Ausgabe 
16.7.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Die JerichspMrme.

Aus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.

Von E. v. T r o j a n o w s k y.

(Schluß.)

Wen halben Weg haben die Fahrenden schon hinter sich. Ihren eigenen Gedanken nachhängend, haben sie mit­einander nur wenig gesprochen. Plötzlich wird es von rechts her unheimlich hell. Ach Gott, da brennt ja schon wieder ein Dorfl Nicht gar $tt weit vom Wege. Von einer kleinen Bodenerhöhung aus, die sie soeben passieren, sehen sie deutlich die emporzüngelnden Flammen, Funkengarben, rotgrauen Rauch.

Angesichts dieses brennenden Dorfs wird die Unter« Haltung der beiden Herren wieder etwas reger. Die Haupt­kosten derselben trägt aber eigentlich nur der Arzt, da der Untersuchungsrichter nach der hohen Erregung bei den Kirch­hofsvorgängen sich noch immer etwas ermüdet fühlt. Nur ab und zu unterbricht er mit kurzen Bemerkungen seinen Be­gleiter, der beim Anblick des brennenden Dorfes in lebhaftes Räsonnieren geraten ist und sich darüber ereifert, daß, außer den ri n Feuerschäden durch Unvorsichtigkeit und dem noch immer so sehr feuergefährlichen Charakter unserer Bauern­häuser, die Feuerschäden infolge von Brandstiftung von Jahr zu Jahr immer mehr zunehmen . . ., daß unsere Bauern so leichten Herzens den roten Hahn auf das Dach eines Nach­bars loslassen, wenn sie sich an ihm rächen wollen, oder aufs eigene Dach, wenn sie glauben, daß die in Aussicht stehende Versicherungssumme ihnen irgend einen Vorteil zu­wenden könnte . . ., daß es seit der Einführung der land­schaftlichen Feuerversicherung in den Dörfern eigentlich noch häufiger brennt als früher, trotz der niedrigen Taxierung der Baulichkeiten und der entsprechend geringen Versicherungs­summe . . ., daß die Landschaften in manchen Gegenden durch ihre Versicherungsoperationen ihre Mittel total schon erschöpft haben . ..:Und wie schlimm steht es", ruft er aus,mit dem Nachweis der Brandstiftung I Sie müssen mir doch zu­geben, daß die Polizeiorgane und Untersuchungsrichter, bei der Neigung unserer Bauern, das faktisch von ihnen Gesehene oder Gehörte zu verschweigen und lügenhaften Aussagen er­kaufter Zeugen willig das Feld zu überlassen, in den meisten Brandstiftungssachen eine wahre Danaidenarbeit verrichten. Und wo der Nachweis einer Brandstiftung ausnahmsweise einmal auch gelingt, da pflegen, nicht wahr?, meist Kinder oder notorisch Schwachsinnige das Feuer angelegt zu haben!"

Wie der Arzt in seiner Jeremiade hier eine kleine Pause macht, erinnert ihn der Untersuchungsrichter daran, daß in einigen Gouvernements, namentlich im Südosten des Reichs,

die Brandstiftungen einen noch viel schlimmeren Charakter haben, daß dort, in den Städten wie auf dem Lande, geradezu ganze Brandstifterbanden ihr Wesen treiben, und trotz aller Anstrengungen von den Behörden nicht gefaßt werden können.

Unterdes sind die Lichter des Bahnhofs, die farbigen Signallaternen auf bestimmten Stellen der Schienengeleise schon in Sicht gekommen. Die Wolken haben sich verzogen, freundlich schimmern die Sterne am tiefdunklen Himmel. Die Pferde wittern die Nähe des Stalles. In schnellerem' Trabe sputen sie sich nach Hause ohne jeglichen Zuruf des Postknechts, der sich auf seinem unbequemen Sitze ein kleines Schläfchen zu leisten scheint.

/.Ja, ja, bester Doktor", äußerte der Untersuchungs­richter mit ganz besonderem Nachdruck, als sie schon die ersten Häuser der Stadt passiertemfür mein Leben gern mochte ich einmal in der Lage sein, so eine ins große gehende Brandstiftungssache, wo es sich um planmäßiges, raffiniertes Vorgehen einer gut organisierten Bande handelt, ex officio untersuchen zu können. Solch eine gefährliche Bande wäre ein Feind, der mich zur äußersten Anspannung aller meiner Fähigkeiten und Mäste reizen könnte, ein Feind, mit dem ich kämpfen möchte auf Leben und Tod! Ich könnte dann meinen wenigen Freunden und zahlreichen Feinden be­weisen, daß ich imstande bin, noch höheres zu leisten als wie heute wieder einmal! eine trunkene, arg randalie­rende Bauernrotte durch eine Rede ä la Jerichoposaune im Handumdrehen zur Vernunft zu bringen!"

*

Nach den in diesen Blättern geschilderten Ereignissen' blieb der Untersuchungsrichter nicht lange mehr in seinem Amte. Verschiedene Ursachen, denen wir schon im Beginn dieser Aufzeichnungen gedachten, verleideten ihm zuletzt den Dienst in solchem Grade, daß er um Ueberführung in eine andere Stadt nachsuchte. Es gab unter seinen offenen und geheimen Feinde einige einflußreiche Personen, die das Bezirksgericht, den Prokureur, ja sogar die Gerichts- palate*) in Petersburg geradezu baten:Seid so gut, be­freit uns von diesem Untersuchungsrichter!"

Er erhielt den Posten eines der in der Gouvernements­stadt wohnenden Prokureursgehilfen.

Doch auch dort und im neuen Dienst erging es ihm bald ähnlich wie an seinem früheren Wohnort als Unter­suchungsrichter. Sein Verhältnis zur Majorität des Bezirks- gjerichts. ja sogar zu seinem direkten' Vorgesetzten, spitzte, sich schließlich, so zu, daß man ihm nahe legte, um Ver­setzung in einen ganz anderen Gerichtsbezirk einzukommen. Er ging darauf in eine ziemlich entlegene Stadt im Innern des Reiches, und zwar nicht als Prokureursgehilfe, sonderst tvieder als Untersuchungsrichter. Es wurde nicht allgemein' bekannt, welche Umstände ihn dazu veranlaßten, trotz seiner schlimmen Erfahrungen im Justizressort noch weiter zu

*) Oberste Gerichtsbehörde eines aus mehreren Gou- vernements bestehenden Gerichtsbezirks,