. Damit endete der für sich ganz altmodisch-bescheiden ge­bliebene Bachmann seine Gedanken sehr schneidig und« modern.

Währenddem hatte sich der Zug im Vorhof der Kirchs geordnet. Sechs Brautjungfern und sechs Brautführer an der Spitze, sechs Brautjungfern und sechs Brauführer zumi Schluß, so schritt das junge Paar mit glückbeschwingtem Schritte den breiten Gang im Mittelschiff hindurch nach dem Altar. Nun standen sie da. Die junge Braut trug das lichtblonde Haar leicht zurückgewellt. Ein Krönchen von Myrten und Orangen ruhte aus dem zierlichen Kopst> und hielt den Schleier fest, der von hier aus die ganze Gestalt umfloß. Das wunderbar klare Gewebe, mit Myrten durchsetzt, war so geschickt arrangiert, daß jede Linie, jede Bewegung der reizenoen Mädchengestalt, die mit ihrem meisterhaft gearbeiteten Kleid von milchweißem Atlas wie verwachsen erschien, noch einmal so verführerisch in dieser schimmernden Umhüllung zur Geltung kam. Das Gesicht- chen der Braut, obwohl es der Schleier gar reizend um­hüllte, war dennoch frei genug geblieben, um die Züge erkennen zu lassen: eine heitere, klare Stirn, strahlende gründunkle Augen unter feingeschwungenen Brauen, eine schmale gerade Nase, ein kindlich frischer Mund, schlanke, weiche Wangen, die eben von bräutlicher Blässe überhaucht, wie aus Marmor gemeißelt erschienen.

Auch der Bräutigam machte einebrillante Figur", wie rinhs leises Flüstern ging. Es sei der schönste Mann, den sie je gesehen, vertraute ein nahestehendes Backfischchen! entzückt seiner besten Freundin an, und erwies sich so in ziemlicher Uebereinstimmung mit einer dunkeläugigen, etwas fremdländisch aussehenden Dame unter den Gästen, deren Blicke immer wieder zu dem jungen Offizier hinwanderten> als sähe sie ihres Mannes Leutnant heute zum ersten Male. Der pelzbesetzte Tolman, lose über die linke Schulter gehängt, ließ dessen hohe, stattliche Gestalt noch! stattlicher erscheinen, während die knappe, silberbestickte Jacke, die knappen silberbestickten Beinkleider, die knappen silber­besetzten Stiefel die feingliedrige Pracht seines Wuchses zur Geltung brachten. Auch Harro war blond, seine Augen aber strahlten in lachendem Blau. Die Nase war leicht ge­bogen, ein kleines Bärtchen, die Spitzen keck in die Höhe gedreht, prangte über dem jungen, genußfrohen Mund. Sie waren beide schön, der Bräutigam und die Braut, dazu elegant, ausnehmend elegant und vornehm, was heute, und namentlich für die Umgebung hier, noch, mehr bedeutet. Sie selbst dachten daran gar nicht. Sie sahen sich an, wie sie da standen vor dem Altar: nur eine Empfindung im