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Empfehlungen feiner Räte vorgelegt wurden, so war es ihm ein sehr geläufiger, und die Sache kurz erledigender Weg zu sagen: Da kennt er Bnchholz'en schlecht!" Aus jenen alten Tagen also stammt die Redensart, wie man's auch imBär", dem alten, schätzenswerten Blatt für Berliner Geschichte nachlesen kann. Nicht minder interessant ist der Ursprung eines anderen geflügel­ten Wortes, das allerdings lange nicht mehr so oft von Berliner Lippen tönt wie die Buchholz-Phrase. Es ist die Aufforderung, mit der man bei irgend einer wichtigeren Gelegenheit den besser Beredten oder am besten Unterrichteten das Wort gibt, indem man nach einer ganz kurzen Einleitung scherzhaft erklärt:Nu, Kohn- heini, red' Du!" Dieser Kohn Herrn hieß eigentlich Ku hn heim und war erster Buchhalter bei einem Kaufmann Verend, der in der Franzosenzeit vor nun beinahe hundert Jahren Lieferungen für die Armee Napoleons übernommen hatte. Es zeigte sich erforderlich, in dieser Angelegenheit dem damaligen Gouverneur von Berlin, General Hullin, einen Besuch zu machen und Verend hatte sich für diese Gelegenheit die nötigen Redensarten für den Anfang mühsam eingepaukt, für alles übrige aber feinen ge­wandten Kuhnheim zu der Audienz mitgenommen. Als er nun vorgelassen wurde, soll sich die Geschichte folgendermaßen abge­spielt haben: Verend tritt ein, macht ein paar devote Bücklinge vor dem General und sagt:Je suis le riche banquier Verend de Berlin; nu, Kuhnheim, red' Du!" setzt sich auf einen Fauteuil und überläßt siegessicher seinem Kuhnheim alle weiteren Ver­handlungen. Ob's wirflich so gewesen ist, kann freilich nur Hullin, Verend p'nd .Kuhnheim selber wissen. Und die sind alle drei längst tot, wenn wuch Kuhnheim gewissermaßen unsterblich ge­worden ist! Nn, Kuhnheim, red' Du! Vielleicht bei den Spiri­tisten ! A. R.

Sommerreise in Süden.

Als Jules Verne seine inzwischen durch Ine Wirklichkeit längst überholteReise um die Erde in 80 Tagen" schrieb, vergaß er unter den mannigfachen Hindernissen, die sich seinem rasenden Globetrotter in den Weg stellen, eines der wesentlichsten und inter­essantesten: einen Streik. Eine kleine Unzufriedenheit irgendwo unter Leuten, die mit dem Transport ihrer geduldigen Mit­menschen ihr Brot verdienen, ein kurzer Ausstand wirft den schönsten Reifeplan uni. Hören Sie zu, wie es mir ergangen ist.

Vor etwa zehn Wochen war's. In Berlin schien sich ein ziemlich dauerhaftes Regenwetter etablieren und die traditionelle Frühjahrssehnsucht nach dem Süden stärker als gewöhnlich wecken zu wollen. Auf 14 Tage vielleicht ließen sich die Sklavenketten der Pflicht abschütteln. Mer wohin? Nach Italien? Da sind um diese Zeit viel zu viel Landsleute und Engländer; die un­geheure germanische Invasion verdirbt jedem, der das Land, kennt, den Genuß der Romanischen. Aber leicht zu erreichen und doch abseits genug vom großen Weg liegt Korsika. Eine unwillkür­liche Gedankenverbindung leitet zum ersten Napoleon. Dieses Jahr bringt deck Hundertjahrestag seiner Kaiserkrönung. ,Jn Ajaccio ist das Hans zu sehen, in dem Mutter Letitia Europa seinen großen Aufrüttler und Tyrannen geschenkt hat. Mir liegt nicht viel daran. Wer sich bereits irt den Geburtshäusern von ein paar Dutzend berühmten Männern hat herumführen lassen, der weiß, daß keine großen! Gefühlsmotionen dabei herauskommen. Und eine Missensbereicherung erst recht nicht, denn meistens wird man natürlich ängelogen. Es ist nicht der Insel großer Sohn, dessen Andenken nach Korsika locken könnte. Aber das Land, das auf verhältnismäßig enger Fläche so wunderbare Kontraste ver­eint, von den rerzvollsten Küstengegenden des Mittelmeeres bis znm schroffen, bis in den Sommer hinein schneebedeckten Hoch­gebirge, .unb das Volk, dieser viel umfabelte Menschenschlag, den man noch kennen lernen muß, ehe vielleicht bald die Zunahme des Touristenverkehrs feine Natur prädestiniert, das Land zu einer zweiten Schweiz die besten Eigenarten dieser in vor­läufig noch ziemlicher Unberührtheit ein selbstbewußtes Sonder- leben führenden Rasse ausgewischt hat.Die Korsen sind noch ein wahres Naturvolk, das sich durch Tapferkeit, Freiheitsliebe, Gast­freundschaft auszeichnet; das aber die Arbeit nicht liebt, und bei dem die Blutrache eine tief eingewurzelte Sitte ist, die die ge­ringste Beleidigung noch nach Jahren an Kindern unb Kindes­kindern rächen läßt", so erzählen die Encyklopädisten. Man kennt das. Wenn man hinkommt, ist doch alles anders, als man's sich gedacht hat. .Ueber die Vendetta fällt mir ein irgendwo gelesener schöner Satz ein:Alle Ströme der Insel vermöchten das Blut nicht auszufüllen, das die Blutrache fließen ließ." Welche Uebertreibung. Entweder müssen die Ströme sehr unbe­deutend oder das Volk krankhaft blutreich sein.

