Ausgabe 
22.1.1904
 
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Unsere alte Warle.

Von Margarete Stadler.

Wie ein substantieller Gruß aus meiner alten Weichsel- heunai stand sie vor mir, im kornblumenblauen Wollkleide, eine riesigeWippe", wie man bei uns zu Hause die hellen breitkrempigen Strohhüte nennt, auf den dicken, schwarzen, vielfach um den Kopf gelegten Flechten. Sie war damals noch nichtdie alte Marie", konnte aber auf Schönheit ebensowenig Anspruch erheben wie heute mit ihrer kleinen untersetzten' Figur und dem gelben, pockennarbigen Gesicht, aus welchem zwei kleine Aengelein freundlich und treu­herzig blickten.

Aber nachdem sie im Osten des Reiches erst meiner Schwiegermutter, dann meiner verheirateten Schwägerin treu gedient hatte, worüber sie allmählich 38 Lenze alt ge­worden war, wollte sie durchaus Berlin kennen lernen, und natürlich war ich, wie Reuters Frn Pastern sagt, die Nächste dazu, sie mit der Metropole bekannt zu machen. Allerdings hatte Marie in ihrem Aeußeren der Reichshaupt­stadt wenig Konzessionen gemacht, und die anderen Mädchen im Hause lachten sie in ihrem altmodischen Putz tüchtig aus. Aber Marie ließ sich nicht beirren, auch hatte unser Spree­athen wenig Gnade vor ihren Augen gefunden. Für das Treiben in den Straßen interessierte sie sich wenig, weil es sie naturgemäß beängstigte, und es war ihre größte Freude, daß ganz in unserer Nähe eine katholische Kirche sich be­fand, wohin sie jeden Donntagmorgen in oben beschriebenem Staat, den ein rotbuntes türkisches Schaltuch halb ver­hüllte, mit einem großen Gebetbuch und riesigen Taschentuch in der Hand wanderte, sobald die Glocken zu rufen be­gannen. Nachmittags pflegte sie dann ihrer großen bunten Lade", einer altväterischen mit riesigen Tulpen bemalten Truhe, die Photographien ihrer verehrten früheren Herr­schaft zu entnehmen und mit diesen und weiteren Andenken, als da waren: eine kleine mit Muscheln beklebte Schachtel vomDanziger Dominik", welche winzig kleine Nähuten- filien und einen Miniaturspiegel enthielt, ein paar in grellen Farben ausgeführte Heiligenbilder und dergl. mehr einen gemütlichen Sonntag unter vielem Kaffeetrinken und Erzählen zu verbringen, wobei sie meiner Schwiegermutter stets mit glühender Verehrung gedachte, die sich in den Worten aussprach:Un die Frau Amtmann is so gemein! Viel gemeiner un niederträchtiger wie Sie, gnädige Frau", was für den Nichteingeweihten befremdlich klingen mag, aber leichter verständlich! wird, wenn man weiß, daßge­mein" undniederträchtig"leutselig" undherablassend" bedeutet.

Unsere Kinder hingen mit großer Zärtlichkeit an ihr und sie wieder war sowohl demJretche" wie demAlt- friedche", wie sie die Namen Grete und Alfred aussprach, herzlich, zugetan und erzählte den Kindern unermüdlich! aus ihrer Heimat, von dem Leben der Flissaken, die auf Flößen geboren werden, leben, lieben und sterben und auf Keinen Weidenflvten so schöne Musik zu machen wissen in ihrem schwimmenden Reich. Tas war für die Kinder eine Märchen- ivelt, und auch Maries drolliges Polnisch-Deutsch war ihnen eine Quelle des Entzückens, sodaß mein kleiner Alfred eines Abends beide Aermchen um meinen Hals schlang und schwär­merisch sagte:Mama, wenn ich groß bin, heirate ich die Marie, die hab' ich so lieb, weil sie immerdas Milch" sagt undderr Brott".

Allgemach begann auch Marie sich an die Berliner Luft zu gewöhnen und zwar durch die gütige Mitwirkung von Portiers".

Jede Berliner Hausfrau weiß, daß die Portierfrau eine Macht ist, mit der gerechnet werden muß. Wehe, wenn sie in Feindschaft mit den Mädchen lebt, dreimal wehe aber, wenn diese zu einem innigen Freundschaftsbunde wird, welche überraschende Wandlung innerhalb 24 Stunden vor sich gehen kann.

