Ausgabe 
18.1.1904
 
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Aber die Bestie schlägt sie gewiß und wahrhaftig noch einmal tot!"

Frau Mariano soll zu mir gehen?"

O Madonna!"

Was soll sie bei mir?"

Euch bitten."

Und sie will mich nicht bitten?"

Lieber läßt sie sich von der Bestie totschlagen/'

Gute Rosa, um was soll Deine arme Frau mich bitten?"

<Mißt Jhr's nicht?"

Ich kann mir's nicht denken."-

feib xeidjt."

^Mill Herr Mariano Geld von mir haben?"

Biel Geld."

Weißt Tu, warum Herr Mariano nicht selbst zu mir kommt?"

Weil es sehr viel Geld ist, das er von Euch haben kvill."

Und deshalb schickt er seine Frau?"

Weil Ihr verliebt in sie seid."

Rein, Rosa! Nein, nein! Das kann Herr Mariano glicht glauben."

Mus weiß ich, ivas er glaubt. Ich weiß nur,_ daß er sie Euretwillen gewiß noch einmal totschlägen wird."

Ich will Herrn Mariano das viele Geld geben, ohne daß Eure arme Frau mich darum bitten muß."

Lieber läßt sie sich! gleich jetzt von der Bestie tot- schlageu."

Weißt Tu, wieviel Herr Mariano von mir haben Kill?"

Ihr sollt. ihm nichts geben, nicht einen einzigen Soldo."

Wer sagt das?"

Sie!"

Und Rosa reichte mir einen' Zettel', daraus stund mit g-roßer, unbeholfener Kinderschrift:

Geben Sie Mariano nichts mehr. Versprechen Sie mir. Hüten Sie sich. Es bittet Sie Maria."

Rosa jammerte:

Wenn Mariano erfährt, daß sie Euch' gebeten hat, schlägt die Bestie sie tot."

Ich! iverde nichts verraten . . . Ach, Rosa, gute Rosa, kann ich! Deiner lieben Frau denn gar nicht Helsen?"

O Madonna!"

Und sie setzte sich hin, wo sie gerade stand, warf die Schürze über den Kops und begann zu stöhnen und bitter­lich zu weinen. Ich drang so sehr ich konnte, in die treue Seele. Es war jedoch uichts aus ihr herauszubringen, als Seufzer, Dränen und lamentable Anrufungen der Himmelskönigin. Aus Sorge, Herr Mariano, könnte sie Mit mir zusammen sehen, bat ich sie schließlich selbst, KU gehen.

Sie erhob sich mühsam und schlich stöhnend davon.

Wie konnte ich helfen?

Aber noch- während ich darüber sann und sann, sollte mich ein schreckliches Ereignis auf den Weg weisen.

*

Bevor Herr Mariano mich! um Hilfe angehen, bevor tfül selbst sie ihm anbieten konnte, kam Exekution in seine Wohnung.

Ich hielt mich unter den Steineichen auf, Körte ihn in der Billa toben und wütend nach seiner Frau schreien. Jetzt wird er sie zwingen wollen, zu mir zu gehen, dachte ich; und eilte ins Haus und zum Pächter, der sich gerade Mit denr Beamten allein im Zimmer befand.

Ich entschuldigte mein Eindringen, bat Herrn Mariano; den Mann hinauszuschicken und mir eine Unterredung zu gewähren. Ich war möglichst höflich, möglichst ruhig. Herr Mariano nahm sofort seine gründ seigneur-Miene wieder an.

Als die Tür hinter dem Beamten sich geschlossen hatte, sagte ich:

Ich erbiete mich, Ihre etivas verwirrten Verhältnisse durch meinen Geschäftsführer vollständig ordnen zu lassen, keinerlei pekuniäre Ansprüche an Sie zu erheben: weder jetzt, noch! jemals; Ihnen alle Hilssnnttel zur Gründung einer neuen Existenz zu schaffen unter einer Bedingung."

Er stand vor mir: leichenblaß; aber mit einem Lächeln.

Nie zuvor hatte ich! ihn so schön gefunden, nie züvor so gemein.

Mit seinenr Kavalierlächeln sagte der Lump und zwar sagte er es französisch:

Diese eine Bedingung ist: für Ihr Geld meine Frau!"

