Ausgabe 
21.11.1904
 
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begann an den schmutzigen Tapeten und an der Decke zu Hüpfen und verscheuchte die Finsternis. Kaschtanka sah, daß in der Stube niemand Fremdes war. Herr Iwanow saß auf der Diele und schlief nicht. Seine Flügel waren ausgespannt und sein Schnabel geöffnet, und überhaupt sah er aus, als wäre er sehr müde und wollte trinken. Der alte Theodor schlief auch nicht. Auch ihu hatte Wohl der Schrei aufgescheucht.

Herr Iwanow, ivas fehlt Ihnen?" fragte der Herr den Gänserich.Warum schreien Sie? Sind Sie krank?"

Ter Gänserich schwieg. Ter Herr befühlte ihm den Hals, streichelte seinen Rücken und sagte:

Sie sind ein komischer Herr. Schlafen selbst nicht und geben auch anderen keine Ruhe."

Als der Herr wieder hinausgegangen war und das Licht mitgenommen hatte, wurde es wieder dunkel. Kaschtanka wurde bange. Der Gänserich schrie nicht mehr, aber Kasch­tanka hatte wieder das Gefühl, als sei jemand Fremdes in der Stube. Am meisten ängstigte ihn, daß man diesen Fremdling nicht beißen konnte, da er unsichtbar war und und keine Gestalt hatte, tlnd Kaschtanka hatte das un­bestimmte Gefühl, als müßte sich in dieser Stacht durchaus etwas Schlimmes ereignen. Auch Theodor war unruhig. Kaschtanka hörte, wie er sich auf seinem Kissen bewegte, seinen. Kopf schüttelte und gähnte.

Irgendwo auf der Straße wurde an ein Tor gepocht. Im Stall grunzte die Sau. Kaschtanka begann zu heulen, streckte die Vorderpfoten aus und legte seinen Kopf daraus. In dem Pochen - am Tore, im Grunzen der Sau, die sonderbarerweise auch nicht schlafen konnte, in der Finsternis und Stille schien ihm, ebenso wie in dem Schrei des Herrn Iwanow, etwas unendlich Trauriges und Schreck­liches zu liegen, tleberal! und bei allen zeigte sich eine sonderbare Unruhe, aber woher? Wer war dieser Fremde, den man nicht sehen konnte? In der Nähe von Kaschtanka erglühten zwei trübe, grüne Feuer. Es war Theodor, der seit der ganzen langen Bekanntschaft zum erstenmal au Kaschtanka herangekommen war. Was wollte er? Kaschtanka leckte ihm die Pfote und begann, ohne nach dem Grunde seines Kommens zu fragen, von neuem zu heulen.

,,Khe!" schrie Herr Iwanow.Khehe!"

Die Tür öffnete sich wieder, und der Herr trat mit hem Licht in der Hand ein. Der Gänserich saß in der alten Stellung mit geöffnetem Schnabel und ausgebreiteten Flügeln. Seine Augen waren geschlassen.

Herr Iwanow!" rief der Herr.

Der Gänserich rührte sich nicht. Der Herr setzte sich vor ihm hin auf die Ästete, sah ihn einige Augenblicke schweigend an und sagte':

Iwanow! Was ist denn das? Stirbst Du? Ach, jetzt erinnere ich mich, erinnere ich mich!" rief er, sich nach dem Kopf fassend,Jetzt !veiß ich, was es ist! Das kommt, weil Dich heute ein Pferd getreten hat! O mein Gott, mein Gott!"

Kaschtanka verstand nicht die Worte des Herrn, sah aber an seinem Gesicht, daß auch er etwas Fürchterliches erwartete. Er streckte seine Schnauze nach dem dunklen Fenster aus, in welches, wie ihm schien, jemand. Fremdes hereinschaute, und begann zu heulen.

Tante! Er stirbt ja!" sagte der Herr, die Hände zu­sammenschlagend.Ja, ja, er stirbt! Zu Euch in die Stube ist der Tod gekommen. Was tun ivir nun?"

Der Herr kehrte bleich und aufgeregt, seufzend und kopfschüttelnd zu sich ins Zimmer zurück. Kaschtanka, der sich siirchtete, im Dunkeln zu bleiben, folgte ihm. Der Herr setzte sich aufs Bett und wiederholte immer wieder:

Mein Gott, was soll ich tun?"

Kaschtanka strich an seinen Beinen herum, ohne zu verstehen, warum er selbst und alle anderen so traurig und erregt waren, und suchte es aus den Bewegungen des Herrn zu erraten. Theodor, der sein Kissen sonst nur selten verließ, trat auch in das Schlafzimmer ein und begann sich ebenfalls an den Beinen des Herrn zu reiben. Er schüttelte mit den: Kopf, als wollte er aus demselben alle trüben Gedanken hiuausschütteln, und blickte verdächtig unters Bett,

Ter Herr nahm ein Tellerchen, goß Wasser hinein und ging wieder zum Gänserich.

Trink, Iwanow", sagte er zärtlich, das Tellerchen vor ihm hinstellend.Trink, mein Lieber."

