Ausgabe 
18.1.1904
 
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1904. Wr. 10

Montag den 18. Januar. ^<4

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(Nachdruck verboten.)

WLla Jalcomerr.

Bon Richard Voß.

Erster Band.

(Fortsetzung.)

Und ich. blieb.

Es ging mir nicht sonderlich gut; aber ich blieb!

In mich hineinschauend, erblickte ich so vieles, was Lu besänftigen, zu ordnen, zu läutern war, daß ich allein schon daran die innerliche Notwendigkeit eines langen Ver­bleibens erkannte.

Einen Phantasten hatte mich Herr Mariano genannt. Ich war freilich ein großer Phantast, wie hätte ich sonst jemals mich nur ein kleiner Tichter sein können? Ein Halbnarr sollte ich sein? Möglicherweise war ich sogar ein vollständiger Narr. Lange genug hatte ich mich vom Leben nnd mir selbst zum Narren halten lassen: vom Leben durch die Illusionen, die es in mir erweckte; von mir selbst durch, den Wahn: ich gehöre zu den Auserwählten, die, wenn, sie Seele von ihrer Seele geben, damit die Tnrstenden tränken, die Hungernden speisen und die Er­matteten erquicken könnten.

In manchen Empfindungen war ich entschieden immer noch krankhaft.

Noch immer mochte ich keine Menschen sehen da sie den Bannkreis, den ich um mich gezogen, zerstört hätten. Noch, immer konnte ich mich nicht in die Dichtungen anderer größerer Geister versenken da sie mich an meine eigene Kleinheit mahnten. Noch, immer scheute ich mich, eine Zeitung in die Hand zu nehmen weil ich, vielleicht hätte lesen können, daß mein mattes Licht längst erloschen war.

Noch immer suchte ich das Allheilmittel für meine Nöten und Leiden in der Einsamkeit, die meine Klagen still anhörte, meinen Gram milderte und mir in nichts wider­sprach oder Widerstand leistete.

Herr Mariano hatte einigemal von Aufführungen meiner Dramen gesprochen, bis ich ihn ersuchte, dies zu unterlassen. Es kam bisweilen vor, daß Direktoren, Agenten und Verleger an mich schrieben. Anfangs schickte ich diese Briefe an meinen Geschäftsführer nach Mailand; später ließ ich sie unbeachtet liegen.

Tas beruhigte mich, sehr.

Allerdings verzehrte mick mehr und mehr die Sehn­sucht, noch ein einziges Mal in meinem Leben etwas nützen zu können.

Nur etwas!

Ganz gleich, was.

Ich war ja immer noch jung! Keine dreißig Jahre.

Oft erschien mir's, als wäre ich niemals jung gewesen: niemals so recht wirklich jung, so recht glückselig jung, wo

der Mensch sich unsterblich fühlt. Ich hatte immer gelitten. Eingebildet vielleicht. Aber es war doch gelitten.

Und der Mensch ist nur dann jung, wenn er glück­lich, ist.

, Ungern sah ich mich selbst im Spiegel. Ich war sehr bleich. Mein Haar ergraute, meine Mienen bekamen etwas Stilles, Hoffnungsloses; niet» Blick schien in grenzenlose Weiten gerichtet zu sein, schien immer nach etwas aus­zuspähen, etwas zu erwarten.

Was?

Von der Welt nnd allen Dingen der Welt mehr und mehr mich, abwendend, flüchtete ich mich tiefer und tiefer! in die Natur. Sie umfing mich, mit Mutterarmen und nahm mich, an ihr göttliches Herz.

Ich, belauschte ihren Herzschlag.

Dabei wurde der weine immer beruhigter, immer leiser.

*

Herr Mariano hatte, wie sich plötzlich erwies, seit Jahren seine Pacht nicht gezahlt. Auch sonst sollte er Schulden über Schulden haben. Er ging daher mit raschen Schritten einer Katastrophe entgegen. Nicht einmal das Gesinde erhielt seinen Lohn. Doch wäre es keinem Knecht, keiner Magd eingefallen, deswegen den Dienst zu ver> lasseu.

Es quälte mich, daß dieser Alcibiades so häßlich zu Grunde gehen sollte. Und was wurde aus Fran riano?

Soviel ich von meinen Leuten vernahm, schien dieser die verzweifelte Sachlage vollkommen gleichgiltig zu sein. Sie ließ von ihrer getreuen Rosa ihr prachtvolles Haar pflegen, trug 'ihr schlechtes Kleid und lebte nur für ihr Kind, das ei» wahres Wunder von Holdseligkeit war.

Jede Nacht fuhren Wagen ein, wurden Wein- und Oelfäsfer verladen. Ter kluge Herr Mariano schaffte bei­seite, soviel er konnte, um für seine Gläubiger so wenig als möglich zu lassen.

Eines Tages befand ich mich in dem Oelwald, der den Park der Villa von der Pineta der Villa Taverna scheidet, als ich zu meinem Erstaunen die mir stets scheu ausweichende Rosa quer durch den Oelwald auf mich zu- lanfen sah.

Ich ging ihr beunruhigt entgegen.

Was gibt's?"

O Madonna !"

Ist Deiner Frau etwas zugestoßen?"

Mit der ist's ein Jammer! Tie stirbt noch, daraus Tie läßt sich Euretwillen noch einmal totschlagen!"

Meinetwillen?! Rosa, Rosa! Meinetwillen?!"

Und Ihr laßt es geschehen. Tenn so seid Ihr!"

Ich faßte sie beim Arm.

Rede vernünftig! Was ist Deiner Frau meinetwillen gescheheu?"

Jetzt noch nichts. Jetzt soll sie nur zu Euch gehen.