1904.
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WonLag den 22. August. ■ >
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Gin angenehmes Gröe.
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ernas ganzer Trotz schrumpfte plötzlich in ein Nichts zusammen, und obgleich sie die Blicke der ritterlichen Jünglinge auf sich gerichtet fühlte und wußte, daß nun ihr ganzes Prestige in die Brüche ging, so kroch! sie doch zu Kreuze und bat flehentlich:
„Nicht zur Mama — lieber Herr Pfarrer, nicht zur Mama!"
„I, warum denn nicht?" spottete dieser „sie wird sich gewiß freuen,' gleich drei Schwiegersöhne zu bekommen. Mehr Glück kann einer Mutter doch! nicht widerfahren" — dann, nachdem er sie eine zeitlang hatte zappeln lassen und glaubte, annehmen zu dürfen, daß sie der ausgestandene Schreck für eine Weile kuriert habe, lenkte er ein, gab ihr noch eine gute Lehre mit auf den Weg und ließ dann sie nach der einen und die Zwillinge nach der anderen Seite laufen.
Schmunzelnd sah er ihnen nach.
„Oh, ihr glücklichen Kinder", dachte er seufzend, „wer doch nie mehr Kummer und Sorgen hätte als ihr!" Dann wandte er sich wieder den Wirtschaftsgebäuden zu, wo im selben Augenblick Herr von Höchstfeld mit Erich vorfuhr.
Als ihn der Major erblickte, umdüsterte sich seine Stirn ganz bedenklich, und laut genug, daß es bis zu dem Herannahenden dringen konnte, sagte er zu Erich: „Ich möchte wissen, was der hier zu suchen hat!"
Der Pfarrer zuckte zusammen, aber getreu seinem Vorsatz, jedem neu auftauchenden Zwiespalt durch äußerste Ruhe und Gleichmütigkeit von vornherein den Stachel zu nehmen, tat er, als ob er nichts gehört hätte und ging ihnen entgegen.
Herr von Höchstfeld konnte ihn schließlich nicht mehr ignorieren, wenn er es nicht zum offenen Bruch treiben wollte, und mit zurückhaltender Höflichkeit sagte er:
„Guten Tag, Herr Pfarrer, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?"
„Ich komme in Kirchenangelegenheiten", erwiderte ihm dieser mit gleicher Zurückhaltung, „Sie wissen doch, daß Sie Patronatsherr sind."
„Nein, das wußte ich, nicht", gestand der Major und malitiös setzte er hinzu „wenn Sie nicht etwas brauchten, würde ich es wohl auch nicht so bald erfahren haben."
Dem Pfarrer schwebte eine scharfe Entgegnung auf der Lippe, und es fiel ihm nm so schwerer, mit dieser hinter dem Berge zu halten, da er gerade nicht gewohnt war, seine Worte auf die Wagschale zu legen. Vollkommen still sein konnte er dazu aber doch nicht, und etwas weniger
gelassen, als er eigentlich wollte, entgegnete er: „Daran sind Sie nur selbst schuld."
„Ich? Wieso ich?" fragte der Major spitz.
„Weil Sie seit Ihrem Hiersein auch! unserem IteBen: Herrgott einmal einen Besuch hätten abstatten können; bei dieser Gelegenheit würde Ihnen der Küster schon die Patronatsstühle angewiesen haben."
J)ttt — werde das bald nachholen", brummte Herr von Höchstfeld ärgerlich und war nicht wenig erbost, daß der Schlag wieder auf ihn zurückgeprallt war.
Der Pfarrer hingegen freute sich innerlich: da es ihm aber darum zu tun war, Frieden und nur Frieden zu säen, so beeilte er sich, die bittere Pille zu verzuckern. „Wie Sie das halten wollen, ist natürlich, 'Ihre eigene Sache, mein bester Herr von Höchstfeld", sagte er deshalb mit freundlicher Bonhomie, „int übrigen beurteile ich den Menschen nicht nach der zur Schau getragenen Frömmigkeit. Ich kenne Leute, die sich, außer an den hohen Feiertagen, nie in der Kirche sehen lassen, und doch bin ich überzeugt, daß sie unfern Herrgott im Herzen tragen; hingegen finden sich, 'auch in meiner Gemeinde Exemplare, die bei keiner Messe fehlen, und denen ich, 'trotz alledem nicht einmal mein leeres Portemonnaie anvertrauen tvürde. Das ist nun einmal nicht anders in dieser verkehrten ML"
Wenn Sie das wissen, dann wäre es doch Ihre Pflicht, diese verstockten Sünder ans den rechten Weg zu führen v. meinte der Major kalt. ,
Der Pfarrer schmunzelte ganz zufrieden vor sich, hin. „Nun, Sie sollten nur einmal hören, wie ich denen dm Hölle einheize", sagte er, und mit wohlberechneter Harm« losigkeit setzte er hinzu, „selbst Ihnen, der Sie doch gewiß kein Falsch und keine Verstellung kennen, würde dabei ganz heiß werden. Was an mir liegt, geschieht also; ine Besier- ung indes kann ich nicht erzivingen, die muß von innen heraus kommen — ich wecke nur das Gewissen. Bei dem einen tue ichs durch Grobheit, bei dem anderen durch Güte, aber jedem bin ich vor allem der Freund, der seine Sünden Begreift und verzeiht, wie ich mir auch die meinen t) er a cili 6 n
Der Major hatte ihn schon die längste Zeit von der Seite angesehen und nicht gewußt, wie er aus diese, doch sicherlich auf ihn gemünzte Anspielung antworten soNte. Jetzt glaubte er es zu haben, und mit tiefer Bitterkeit
ja, .sich selbst verzeihen ist freilich leichter als citibcrcii */z
„Sagen Sie das nicht", meinte der Pfarrer mit unerschütterlicher Ruhe, „ich für meine Person finde es sogar viel schwerer, denn gegen niemanden ist der Mensch, so streng, wie gegen sich selbst, — das heißt, wenn er sich wirklich einmal ernstlich und ehrlich in sein Inneres verkriecht und falsche Scham den angesammelten Sundenunrat aufwirbelt und ein gründliches, ordentliches Reinemachen abhält."


