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bet Kater, d^r, durch die kalten, harten Pfoten des Nach- Lars beunruhigt, die Augen öffnete. Kaschtanka leckte ihm ein Ohr und begann, in dem Wunsche, sich möglichst bequem zu plazieren, sich unruhig hin und her zu bewegen, wobei er den Kater mit den kalten Pfoten ganz zerdrückte. Während dieser Beschäftigung steckte er einmal den Kops unversehens hinaus, begann aber sofort zu knurren und tauchte wieder in den Pelz zurück. Es war ihm, als hätte er eüt riesiges, schlecht beleuchtetes Zintmer, das mit Menschen angesüllt war, gesehen. Aus den Abteilungen und Gittern, die längs der beiden Seiten des Zimmers liefen, schauten furchtbare Fratzen heraus: die einen sahen wie Pferdeköpfe aus, andere hatten Hörner, andere wieder lange Ohren. Ein Scheusal hatte eine dicke, riesige Fratze mit einem Schwanz statt der Nase und mit zwei langen, abgenagten Knochen, die ans dem Rachen herausragten, (Schlup folgt.)
Plaudereien ans der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Montagsblätter und kein Ende. — Ein zir gutes Gedächtnis. — Sonstiges vom Zeitunzsmarkt.
Tie zeitungslose, die schreckliche Zeit, der ehemals bei allen Extrablatt-Schwindlern als prächtigster Einnahmetag geltende Montag, hat durch die Gründung immer neuer Montagsblätter eine etwas zu gründliche Abhilfe erfahren. Freilich lange genug hat ,c8 gedauert, da man den bald nacheinander entstandenen Berlin überflutenden Montagsblättern der roten Linken, als da sind die „Welt am Montag", die „Zeit am Montag" und „Bernsteins Montagsblatt" . eine regierungsfreundliche Montagszeitung entgegensetzte. Denn das „Kleine Journal" und das „Berliner Tageblatt", die gleichfalls eine Montagmorgen-Ausgabe haben, zeigten keinen ausgeprägten Montagscharakter und wurden über den Kreis ihrer sonstigen Leser hinaus verhältnismäßig wenig verlangt. Ein jetzt erscheinender „Arbeitsmarkt aut Montag" füllt sicher eine fühlbare Lücke aus; doch beschränkt er kaum das Absatzgebiet der drei roten Blätter, die eine ganze Woche Zeit haben, sich mit den paar scharfen Artikeln über wirkliche oder geschickt aufgebauschte Uebelstände interessant zu machen und durch recht gepfefferte Ueberschriften die Menge der zeitungshungrigen Eisenbahn- und Straßenbahn-Passagiere rc. zu ködern. Konkurrenz im großen Stile wird ihnen von jetzt an der „Lokal- Anzeiger" machen, der am letzten Montag zum ersten Male mit einer Frühausgabe, kurzweg „der Montag" genannt, auf dem Plan erschienen ist. Alle Litfaßsäulen zeigen die riesigen schwarzen Plakate mit der gelben Schrift, die man feit langen Jahren als Scherl'sche Anschlagspublikationen kennt, und Hunderte von Händlern priesen dem Straßenpublilüm den neuen „Montag" an, der allerdings in seiner ersten Gestaltung nicht im stände sein wird, die vor ihm auf dem Plan gewesenen feindlichen Brüder zu verdrängen. Aber man weiß ja genugsam, wie zähe Scherl sein kann. Und der Montag wird kommen, an dem auch er seine Gemeinde haben wird, die zum Teil den Änderen entlaufen ist. Bon den unruhigen, aber für talentvoll geltenden Köpfen, die in der „Welt am Montag" ihre kritischen Ansichten so. keck wie möglich in die Welt hinausschreiben, hat einer just in der Woche des Scherl'schen, Ansturms ein böses Pech gehabt. Es