Areitag den 26. Sekruar.

1904.

MM

(Nachdruck verboten.)

Wssa Jakconieri.

Von RichardVoß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Der Graf Cola Campana

an

Herrn Richard Voß

Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland.

Villa Falconieri, Hochsommer.

Meine letzten Aufzeichnungen blieben im Schreibtische liegen. Vielleicht schicke ich auch diese nicht ab.

Heute depeschierte ich Dir und bat Dich, unter keinen Umständen herzukommen.

Zum Glück verstehst Du, daß es hier nichts zuhelfen" und zuretten" gibt, daß die Sache rettungslos ist. Ich danke Dir für Tein Verständnis. Es wäre bei Dir ja auch gar nicht anders möglich gewesen.

Und mehr noch als hierfür, danke ich Dir und Deiner Frau Eure Geschwisterliebe für Maria. Ihr wißt: Dank ist bei mir kein Wort, sondern eine Empfindung.

Daß Maria herrlich sein würde, wußte ich.

Cie ist eben Maria!

Die Größe, die sie in diesem schweren Konflikt zeigt, zermalmt mich jedoch nicht; sondern erfüllt mich mit einem stillen, starken Glücksgefühl über das Dasein solcher Frauen. Maria lehrt mich jeden Tag von neuem, daß ich die Seele der Frau doch richtig erkannte, daß es nichts Höheres und Verehrungswürdigeres gibt als das reine Weib, daß der Liebesgewalt der edlen Frau kein Ding auf Erden un­möglich, ist.

Sie wird für mich lebenslang das Reinste und Höchste sein: ein stilles, leuchtendes Sternbild.

Was geschehen soll, kann ich Euch zur Stunde noch nicht sagen. Erweiset mir auch noch diesen letzten Liebes­dienst: seid geduldig mit mir und wartet noch eine kleine Weile.

Jedenfalls muß bald etwas geschehen.

*

Ich bin freilich ein anderer Mensch geworden: e n neuer Mensch! Ich wußte nicht, daß solche Wandlung eines Menschen möglich sein könnte, Un) wodurch sie bei mir erfolgte! Ich begreife auch nicht mehr, daß ich schon einmal in meinem Leben geliebt haben soll: damals, als ich meinen Jahren nach jung war.

Ich habe nur ein einziges Mal geliebt: jetzt!

Ich weiß nicht, wie andere Menschen lieben . . . Bis­weilen versuche ich einen Vergleich zu ziehen. Auch zwischen

mir und der erdichteten Liebe: zwischen mir und meinen eigenen Helden zum Beispiel.

Aber das ist ja alles unwahr!" rufe ich dann aus. Das sind ja nur Worte, nichts als Worte! Nur leerer Klang und Schall, nur der matte irdische Abglanz eines himmlischen Sonnenfeuers . . ." Und ich schäme mich meiner Stümpereien.Das konntest Tu einmal bettien und dichten, das für Empfindung und Leidenschaft halten, das in einem Moment der Ekstase schön und bedeutsam finden?!"

Nur Shakespeare, Dante und Goethe konnten die Liebe dichten.

Wie ein achtzehnjähriger Schulknabe lese ichRomeo und Julia", lese ich in dergöttlichen Komödie" die Mala- testa-Tragödie, leseWertster",Faust" undTasso". Ich lese diese hohen Lieder der Liebe, als wäre es zum ersten Male.

Du solltest nur sehen, wie verändert ich bin. Ich habe das Gefühl des Unsterblichen! Anders kann ichs nicht aus­drücken.

Ich schildere Dir Viviane nicht. Ich müßte ein großer Dichter sein, um sie Tir schildern zu können. Ich sage Dir auch nichts von unserem Leben. Jeden Tag treffen wir uns auf Tusculum in einem kleinen Hause, welches mir gehört. Es ist jetzt auf dem schönen wilden Berge so einsam, daß ich gestern einen Wolf durch die Ruinen streifen sah.

Diese schändliche Heimlichkeit muß natürlich bald ein Ende nehmen.

Sehr bald!

*

Auch sie wird täglich mehr und mehr zu einem neuen Menschen umgewandelt. Und alle diese Wunder vollbringt die ein achste, natü ichste, menschlichste al er Empfindungen, die zugleich so göttlich ist, daß sie mit der Schrpserkraft er­schaffen kann. . . Aber es läßt sich nicht ausoenkcn. was wir Männer an einer Frauenseele auch wiederum sündigen können.

Wir sind dann zehnmal ärger als Totschläger.

Maria vermochte ich nicht zu helfen ich vermochte nicht! Ich helfe Viviane; denn ihr kann ich helfen.

Ihre ganze Entwicklung als Weib liegt vor mir wie ein geöffnetes Buch Zum um Zug sehe ich was an ihr verküinmerte und wie dies geschah. Das Leben war für sie eine standesgemäße Zuchtanftalt, daraus sie schließlich als grande mondaine hervorging. Von ihrer ganzen Empfind­ung als Weib blieb nur die Sehnsucht übrig.

Diese bewahrte sie vor völligem Untergang und diese verzehrte sie zugleich. Denn die Aerzte täuschten sich. Ihre tödliche Krankheit heißt nicht Schwindsucht oder Auszehrung, sondern:Sehnsucht!"

Sehnsucht nach Licht und Leben, nach Liebe und Glück.

Und Sehnsucht nach dem einen und einzigen Manne, der für dieses eine und einzige Weib geschaffen wurde.

Und dieser Mann bin ich!

*