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Diesem Menschen war nicht Seizukommen; aber noch einmal wollte er es versuchen, ihn aus seiner Scheinheiligkeit herauszutreiben, und ohne jeden Uebergang, nur um ihn plötzlich zu überrumpeln, fragte er:
„Sagen Sie einmal, wie erklären Sie sich die ganz unmotivierte Aufsässigkeit der Leute gegen mich und meine Anordnungen?"
Erich war bei dieser herausfordernden Frage mehr als der Pfarrer erschrocken, und um dieselbe möglichst zu mildern, begann er erklärend hinzuznsetzen:
„Papa meint nämlich, daß . . ."
„Der Herr Pfarrer wird schon verstanden haben, wie ich es meine", unterbrach ihn der Vater scharf.
,^Jch weiß nur eines und zwar: Daß diese Aufsässigkeit nur • in Ihrer Einbildung existiert", entgegnete der Pfarrer, gi) noch immer zur Gelassenheit zwingend. „Wenn unser auer wirklich einmal Befehle nicht ausführt, dann hat er sie entweder nicht verstanden, oder aber er war zu faul zum Befolgen. Und sehen Sie, mein lieber Herr von Höchstfeld, „die Faulheit ist hier eine Krankheit, und wie man eine solche nicht auf Böswilligkeit zurückführen kann, so auch jene nicht. Mau muß nur die richtige Medizin dagegen anwenüen — Milde, Geduld und Güte, und wenn man damit wirklich nicht mehr auskommt, nun dann greift man eben zum Radikalmittel, das heißt zum Prügel und haut so lange drein, bis die Faulheit kuriert ist,"
„Ich will mir Ihre Lehre zunutze machen", brummte der Major ingrimmig, „von nun an soll es nur mehr Prügel geben — wirkliche und moralische — gegen alle, die sich mir irr den Weg stellen."
„Das wäre zu weit gegangen", hielt ihm der Pfarrer mit bedächtigen Worten und jede Silbe scharf betonend^ vor — „erst muß man von der Schuld und dem bösen Willen auch überzeugt sein. Die Prügel dürfen nicht das tägliche Brot sein, sonst verlieren sie ihren erzieherischen Wert. Um übrigens auf Ihre Beschwerden detaillierter einzugehen, so sagen Sie mir nur einen einzigen Fall von absichtlicher Nichtachtung."
„Ich dächte doch, daß Sie davon wissen, wie mir gleich zu meinem Empfang mitgespielt wurde", fing der Major zu räsonieren an, „die halbe Nacht mußte ich mit meiner Familie auf der Landstraße liegen bleiben, und ich kann noch unserem Herrgott danken, nicht als Extrazugabe wieder das Podagra in dre Glieder bekommen zu haben."
„Und warum sind Sie nicht in meinem Hause gaMch eingekehrt?" fragte ihn der Pfarrer vorwurfsvoll.
Der Major zögexte mit der ihm auf der Zunge schwebenden Entgegnung und schwieg, als Erich für ihn antwortete: „Wir hatten damals noch nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich doch gezögert haben. Sie in Ihrer Nachtruhe zu stören,"
Der Pfarrer schüttelte ein um das andere Mal den Kopf. „Das will mir nicht einleuchten", sagte er endlich und sich speziell an Erich wendend, fügte er hinzu: „Ich denke, wenn das kleine Malheur Ihnen allein zugestoßen wäre, so hätten Sie sich doch, zu mir gefunden, aber , . . \
„Wie soll ist das verstehen?!" interpellierte ihn Herr von Höchstfeld, sich stramm in die Höhe richtend.
„Ganz einfach", entgegente der Pfarrer gelassen, „ich will damit gesagt haben, daß die Jugend solche, doch nur von der Etikette diktierte Bedenken leichter beiseite schiebt — und das ist auch ganz recht. Ich bitte Sie, wo sollen wir denn hinkommen, wenn wir uns das bißchen Leben selbst noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist! Wenn ich Ihnen also einen Rat geben darf, dann werfen Sie all diesen unnötigen kulturellen Ballast, zu dem auch das Mißtrauen gegen Ihre Mitmenschen gehört, von sich, und Sie werden sehen, wie wohl Sie sich dann bei uns fühlen werden,"
„Sehr verbunden für Ihren Rat", dankte ihm der Major reserviert, „he ich. aber diesen kulturellen „Ballast" von mir schüttele, müßte ich doch erst überzeugt sein, etwas Besseres dafür einzutauschen. Meine bisherigen Erfahrungen ..."
„Diese existieren nur in Ihrer Einbildung", unterbrach ihn der Pfarrer, diesmal schon etwas ungeduldiger.
„Da möchte ich denn doch sehr Bitten Y‘
^Jawohl, nur in Ihrer Unbildung", wiederholte der Pfarrer bestimmt und sich, wie er es in der Erregung stets zu tun pflegte, mit dem Taschentuch über Schädel
und Gesicht fahrend, fuhr er fort: „Sie hielten es damals auch für Bosheit, daß die Wagen zu spät zur Station kamen, während die Schuld doch nur an dem zu frühen Eintreffen des Dampfers lag."
„Wenn ich geahnt hätte, welche Unannehmlichkeiten mir daraus entstehen würden", brummte der Major, „dann wäre es mir beinahe lieber gewesen, er hätte seine „landesüblichen" Verspätungen eingehalten, und es wäre mir in diesem Falle gar nicht eingefallen, über diese Lotterwirtschaft zu räsonieren."