betrifft den in beit weitesten Theaterkreisen gelesenen und gehaßten Herrn Siegfried Jakobsohn, der trotz seines sehr jugendlichen Alters Bühnendichtern und Schauspielern aus dem tiefen Born seiner unheimlichen Weisheit Belehrungen in schärfster Forn zuteil werden ließ und dabei mit einem Stil paradierte, der mitunter an das funkelnde Leuchten einer Toledaner Klinge erinnern konnte. Ziemlich weite Kreise erregte sein Streit mit Sudermann, dem er jeden Wert, jede Bedeutung absprach, und dadurch Sudermanns erregte Artikel über die „Verrohung der Kritik" mit hervorries. Diesem jungen Chrano der Feder hat nun angeblich sein allzn- gutes Gedächtnis einen sehr fatalen Streich gespielt Er hat nämlich in seinen letzten Kritiken ganze Satzfolgen aus früheren Kritiken des Wiener Feuilletonisten Alfr. Gold entlehnt und sie zur Charakterisierung von anderen Schauspielern in anderen Stücken verwertet, und zwar ohne Gänsefüßchen. So könne man in seiner Traumulus-Besprechung eine Würdigung Bassermanns lesen, die seinerzeit Gold über Adele Sandrock als Mazda in Sudermanns „Heimat" geschrieben, was natürlich bei allen ehrlichen Leuten ein bedenkliches Kopsschütteln hervorgerufeu, als es im „Berl. Tagebl." von dem Wiener Autor durch Nebeit- einanderstellung zur Sprache gebracht wurde. Aber der so arg bloßgestellte junge Kunstrichter erklärt alles aus seinem fabelhaft guten Gedächtnis heraus und findet den Fall durchaus harmlos. Ob freilich der Brettlboden für einen solchen Gedächtniskünstler nicht, ein viel passenderer Arbeitsplatz wäre, als der Kritikersessel im Redaktionsbureau einer stark angefeindeten Zeitung — das wird in diesem Tagen der Verleger der „Welt am Montag" entscheiden. Zweifellos ist das Ansehen, das dieser jüngste der Berliner Rezensenten vielfach auch bei seinen Gegnern genoß, end- .
gütig dahin. Man traut nicht einer Zeile mehr, die aus seiner Feder kommt, weil man nie weiß, ob sie nicht beim „Studium" irgend eines geistvollen Vorgängers in seinem unglücklichen Gedächtnisse hängen geblieben ist. Und was man bisher spöttischer Weise iinnier von gewissen Bühnenautoren behauptet hat, nämlich, daß die Sammlung, mit der sie an eine neue Schöpfung heran- gehen, nichts als eine Sammlung von alteii guten und schlechten Witzen sei, das überträgt sich nun in etwas veränderter Richtung auch auf die Kritik.
Vom Zeitungsmarkt läßt sich sonst noch berichten, daß sich die „Berliner Zeitung" jetzt auch eine Mittagsausgabe leistet, also täglich dreimal erscheint. Bei dem starken Lesebedürfnis der vielen, die just um diese Zeit Mittagspause halten, ist das eine Idee, die sich anscheinend bezahlt macht und der gegen früher stark in der Verbreitung beeinträchtigten „Berliner Zeitung" wohl neue Leser zuführen mag. Auch 'die „Berliner Illustrierte" hat in diesem Herbst eine Konkurrenz bekommen, die für die Hälfte des Preises durch ihren Titel schon beim Publikum Anschluß sucht. „Nimm mich mit" heißt das für 5 Pfg. käufliche, sogar kolorierte Blatt, das freilich inhaltlich noch auf einer tieferen Stufe steht, als. die „Berliner Illustrierte", und als Renommier-Ahnen ganz entschieden auf jenen braven Neuruppiner pochen kann, der unsere jugendliche Phantasie einst mit seinen bluttriefenden Bilderbogen anzuregen verstand. A. N.
