Ausgabe 
14.12.1904
 
Einzelbild herunterladen

1904,

JS

F

L

Jas Testament des Bankiers.

Kriminalroman von A. M. Barbour.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Walter La Grange, der nächste Zeuge, sagte, daß er den größten Teil des dem Mord vorangegangenen Tages aus­wärts verlebt habe, weder beim Frühstück noch Mittag zu­gegen gewesen wäre und daher nicht wisse, wer an jenem Tage in Schöneiche gewesen war. Er war erst abends gegen halb elf zurückgekehrt und gleich in sein Zimmer gegangen, ohne sich um die aus der Veranda sitzenden Haus- gäste zu kümmern. Am nächsten Morgen war plötzlich seine Mutter zu ihm ins Zimmer gestürzt und hatte ihm sehr aufgeregt erzählt, daß Herr Maiuwaring in der Nacht einen Selbstmord verübt habe oder ermordet worden sei.

Hat Ihnen Ihre Mutter sonst noch etwas mit­geteilt?"

Nein; sie gab mir nur nach einen Auftrag." Welchen?"

Einen Brief zu besorgen."

An wen?"

Ter Zeuge wurde rot, zögerte und warf einen unruhigen Blick auf seine Mutter, deren finster gerunzelte Stirn zum erstenmale an diesem Tage ein Zeichen von Erregung verriet. Endlitz platzte er trotzig heraus:

An Herrn Hobson!"

Sie gaben den Brief nur einfach ab?"

Tanach kamen Sie zurück und ritten auf Befehl Ihrer Mutter noch einmal nach der Stadt?"

d sw

Sprachen Sie jetzt Herrn Hobson persönlich?"

Ja", Kang es mürrisch zurück.

Ihr zweiter Ritt hatte aber noch einen anderen Zweck, nicht wahr?"

Tie Beharrlichkeit des Coroners und der starre Blick seiner Mutter brachte« den jungen Mann gänzlich außer Fassung. Jäh aufwallend, rief er:

Wenn Sie doch alles wissen, begreife ich nicht, wozu Sie uoch fragen. Mich geht die Geschichte nichts an und ich will nichts mit chr zu schaffen haben. Wenn Sie mehr darüber hören wollen, wenden Sie sich an meine Mutter!" Auch noch einigen weiteren Fragen gegenüber verharrte der Zeuge in seinem Trotz. Es war nichts mehr aus ihm herauszubringen. Der Coroner entließ ihn endlich und rief:

Herr Higgens!"

Dieser Name erregte große Ueberraschung, denn er ge­hörte der allgemein bekannten Firma eines sehr alten Juwelengeschäftes an. Ter Aufgerufene war jener statt­liche Herr, den Herr Whitney tags zuvor aus der Stadt Mitgebracht hatte.

Herr Higgens", sagte der Coroner,mir ist mitgeteilt

worden, daß Sie sich erboten haben, eine de« Fall rührende Aussage zu machen."

Gewiß."

Nun wohl, haben Sie den jungen Mann, der soeben sein Zeugnis abgab, kürzlich gesehen?"

Gewiß, ich erinnere mich seines Gesichtes ganz genau."-

Sie waren mit dem verstorbenen Herrn Hugh Main- toariitg bekannt?"

Seit langer Zeit."

Kannten Sie auch die alten Mainwariug-Juwelenf, die jetzt vermißt werden?"

Ter junge La Grange wurde unruhig, und seine Mutter erbleichte, als der Zeuge antwortete:

Sehr gut, denn ich habe sie stets in Verwahrung gehabt, wenn Herr Mainwaring verreiste. Ich besitze auch ein vollständiges Verzeichnis der Stücke nebst einer genauen Beschreibung."

Tas ist von wesentlicher Bedeutung'. Nun bitte, Herr Zeuge, wollen Sie angeben, wann und bei welcher Ge­legenheit Sie den jungen La Grange sahen?

Ich befand mich gestern vormittag in meinen: Kontor, als mein Geschäftsführer eintrat und mich bat, in den Laden zu kommen, um mir einen ihm verdächtig erschei­nenden jungen Menschen anzusehen, der einige außerge­wöhnliche Schmuckstücke von hohem Wert zum Kauf an­biete. Ich ging sofort und fand den jungen Mann, der soeben hier' vernommen wurde. Er legte mir ein Etui mit einer prachtvollen Tiamantbrosche und ein anderes Etui mit einem kostbaren Halsband von Diamanten und Perlen zur Prüfung vor. Beide Gegenstände erkannte ich augenblicklich als Stücke des alten Mainwaring-Schmuckes. Fast unmittelbar vorher war mir die Nachricht von der Ermordung Herrn Mainwarings zugekommen; von dem Raub der Juwelen wußte ich noch nichts. Unwillkürlich jedoch brachte ich das Angebot mit dem Mord in Beziehung und faßte Argwohn. Ich fragte deshalb den jungen Mann eingehend aus, und er gab an, in Schöneiche zu Hause zu sein, woselbst seine Mutter, eine entfernte Verwandte! Herrn Mainwarings, lebe. Diese wolle die Schmuckgegen­stände verkaufen, weil sie augenblicklich einer größeren Summe baren Geldes bedürfe. Tas klang alles so glaub­würdig, daß ich meinen Verdacht für ungerechtfertigt hielt, jedoch lehnte ich den Kauf ab und beauftragte auf der Stelle einen unserer Privatdetektivs, der auffälligen Sache nachzuspüren. So erfuhr ich schon nach kaum einer Stunde, daß der junge Mann die Juwelen einem Pfandleiher für etwa ein Viertel ihres Wertes verkauft hatte. Ungefähr eine halbe Stunde später hörte ich dann von dem Raub, und da ich wußte, daß Herr Whitney sich hier in Schön­eiche befand, teilte ich ihm sogleich den Vorgang tele­phonisch mit. Er kam unverweilt in die Stadt, und wir gingen zu dem Pfandleiher, wo auch, er Brosche und Hals­band auf den ersten Blick erkannte.

Ter Zeuge hielt einen Augenblick inne, zog Zwei Etuis