Ich konnte ihm nicht ins Gesicht schlagen; denn hörte sie nebenan laut aufschreien. Plötzlich stand fie mitten im Zimmer, ihr schlafendes Kind im Arm und mit einem Gesicht, als verlöre sie den Verstand.

Ich eilte aus sie zu, wollte sie aus dem Zimmer führen. Aber er warf sich dazwischen.

Zweimal verrausen lag' ich mich nicht", rief sie ihm außer sich! zu.Lieber laß ich mich totschlagen. Schlage mich! tot! Damit es endlich ein Ende hat. Aus Barm­herzigkeit schlage mich tot!"

Tas will ich", schrie der Rasende, erhob die geballte Faust und

Gräßlich, gräßlich ! Er hatte das Kind getroffen, das erwacht war und weinend feine Aermchen um den Hals der Mutter schlingen wollte. Sein wütender Faustschlag hatte das Kind am Herzen der Mutter getötet.

Sie vergoß keine Trane.

Mit stillem, starrem Gesicht saß sie 6et der kleinen Leiche. Sie war so vollkommen ivortlos, daß wir anfangs fürchteten, sie hätte die Sprache verloren.

Tas Geschrei der treuen Rosa, den Jammer sämtlicher Tienstleute um das tote, süße Geschöpf hörte sie unbe­weglich! mit an. r

Nicht einmal um den letzteii Schniilck ihres gestorbenen Lebensglückes kümmerte sie sich. Sie ließ es gelassen ge­schehen. daß wir das Kind unter Minnen einbetteten.

' Als ich den Sarg aufhob, um ihn hinunter in ine Kapelle zu tragen, erhob auch sie sich von ihrem Sitz. Es war fast grausig auzusehen; denn es war, als stunde ein Gestorbener auf. Wie mit geschlossenen Füßen glitt sie hinter dem Sarge drein, die Frauen, die fte stutzen woll­ten, mit einer matten Gebärde zurückweifend.

In der Kapelle fteWte ich einen Sessel neben den Altar, davor ich die Leiche aufbahrte. Sie sank Hinern und saß wiederum da: regungslos, tränenlos, schlaflos.

Herr Mariano gebärdete sich wie ein llnfrnnrger. wollte sich! über das Kind hinwerftn. Aber die Mutter sah ihn an; und r- er wich von der Leiche zurück, als stunde mit flammendem Schwert eilt Engel davor. Er wollte sich! das Leben nehmen; und mußte von seinen Knechten bewacht werden. Er wollte sich als Mörder selbst dem Gerichte ausliefern; und mußte von den Mönchen von Camaldoli, nach denen sofort geschickt worden war, mit Gewalt aus dem Hause fort und hinauf rns Kloschr ge­schasst werden. , ., ,

Zuvor sagte er znir, daß er Maria und mich hasse, daß er uns beide verwünsche, daß wir seine Todfeinde seien: und daß er alles tun werde, um uns zu ver­nichten. Und sollte er darüber noch einmal zum Untäter tvcxbcti

Vergeblich beschwor ich die ärmste Mutter, etwas Nahr­ung zu sich zu nehmen und sich niederzulegen,. Nur mit den Augen antwortete sie auf alles Flehen: Nein! Als die Nacht anbrach; fragte ich sie: ob ich mit ihr zusammen wachen dürfte? Utid da sie's mit ihrem Blick nicht ver­neinte, so blieb ich. ..

Ich, setzte mich an einen Pratz, np ste mich nichts sehen konnte. Sie ' hätte mich freilich auch nicht gesehen, wäre ich ihr gerade gegenüber gestanden. Sie sah nichts, als ihr getötetes Kind, sah von der ganzen W!eU Nichts, als! biefc£>.

Ick! hatte auf dem Altar die Wachskerzen angezündet, saß in meinem Winkel und blickte aus das tote Kind. Und ich blickte auf die Mutter, für die es am besten gewesen wäre, sie läge mit ihrem gestorbenen Leben zusamucen so still und blaß ausgebahrt.

Unter dem Altar befand sich der gläserne Sarg mit den Gebeinen des heiligen Alexander Faleonieri. Das weiße Gerippe mit seinem glänzenden Gold- und Juwelenschmuck sollte Wunder vollbringen:

Heiliger Alexander, erwecke dieses tote Kind! Hei­liger Alexander, mache dieses zermalmte.Frauenherz wieder lebendig! Heiliger Alexander, erhöre mich!"

lieber dem Altar stellte ein Gemälde dar, wie ein»