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* Trunksüchtige New Yorkerinnen. Im zweiten Quartal des laufenden Jahres wurden nach amtltchein Bericht in Newyork. nicht weniger als 46 643 Verhaftungen vorgenommen. Von dieser Niesenziffer entfielen 34101 auf die Insel Manhattan, und zwar erfolgten dort 9385 Verhaftungen wegen unordentlichen Betragens, 6200 wegen Trunkenheit und 1773 wegen beider Delikte zusammen. Nicht weniger als 5057 dieser Fälle bezogen sich auf Frauen, sodaß beinahe immer auf je zwei männliche Trunkenbolde schon ein dem Schnapsteufel verfallenes Weib entfällt! Durch einen Fall kam es an den Tag, daß beinahe immer in 9 Fällen unter 10 der in Newyork verkaufte Branntwein mit Fusel, wo nicht gar mit denaturiertem Spiritus vergiftet ist, und daß die Vertreterinnen des Ewig-Weiblichen in der Metropole am Hudson «ine höchst bedenkliche Neigung zum Alkoholmißbrauch entwickeln. Tie Verfertiger von sogenannten Patentmedizinen tragen dieser gefährlichen Leidenschaft in der Weise Rechnung, daß sie ihren „tonischen" Geheimmitteln mit Vorliebe Alkohol beimischen; derartige „Medizinen" finden besonders viel bei den Temperenzlern Absatz, die häufig von diesem Sachverhalt keine Ahnung haben mögen. Jedenfalls ist man berechtigt, die betrübende soziale Erscheinung zum Teil auf den Puritanismus zurückzuführen, der Sonntags die Lokale zu schließen zwingt und selbst den mäßigen Genuß von Bier und Wein als eine Sünde brandmarkt
* Katechismus für edle Frauen. Eine Höchst ernsthafte Parodie der zehn Gebote von Schleiermacher. 1. Tu sollst keinen Geliebten haben neben ihm; aber du sollst Freundin sein können, ohne in das Kolorit der Liebe zu spielen und zu kokettieren oder auzubeten... 2. Tu sollst dir kein Ideal machen, weder eines Engels im Himmel, noch eines Helden aus einem Gedicht oder Roman, noch eines selbstgeträumten oder phantasierten ; sondern du sollst einen Mann lieben, wie er ist. Denn die Natur ist eilte strenge Gottheit, welche die Schwärmerei der Mädchen heimsucht an den Frauen bis ins dritte und vierte Zeitalter ihrer Gefühle. 3. Tu sollst von den Heiligtümern der Liebe auch nicht das kleinste mißbrauchen; denn die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die ihre Gunst entweiht und sich hingibt für Geschenke und Gaben, oder nur um in Ruhe und Frieden Mutter zu werden. 7. Tu sollst keine Ehe schließen, die gebrochen werden mußte. 8. Tu sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst. 9. Tu sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer, du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken. 10. Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit und Ehre.
* Farbe an die Häuser, Unter dieser Spitze schreibt der „Kun st wart" in seinem zweiten Oktoberheft: Die Frage der farbigen Häuser ist im „Kunstwort" schon oft besprochen und der „Furcht vor der Farbe" bei Belassung des grauen Rohputzes, zumal in Zement, ist dabei ebenso entschieden Fehde gehalten worden, wie dem „Pimpeln" ,bem Ornamentieren und Buntpinseln, das jene Ruhe der Bauten kleinlich aufhebt, die um jeden Preis, auch um den der Farbe, erhalten werden muß. Jetzt hat man in Kopenhagen einen Versuch gemacht, beit wir der Beachtung, zumal der „praktischen", empfehlen. Auf dem dortigen Graubrüdermarkt haben sich die Besitzer auf Anregung eines Ver- fchönerungsvereins entschlossen, ihre alten Häuser neu fartig an- streichcn zu lassen, aber — das ist die Hauptsache dabei — gemeinsam unter Leitung eines Mannes, des Malers Möller- Jensen. Der hat nun keck in die kräftigsten Farben gegriffen, als er für jedes Haus die richtige mit Rücksicht auf seine Umgebung bestimmte. Und der Erfolg? Ter alte Graubrüdermarkt ist so hübsch geworden, daß er nun eine Sehenswürdigkeit ist. Welche Hausbesitzer machen das in Deutschland nach? „Künstler heran!" wenn auch nur als Leckende.