_ So war es auch hier. Nachdem Marie im unverfälschten östlichen Heimatsdeutsch die Portiersfrau unaufhörlich für einedwatschss Flirr" alberne, putzsüchtige Person und einerechte Schlunz" unordentliche Frau erklärt hatte, war sie plötzlich zur Erkenntnis ihrer guten Seiten gelangt. Von nun an hieß jene nur nochdie Frau Krausen" und was sie sagte oder tat, wurde mir treu berichtet. Diese unerwartete Wendung der Tinge hatte darin ihren Grund, daßPortiers" die Marie aufgefordert hatten, an ihren sonntäglichen Ausflügennach die Heide" odernach'n

Rummelsburger See" teilzunehmen, welcher Einladung Marie, angetan mit dein Kornblumenblauen, gern gefolgt war. Von jenem ersten Sonntag mit Portiers datierte eine neue Epoche in Maries Dasein, die sich sofort durch sichtbare Veränderung 'hres äußeren Menschen kundgab. Sie putzte sich, nunmehr eine halbe Stunde, ehe sie die Markthalle aufsuchte, sträubte sich auch nicht mehr, ein weißes Häubchen auf die schwarzen Flechten zu setzen, son­dern sie versah dasselbe sogar mit wehenden bunten Bän­dern, schnitt mit Müh' und Sorgfalt die Aerrnel ihrer Taillen kurz, um die prallen, starkrosigen Arms dem Auge des Beschauers nicht länger vorzuenthalten, und brannte die zuPouies" vevschnittcneu Stirnhaars kunst­gerecht und verführerisch Auch nähme:, ihre Wege nunmehr doppelte Zeit in Anspruch Doch nicht nur der äußere Mensch wurde diesem rapid verlaufenden Verschönerungs- Prozeß unterzogen, auch ihrer Geistesbildung begann Marie kräftig nachzuhelfen und hielt zu diesem Zweck den in Liefer­ungen erscheinenden RomanRinaldo Rinaldini", den sie abends halblaut, Silbe.r Silbe mit dem Zeigefinger ver­folgend, mit Feuereifer und inniger Anteilnahme las, sodaß eines Abends, als ich die Kinder zu Bett brachte, zu deren Entsetzen die dun,Pf gemurmelten Worte aus der Küche herübertönten:

Oheißgeliebteh Ros.: mein, meinWegführt zwardurchBlutundLeichchnobberzudir" mit welcher geschmackvollen Wendung Rinaldo sein Eheglück zu begründen beflissen war, während Marie ihrer Aufregung in einem gemurmeltendem Kreet könnt' ich doch so jäben!" Ausdruck gab.

Die Folgen dieses literarischen Genusses blieben insoweit nicht aus, als Marie sich bestrebte, in gewähltenr Ltil zu sprechen und daher alle Augenblicke die Worteallerdings berreits" ihren Sätzen einfügte.

So vergingen einige Wochen, und es war an einem Montag vormittag Marie hatte tags zuvor, von Portiers chapervniert", ein Tanzkränzchen besucht während wir beide in der Küche beschäftigt waren, als unaufhörlich tief- schmerzliche Seufzer vom Küchenfenster, an welchem Marie Möhren putzte, bis zum Herd herüberklangen, wo ich den Sonntagsbraten in neuer Herrlichkeit auferstehen ließ. End­lich fragte ich nach der Ursache ihrer trüben Stimmung und sie begann: Och gneddige Frau, habb' ich doch so schwerres Herz! Weiß ich doch nich, was ich soll machen.

Und dann erfuhr ich daß sieollerdings berreits" vor einigen Wocheneine Bekanntschaft" gemacht habe, und zwar in Person eines Verwandten der Portiersfrau, Namens Emil Noack, eines nach ihrer Versicherungbild­schönen" Menschen. Sehen und lieben war auf beiden Seiten eines gewesen und nun hatte er sich alsjunger Mann mit ernsten Absichten" dokumentiert und gestern feierlich um Mariens Hand geworben. Sie aber stand wie Herkules am Scheidewege und wußte nicht recht, was sie wollte.

Ja, Marie, wenn er ein ordentlicher Mensche ist und Sie ihn. lieben, daun sagen Sie dochja", meinte ich.

Och, gneddige Frau, örtlich, Mensch! Sollten Sie bloß seh'n die Obberhemden! Abber, abber Nach vielem Zögern und Seufzen kam dann die Kehrseite der Medaille zum Vorschein.

Er" >var Beamter in welcher Funktion der Staat ihn beschäftigte, erfuhr icb nicht und stand just vor dem Avancement. Dazu aber brauchte er eine Kaution, deren Höhe o Wunder! sich mit dem Betrage, der in Maries Sparkassenbuch verzeichnet war, völlig deckts. Wenn sie es hergab, stand ihrem Glück nichts mehr im Wege!

Natürlich redete ich ab und beschwor sie den. Werber wenigstens erst näher kennen zu lernen, auch wollte ich meinen Gatten bitten, Erkundigungen über den bildschönen Emil eiuzuziehen. Aber all das war nicht nach ihrem Sinn, denn in ihren Zügen stand deutlich zu lesen: Rate mir, aber rate mir nicht ab:

Und das Endergebnis ihrer Mitteilungen war d c Tat­sache, daß sie dem Geliebten bereits das Sparias,ei:bnch versprochen hatte, und er zur Mittagsstunde h.mmen würde, um es sich abzuholen und sich uns giei.gzeUrg als glücklicher Bräutigam vorzustellen. _ 4

Als ich den Erkorenen sah, begriff ich sofort, daß er Maries, wenn auch nicht junges, so doch unerfahrenes Herz hatte im Sturm erobern müssen. Etwa fünf Jahre fünaer als Marie, die sich bei dem Besuch vollständig als