Nous verrons. Eine kurze Spritzfahrt nach der Insel der Ven­detta war schnell beschlossen, der Koffer gepackt und am nächsten Morgen die improvisierte Reise angetreten. Wie wenig ratsam eine solche Improvisation oft ist, sollen Sie gleich erfahren; in meinem Fall mißglückte sie, sodaß ich 'jetzt zum zweiten Mal ans der gleichen Tour bin. Der kürzeste Weg für den, der nur nach Korsika will, führt über Livorno; von hier nach Vastia Hai man außerdem nur sechs Stunden Seefahrt, das ist zu berück- sichttgen; nicht wegen mehr oder weniger mangelnder Seefestig­keit, sondern der angenehmen Aussicht halber, das xbensowenig komfprtMe wie reinliche Fahrzeug der französischen Schissahrts-

gesellschaft, dem man sich anzuvertranen gezwungen ist, .recht bald wieder verlassen zu können.

In Basel das gewöhnliche internationale Fruhjahrsge- dränge: Deutsche, Franzosen, Engländer. Der Morgenzng der Gotthardbahn ist natürlich überfüllt, und um die begehrten Plätze an der linken Seite sie bieten die Aussicht auf das Reußtal entspiNnt sich ein heißer Kampf. Wer feinen bekommt und auf die rechte Seite muß, kann fich damit trösten, daß er von Airolo an die Aussicht aufs Tessintal Hai. Die .Viertelstunde Fahrt durch den Gotthardtunnel bietet ein interessantes Charakteristikum der beiden Nationen, die hauptsächlich den Zug benutzen: der Deutsche zieht die Uhr heraus und kontrolliert peinlich, der Eng­länder sieht im Bädeker nach, wie lange die Geschichte dauert, und bemüht sich weiter nicht; höchstens erkundigt er sich nachher beim Deutschen Nach der Minutenzahl. Das spricht Bände.

In Mailand regnet's es hat jedesmal geregnet, wenn ich in Mailand war in Genua ist trotz der späten Stunde alles auf den Beinen. Große Illumination, Fackelzug, Ab­singen der Marseillaise, ungeheure Begeisterung Präsident Loubet ist gerade in Genna. Am nächsten Vormittag Pisa, dann Livorno. Es ist 10 Uhr, als ich in diecarozza" steige, um 11 Uhr geht das Schiff. Nach fünf Minuten Fahrt hält der Kutscher auf einer sehr engen, sehr dunklen, an den Hof einer großen Mietskaserne erinnernden Piazza vor dem Bureau der Compagnie Fraißinel", die von Marseille, Nizza und Livorno ans den Verkehr nach Korsika besorgt. Schnell das Billet. Am Schalter sitzt ein verdrießlicher Herr der Himmel weiß, warum man unter dem liebenswürdigsten Volk Europas die un­höflichsten Beamten findet. Er spricht nicht einmal französisch, trotzdem er doch im Dienst einer französischen Gesellschaft ist. Sehr widerwillig teilt er mir mit, daß heute kein Schiff nach Korsika gehe. , Nun, das macht schließlich 'nichts, wahrscheinlich ist der Fahrplanmobificato". An den Begriffmodisicato" ist inan in Italien nachgerade gewöhnt. Also morgen? Nein, morgen auch wicht. .Der verdrießliche Herr scheint bereits be­leidigt. Aber wann dann? Das wüßte er nicht, erfolgt die Ant­wort sehr von oben herab. Mir reißt die Geduld, und ich lasse eine Bemerkung über den anscheinend vorzüglich organisierten Dienst ,ber Compagnie fallen. Der Beamte ist zu vornehm, sie aufzuheben, er entfernt sich vom Schalter, pur das eine Wort herausstoßend: Sciopero!

