Ausgabe 
26.8.1904
 
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Wasser in das Becken sammelt, worin die Füße stehen. ' Wer es irgend haben kann, sollte jeden Tag eine solche Regenbrarise mit frischem, kaltem Wasser nehmen. Morgens bei nüchternem Magen vertragen es allerdings nicht alle. Diese tun daher besser, das Brausebad auf eine spätere Zeit des Vormittags, etwa eine halbe Stunde vor dem Mittagessen oder bis nachmittags mehrere Stunden nach demselben zu verschieben. , Wer sich keinen Brauseapparat anschaffen kann, begnüge sich mit kalten Ganzwaschungen, die täglich mindestens einmal vorgenommen werden müssen. Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher, kalter und langer Winter bevorsteht, der viele Menschen auf das Krankenlager oder gar Totenbett wirft. .Möge daher jeder, dem sein Leben und seine Gesundheit lieb ist, sich jetzt bei Zeiten wappnen gegen die Führ-- lichkeiten der winterlichen Jahreszeit, indem er sich abhärtet, seine Konstitution stählt und kräftigt, feine Haut an plötzliche Witter­ungsumschläge und jähe Temperaturunterschiede gewöhnt. Die Spätsommerzeit ist die letzte hygienische Gnadenzeit! Möge jeder sie schleunigst ausnutzen zu seiner Gesundheit Nutz und Frommen, zu seines Lebens Festigung und Verlängerung!

vermischter.

* Von einer Hochzeitsautomobilfahrt mit Hindernissen erzählt der BernerBund" eine launige Ge­schichte, die allerdings denHelden" der Tragikomödie, einem auf der Hochzeitsreise befindlichen amerikanischen Millionär und seiner jungen Gattin, nicht sehr heiter erschienen sein mag. Herr Henry Keudall-Thaw, ein heißblütigerAmerican Boy", verbringt seine Flitterwochen mit einem reizenden kleinen Frauchen auf dem Kon­tinent. Sein Vater lebt in Pittsburg und gilt als vielfacher Millionär. Unter den Hochzeitsgeschenken sand Herr Thaw jun. auch ein prächtiges Automobil, auf dem er nun die Schweizint Fluge" bereist. Auf dieser seiner Wanderfahrt gelangte er auch in die schöne Stadt Luzern und wolte von dort ins Berner Ober­land reisen. Gesagt, getan. Mit Blitzesschnelle ging es eines schönen Morgens cher Brünighöhe zu und jenseits auf Berner Seite abwärts. Plötzlich entdeckte Herr Thaw in einiger Ent­fernung ein zweites Automobil, das mit einer Kutsche zusammen­gestoßen war. Deren PfeÄte schlugen wild um sich und hatten die Deichsel bereits klein geschlagen; sie standen mit dem Wagen hart am Rande des Abgrundes. Herr Thaw ließ sofort feinen Chauffeur stoppen, sprang ohne Bedenken auf die wütenden Tiere zu und wußte sie durch sein geschicktes Eingreifen rasch zu beruhigen. Inzwischen hatte das andere Automobil in aller Eile ohne Ab­schied Luzern zu das Weite gesucht. Der Kutscher des Wagens schnaubt Rache, er muß ein Opfer haben, und so notiert er denn die Nummer votr Herrn Shaws Hochzeitsschnauferl. Mit dem erhebenden Gefühle, ein Unglück verhindert und ein Menschenleben gerettet zu haben, setzt das glückliche junge Ehepaar ahitungslos seine Reise in der Richtung nach Brienz fort, um sich nach Interlaken und Grindelwald zu begeben. Wie inan durch Brienz fährt, steht ein Mitglied der heiligen Hermandad mit einer Depesche in der Hand auf der Straße, um die Amerikaner abzufangen und zur Strafe zu ziehen. , Um Rache zu nehmen, hatte der Kutscher die Nummer des hilfreichen Automobils, .statt jener des rasch verdufteten nach Brienz telephoniert. Herr Thaw geriet in eine begreifliche Auf­regung und ließ sich als freier Amerikaner und im Bewußtsein seiner Unschuld nicht verhaften, sondern jagte nach Interlaken durch, den verdutzten Hüter der öffentlichen Ordnung mit der Depesche in der Hand weit hinter sich lassend. ^$n Interlaken freilich war an tein Entrinnen mehr zu denken. Die Polizei versteht sich dort trefflich auf den Automobilistenfang: bei der Zollbrücke Schlag­baum herunter, und die Herren sind in der Falle. So kommt auch Herr Thaw mit seiner Frau angefahren. Er besteht aus seinem Recht er beteuert dem Mann des Gesetzes seine Unschuld alles umsonst; höchst unsanft wird er am Arm gepackt, von feiner Gattin weggerissen und nach demSchloß" transportiert er, der Millionärsohn aus dem freien Amerika! DasSchloß" wird tn |einem Geiste zur Bastille: er sieht sich in ein fürchterliches Verließ geworfen und wird immer wilder.Das und das haben Sie verbrochen", sagt der Präfekt, auf die Depesche weisend, natür- ltch nicht in geschliffenem Englisch.Lügner!" schreit Herr Thaw. Was, ern Lügner . die hohe Obrigkeit von Interlaken ein Lugner! Das ist ein Staatsverbrechen, Herr Thaw! Da kann Ihnen die ganze Schönheit des Berner Oberlandes nicht helfen, nicht all die Annoneen, die die Fremden herlotsen sollen, nicht rinntal die berühmte Jungfrau, die so schön ins Präfekturfenster »ineinphaul. ,Brummen müssen Sie!" Herr Thaw, Sohn eines Lolzeu Millionärs aus Pittsburg,. U. S. A., wird in die Dunkel­kammer des Schlosses von Interlaken abgeführt aber nicht zu photographischen Zwecken. Draußen aber vor der Bastille sitzt uralten Linden auf vereinsamtem Automobil, in Tränen aufgelöst und die Hände ringend, die kleine Frau. Da geht einer ttjrer Landsleute vorbei; ihr Jammer rührt ihn, er spaziert hinein ins ,/schloß es gelingt ihm, des grimmen Schloßherrn im weiches' Herz zu rühren, und einige Minuten später ist Herr Thaw, nach Hinterlegung einer Kaution von 50 Dollars,