Mer Iwanow rührte sich nicht und öffnete nicht die

Augen. Ter Herr neigte senken Kopf z,um Teller und tunkt« Iwanows Schnabel ins Wasser, aber der Gänserich trank nicht. Er breitete seine Flügel nur noch weiter aus, und sein Kopf blieb kraftlos aus dem Teller liegen.

Nein, da ist nichts mehr zu machen!" seufzte der Herr.Alles ist aus. Ter arme Jwanoiv ist tot. . ."

Und an seinen Wangen rieselten glänzende Tröpfchen herab, wie man sie beim Regen an den Fenstern sieht. Ohne die Bedeutung des Geschehenden zu begreifen, drängten Kaschtanka und Theodor sich an den Herrn heran und blickten voll Schrecken auf den Gänserich.

Mein armer Iwanow!" sprach der Herr, traurig seuf­zend.Und ich hatte gehofft. Dich im Sommer mit in die Sommerfrische zu nehmen und mit Dir auf der grünen Wiese zu spazieren. Du liebes Tier, mein braver Kamerad, Du bist dahin! Wie werde ich denn jetzt ohne Dich aus­kommen ?"

Kaschtanka glaubte, daß auch ihm dasselbe passieren würde, daß er plötzlich, wer weiß Ivarum, seine Augen schließen, die Pfoten ausstrecken und sein Gebiß entblößen wurde, und daß dann alle ihn mit Schrecken ansehen würden. Auch in dem Kopfe Theodors schienen ähnliche Gedanken zu hausen. Noch nie war der. Kater so finster und trüb­sinnig gewesen, wie jetzt.

Ter Morgen dämmerte, und jener unsichtbare Fremde, der Kaschtanka so erschreckt hatte, verließ das Zimmer. Als es ganz hell wurde, kam der Hausknecht, nahm den Gänserich bei den Füßen und trug ihn irgendwohin hinaus^ Bald hernach kam die Aufwärterin und brachte den Trog weg...

Kaschtanka ging in den Salon und schaute hinter den Schrank: der Herr hatte das Hühnerbein nicht anfgegessen, es lag noch an derselben Stelle, mit Staub und Spinn­gewebe bedeckt. Aber Kaschtanka war es trübe zu Mut, und er wollte weinen. Er roch nicht mal an dem Hühner­bein, sondern ging unter den Divan, legte sich dort hin und begann leise mit hoher Stimme zu heulen.

IXUU . . ."

Ein mißlungenes De b u.

Eines schönen Abends trat der Herr in das Stübchen mit den schmutzigen Tapeten und sagte, sich die Hände reibend:

Nun. . ."

Er wollte noch etwas sagen, ließ es aber bleiben und ging wieder hinaus. Kaschtanka, der während der Stunden die Manieren und Mienen seines Herrn gut ausgelernt hatte, erriet, daß er besorgt und, wie es schien, sogar böse war. Bald darauf kam der Herr wieder zurück und sagte:

Heute nehme ich Tante und Theodor mit mir. In derEgyptischen Pyramide" wirst Du, Tante, die Stelle des seligen Herrn Iwanow einnehmen. Hol's der Teufel! Nichts ist fertig, nichts einstudiert, nur ein paar Proben! Wir werden uns blamieren, durchfallen!"

Dann ging er wieder hinaus und kam gleich darauf im Pelz und Zylinder zurück. Er trat an den Kater heran, ergriff ihn bei den Vorderpfoten, hob ihn auf und barg ihn auf der Brust rmterm Pelz, lvobei Theodor sehr gleich- giltigs chien und sich nicht mal die Mühe gab, die Augen zu öffnen. Ihm war es offenbar vollständig gleich, ob er lag, oder an den Pfoten in die Höhe gehoben wurde, ob er sich auf feinem Kissen rekelte, oder unterm Pelz an der Brust des Herrn ruhte . . .

Tante, komm!" sagte der Herr.

Ohne etwas zu verstehen, folgte Kaschtanka mit dem Schwänze wedelnd. Einen Augenblick später saß er schon im Schlitten zu Füßen seines Herrn und hörte, wie dieser, vor Kälte und Aufregung fröstelnd, murmelte:

Wir blamieren uns, fallen durch!"

Ter Schlitten hielt vor einem großen, sonderbaren Hause, das einer umgestülpten Suppenterrine ähnlich sah. Tie langgezogene Auffahrt zu diesem Hause mit drei Glas­türen war durch ein Dutzend Laternen hell erleuchtet. Die Türen öffneten sich klirrend und verschlangen wie Rachen die Menschen, die sich auf der Auffahrt drängten. Menschen gab es dort viel, oft liefen an das Haus auch Pferds heran, Hunde aber sah man gar keine.

Ter Herr nahm Kaschtanka auf den Arm und schob ihn unter den Pelz an die Brust, wo sich Theodor befand. Hier lvar es dunkel und stickig, aber warm. Für einen Augenblick leuchteten zwei grünliche Funken auf es war