Was ist seiopero? Mein nur für den gewöhnlichen Gebrauch ausreichendes Italienisch wies diese Vokabel nicht auf. Ich frage den Kutscher. Ein Kinematograph müßte das Schauspiel wieder­geben, das sich nun entwickelte. Der Mann wandte die ganze ungeheure Mimik des Italieners der unteren Volksklassen auf; er warf fich auf das Wagenpolster, schloß die Augen, schnarchte, kurz, suchte mir begreiflich zu machen, daßsciopero" jener glück­liche Zustand der menschlichen Gesellschaft sei, in dem tue Arbeit zwangsweise ruhe. Also ein Streik! Richtig, eine französische Zeitung, die ich auf dem Bahnhof fand, enthielt die Mitteilung von dem Ausstande der Schiffsoffiziere der französischen Handels­marine und der vollständigen Lahmlegung besonders des Be­triebs der Marseiller Schiffahrtsgesellschaften. Adieu Korsika I In ein paar Tagen konnte ja schließlich der Ausstand beigelegt sein, aber darauf konnte ich nicht warten. Viel Zeit hatte ich sowieso nicht übrig, also lieber zurück über den Gotthard und den Versuch bei günstigerer Gelegenheit wiederholt.

Das soll jetzt geschehen. Und wieder in Genua angelangt, machte ich die Beobachtung, daß man zur Abwechslung überhaupt gut tue, einmal im Sommer nach 'dem Süden zu reisen. Die Saison ist aus, die Hochflut derforestiere" verebbt, Italien ist italienisch. Genua ist schöner denn je; noch ein paar Tage will ich es vor der Ueberfahrt nach der Insel der Vendetta ge­nießen. E. P e t e r f f e n.

Vermischte».

* DieHeimat der Liebe". Aus London wird be­richtet: Die seltsame Sekte derAgapemoniten" macht in den letzten Tagen wieder sehr viel von sich reden. Man erinnert sich des Aussehens, das der Leiter dieser sonderbaren Heiligen, ein Mr. Pigott, vor längerer Zeit dadurch erregte, daß er im Heilig­tum der Sekte, mitten in dem ungläubigen London, eines Tages sich als derMessias", der wieder auf die Erde gekommen sei", erflärte. . Jetzt hat sich der neue Messias mit feiner Sekte nach einem kleinen Orte in Somersctjhire, Spaxton, zurückgezogen und hier dieHeimat der Liebe" errichtet in einem großen prächtigen Haus mit weiten Gärten und hohen Mauern, hinter denen der seltsame Heilige mit seinen Anhängern, oder vielmehr hauptsäch­lich Anhängerinnen, haust. .Er soll ein schöner, kraftvoller Mann sein, dessen elegantes Benehmen und hinreißende Liebcnswnrdig- feit die Frauen fasziniert. Er stammt ans einer angesehenen Familie, ist viel in der Welt herumgekommen und hat lange unter Arbeitern gelebt. Ein religiöser Wahnsinn, ein ekstatischer Gottes­glaube und schwärmerische Verzückung lebten früh in ihm auf. Der Schwärmer scheint eine merkwürdig bezwingende Macht auf die Frauen auszuüben. 200 bis 300 Frauen sind in demHeim der Liebe", alle begeistert für die große Lehre des Propheten, der vor allem die Heirat als ein Uet)et verbietet und sich dabei auf .die Worte der Bibel stützt.^ Die Männer sind meist älterü