der goldenen Freiheit und seinem verzweifelnden Weibchen zurück- gegeben.

Literarisches.

Ueber Körperkultur enthält das 22. Heft des Kunstwarts" einen Aufsatz von Heberlin, der nachzuweisen suchfr daß unsere neuzeitliche Kultur sich zu ausschließlich mit dem Geist, der Bildung int engeren Sinne, und viel zu wenig mit dem Körper des Menschen befasse, und uns dringend dazu ermahnt, auch die Edelhaltung des Körpers, her die Seele trägt",, als Kulturauf- : labe zu erkennen. Wir entnehmen dem kritischen Teile des Ans­atzes die folgenden beachtenswerten Ausführungen: Das Gefühl, eines Körpers hat der Kulturmenfch bedenklich eingebüßt, die Empfindung .für Schönheit, Wahrheit. Zweckmäßigkeit einer Be­wegung. Zweckmäßigkeit bedeutet Erztelung größtmöglicher Wirk­ung bei haushälterischer Schonung der Kraft. Man sehe sich den Gang eine# Beduinen an. Welche Würde der Haltung, welche wohl­tuende Ruhe, welche abgerundete Schönheit der Bewegung! Da­neben das hastige, zappelnde, unruhige, eckige Vorwärtseilen des Europäers. .Ich kenne einen, der zu den Wortführern der mo­dernen Kunst gehört: er gestand, daß er sich zwischen den Arabern in Tunis wegen feiner Kleidmtg wie wegen seiner Körperkultur wie ein Barbar erschienen sei, und daß es den Gebildeten unter den Europäern dort fast allen so ergangen fei. Auf der Weltausstell­ung von 1900 mit ihrem Zusammenströmen aller Nationen hat gewiß mancher den Eindruck bekommen, daß der elegante Mode- menfch an Grazie des äußeren Auftretens seinen Meister in den rohen Eingeborenen wilder Länder findet. Und wenn sie gar nackt nebeneinander gestanden Ijütten! Das Klägliche unseres durch­schnittlichen Mangels an Körperkultur würde dann zumeist nicht einmal lächerlich, nein, beinahe grausig in Erscheinung getreten fein. Am neugeborenen Kinde des Kulturmenschen bereits erweist sich jetzt der Mangel an körperlicher Gewandtheit. Gegenüber dem lebhaften, beweglichen Säugling des Naturvolkes ist unser Baby schwerfällig und langsam. Eine sprichwörtliche Unbeholfen­heit zeigt dann unsere Heranwachsende Jugend, wenn der auf­schießende Körper in verlegenem Zweifel scheint, was er mit seinen Armen und Seinen hnfangen soll. In Schulbänken, schweren Stiefeln, engen Kleidern lernt er's freilich nicht. Doch dafür haben wir dieAnstandsstunde", die wundertätige Bildnerin des ungelenken Körpers. .Herrlich sind ihre Früchte. Achtzehnjährige Jünglinge bringt sie rasch und sicher zur gemessenen Würde gereifter Männer, sechzehnjährige Mädchen legt sie auf die zarten Schul­tern die drückenden Lasten und Pflichten der granbe bunte, ber bie jugendliche Munterkeit durch düstere Erfahrungen geraubt scheinen. Der Militärdrill, der, wie eine Zeitung jüngst ernsthaft sagte, ausdas stillose Gezappel des bürgerlich ehrsamen Mannes" selbsb- zufrieden herabsieht, ist nun eigentlich auch nicht gerade eine har­monische Leibesausbildung so viel gutes er sonst haben mag, er ist eher das Gegenteil davon. .Er erstrebt ja auch etwas anderes. . Er gibt steife Haltung, .ruckartige Bewegungen (das Knochenhusammenreißen), und vor allem die Maschinenmäßigkeit (?) jedenfalls also nicht das, wovon wir heute sprechen. Ist das Militärjahr abgemacht, so geht die einseitige Geistesbildung weiter.Hochgebildet" will jeder heißen, >,wohlgebilbet" zu sein ja, das ist ein Geschenk der Natur". Es scheint, als ob man davon nur abtragen könnte, und zwar int Raubbau. Und doch sind wir bereits in eine Zeit eingetreten, dah'eistige Ausschweifungen" sich dem, Menschengeschlecht als ebenso gefährlich gezeigt haben wie leibliche, und die Stimmen mehren sich von Jahr zu Jahr, die den Mangel an Körperpflege als eine Gefahr empfinden.

Bilderrätsel.

(Nachdruck verboten.)

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Magischen Zahlenquadrats in vor. Nr.r

9 20 16 21

23 14 18 11

22 15 19 10

12 17 13 24

Redaktion : Paul Witiko. Rotationsdruck und Verlag bet Brühl' fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.