(Fortsetzung folgt.)
Ale WolLskunst-Ausstessung auf dem
KoNrodsKopf.
Bon Ernst Freundlieb, Pfarrer zu Ulrichstein.
(Schluß statt Fortsetzung.)
Tie dreißig Sachen, die von Döring zur Ausstellung gebracht waren, — sie sind, was auch nicht uninteressant ist, gelegentlich auch ein in al auf einen Reichstagswahlzettel oder auf die Rückseite eines Verzeichnisses der Lauterbacher Märkte gemalt, — xim- foffen zur Hälfte Blumenstucke, (auch ein Stilleben" ist dabei), zur anderen Hälfte landschaftliche Darstellungen, darunter fünf verschiedene und verschiedenarttg ausgesührte Gesamtansichten von Dirlammen. Es waren:
Blatt 1. Zwei Stiefmütterchen und Schrnetterling (Pfauen-^ äuge)).
Blatt 2. Ein Stiefmütterchenstrauß (beides Wasserfarben- fkizzen von feiner Farbenwirkung).
Blatt 8. Verschiedene Blumen (Hahnenfuß und Rofen- knöspchen) und Gräser mit Schmetterlingen (Fuchs und Kohlweißling) und Bienen, .auch ein (außerordentlich fein gezeichnetes) Spinnennetz mit einer kleinen Spinne. (Alles außerordentlich zart und duftig gemalt, besonders die beiden Schmetterling« sind ganz vorzüglich. Lch rechne das Blättchen zu den besten der Sammlung.)
Blatt 4. .Rose und Nachtigall. (Das Blatt ist nach einer Vorlage gemalt, aber gleichfalls von einer ganz außerordentlichen Zartheit der Zeichnung wie der Farbe. Im Blattwerk ist! eine kleine Schnecke mit gelb und schwarz gezeichnetem Haus, ein kleiner Schmetterling, .ein Bläuling, vielleicht ebenso wie das Liebespärchen im Hintergrund links unten als eigene Zutat (?) hinzugekommen. .Störend wirft es jedenfalls nicht, erhöht vielmehr die „innige" Wirfting.)
Blatt 5. Ern Glas mit einem Heckenrosenstrauß. (Bleistiftzeichnung, sauber und sicher.)
Blatt 6. , Farbenskizze: Trollblume (äußerst plastisch und naturwahr, auf der Rückseite ein Apfelblütenzweig).
Blatt 7. .Pastellstudie: eine Gartenblume (Lilie?) mit dicken Stengeln und Bälttern und mit rosagelben und blauen Blütenblättern (aus der neuesten Zeit stammend und mit sicherer Strichführung zart und gut gemalt).
Blatt 8. Oberwaldstrauß, Bergslockenblume und Bergwohl- verluh (gleichfalls Pastell und aus neuester Zeit stammend, der Wohl die Anwendung der Pastelltechnik überhaupt 'Angehört (?). Tie Bergflockenblume ist ganz vorzüglich, die Arnika dürfte in den Farben noch etwas tiefet und saftiger gehalten sein).
Blatt 9. .„Feldblumen" (farbige Skizze, in der Zeichnung fein, die Farben sind zum Teil mehr gngedeutet als durchgearbeitet, — es ist eben Skizze —, der Klee ist vielleicht etwas zu blau, der Boratsch ist nicht tief- und saftigblau genug).
Blatt 10. Feldblumenstü'ct (zwei Kleeköpfe mit Blättern, ein abgeblühter Löwenzahnsteugel zwei Hahnenfußblüten, drei Margeriten und ein Glockenblümchen, eine Dolde und zwei verschiedene Rispen, eine blühende Gras- und zwei Fruchtähren, alles von einer wunderbaren Zartheit der Zeichnung wie der Farbe. Man begreift kaum, Die die Hand, die doch die Sense führt, so etwas hinbrtngen kann. Tas Blatt ist eines der Glanzstücke der Sammlung).
Blatt 11. Stilleben, Oelskizze (von einem dunklen rotbraunen Untergrund hebt sich ein Tisch ab, gedeckt mit weißem gelbgetups- tem Tuch, darauf ein messingener Kaffeekessel und eine Porzellantasse. sowie ein gleichfalls porzellanenes Milchkännchen. Rechts von dem Tisch steht ein einfacher Stuhl mit rohrgeflochtenem Sitz. Ueber das Ganze ist Behagen und Gemütlichkeit gebreitet. Tie Wiedergabe der im metallenen Kessel spiegelnden Lichter erscheint in hohem Maße gelungen. Tas kleine Stückchen ist Originalarbeit und dürfte gleichfalls zu den besten Sachen der Sammlung zu rechnen sein).
Blatt 12. Heckenrosenstück mit zwei Schmetterlingen. (Unterschrift: „Wie schön ists doch in diesen Tagen, wo selbst die Dorne Rosen ttagen". Das Stück ist in Zeichnung und Farbe sauber und fein, doch ist die Anordnung vielleicht etwas allzu konventionell und nicht rechtfrei, .es beftiedigt deshalb weniger.
Herr von Höchstfeld zwirbelte nervös an seinem Bart. Der größere der Leiden Schmetterlinge, rin Pfauenauge „mit


