Ausgabe 
22.2.1904
 
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Montag den 22. Aköruar.

BW

(Nachdruck verboten.)

Wüa Jatconieri.

Von Richard Voß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Mein ganzes Leben ist Staunen geworden.

Tausend Dinge gehen in mir vor, davon ich nichts wußte wie hätte ich davon auch wissen können?! Ich glaubte zu wecken und wurde selbst geweckt; ich glaubte zu erlösen und wurde selbst erlöst. Jetzt treibt es und blüht, drängt und stürmt, wird und gestaltet sich.

Ich kann immer nur staunen, immer nur still vor mich hinsprechen:

Siehe, ein Wunder!"

Wenn ich! Leute sehen muß, so ist mir"s, als ginge ich mit leisen, leisen Schritten glanzvoll durch die Menge, als wäre es stumm und feierlich! rings um mich als spräche eine göttliche Stimme:

Sieh, so schuf ich das Weib!"

Verstehst Du, was ich meine?

Aussprechen läßt es sich nicht.

Du mußt es ahnen können.

Und Cola?

Er begriff mich nicht, als ich zu ihm sagte:

Du bist ja so jung! Tu bist ja viel jünger als ich."

Weil seine Jugend so lange den Zauberschlag schlief, ist sie die Jugend eines Kindes geblieben. Und dann ängstigt sich der Mann fort und fort, quält sich und mich daß er zu alt wäre:viel zu alt".

Dann lache ich ihn aus ...

Ob er wirklich! ein Genie zum Dichten besitzt, weiß ich nicht; ich! weiß nur, daß er Genie hat zu lieben.

Und ich! muß staunen, staunen.

*

Höre und lache! Aber lachen kann Deine kühle Hoheit ja nicht.

Also höre und lächle.

Wir sind uns einander ähnlich. . . Lächelst Du auch? Denn er und ich wir sollten einander ähnlich sein? Ter große, unverbesserliche Träumer und die große, unverbesser­liche Mondaine!

Und doch ist es so.

Er lebte in einer Oede wie ich; er war darin ver­kümmert, bereits halb zu Grunde gegangen wie ich; er verzehrte sich in Sehnsucht wie ich.

Noch! mehr Aehnlichkeiten!

Ich sehe die Natur mit seinen Dichteraugen; und was ich sehe, drücke ich! oft beinahe mit seinen Worten aus. Du solltest dann sein leuchtendes Gesicht sehen! Gestern bemerkte ich eine hohe Rüster, die am Wipfel mit feinen, feinen Zweigen in die Luft griff. Ich! sprach davon, wie die alte

Waldriesinsich aushauche". Da meinte er das nämliche, was Du einstmals im Kloster behauptet hast: in mir wäre ein Fünklein Poesie.

Weißt Du, Tina ich glaube, ich sah die Natur schon damals mit seinen Augen. Und ich sah sie so, weil meine Seele noch ein vollkommen leeres Blatt war. Auf diese weiße, weiche Fläche schrieb seine Hand mit scharfem Griffel. Denn Tu erinnerst Dich des «Eindrucks, den seine Natur- schilderungen schon damals auf mich machten? Unbewußt wirkte er dann in mir fort und fort.

Und das wäre kein Wunder?!

Ich! erzähle ihm Märchen. Und weil ich alle Märchen, die ich weiß, ihm bereits erzählte, so erfinde ich! selber Ge­schichten. Ich tue es nur darum, weil er mir zuhört wie ein Kind; und weil dann seine Augen solchen Glanz haben.

Du siehst, was aus uns beiden geworden ist:

Zwei glückliche Menschen!

*

Des Schlüssels zu der Keinen grünen Pforte bedürfen wir nicht. Wir sprachen darüber gar nicht, es verstand sich von selbst. Er kommt nicht hinunter in die Villa Taverna, die der Prinz bewohnt; und ich gehe nicht hinaus in die Villa Falconieri, wo auch er nicht allein war.

Wo wir zusammen sind?

Niemals hat ein Liebespaar solchen seltsamen Schlups», winkel gehabt!

Auf Tusculum ist es jetzt so einsam wie am Ende der Welt; denn die Hitze hat selbst die Hirten hinuntergetriebeü in die Wälder von Rocca di Papa. Nur Scharen großer Smaragdeidechsen Hausen in den verbrannten Gräsern und Kräutern, deren Wohlgerüche uns umströmen. Den Gipfel bedeckt verdorrtes Farrnkraut, welches dasteht wie aus Gold­bronze ziseliert. Und Felder blühender Königskerzen er­strecken sich, von der Höhe bis ins Molaratal hinab, daß der Berg einem Riesenaltar gleicht, dicht besetzt mit kunstvoll gearbeiteten Kandelabern. Aus dem silberhellen Laubwerk erheben sich die schlanken goldigen Blumenfackeln, von der Sonne für unsere Licbesfeier entzündet.

Aber in den Ruinen der Tibervilla glänzt und gleißt der ganze römische Sommer! Die Höhlungen, die die ver­sunkenen Hallen in den Boden gerissen haben, füllen weiße Cistusrosen und bunte Wicken; in den eingefallenen Wölb­ungen, durch, deren Schuttwälle man wie durch die Trümmer eines Bergsturzes schreitet, wuchern unter blühenden Hol­lunderbäumen mannshohe Disteln mit großen violetten, pur­purroten und ultramarinblauen Blüten, und das einstmalige Nymphäum des schrecklichen Tiberius ist ein einziges Mal­venbeet.

Blumendickichte bilden jetzt das Unterholz der Kastanien­wälder, die in der Tiefe rings um Tusculum einen dichten Wall ziehen. Die schönen Bäume stehen in voller Blüte; und die weißen Kronen leuchten zu unserer Höhe empor, als würde der Berg von märchenhaften Schaumwellen um­brandet. An Sciroccotagen sind wir von der Welt durch