Ausgabe 
13.5.1904
 
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Wirkung dieses Giftes ist Entkräftung, allgemeine Ab­spannung, Verlust von Schlaf, Gedächtnis, Appetit . . . kurz ein zehrendes Fieber; er verhungert bei lebendigem Leibe. Irgend jemand, der einen Groll gegen ihn hat, muß ihm das Gift beigebracht haben, und solche Leute gibt es genug; denn er ist ein strenger Beamter. Ich kannte einmal einen Koch, der seinem Herrn einen soge­nannten Liebestrank eingab, um sich dessen Gunst zu er­werben, aber natürlich tötete er ihn damit. Diese Einge­borenen geben sich für ihr Leben gern mit Giftmischereien ab!" fügte er lachend hinzu.

So wußten Sie also, daß er sterben würde?"

Ja, ich wußte, daß er krank war. Sie werden doch gewiß nicht von mir erwartet haben, daß ich hätte ein­greifen sollen, um das Leben meines Nebenbuhlers zu retten? Der Mann ist mir zudem zuwider, und ich würde mich freuen, wenn er stürbe. Doch wird er jetzt nicht sterben, da Sie den Preis für sein Leben bezahlen wollen. Aber auch ich bezahle einen Preis. Ich habe jedoch niemals die Kosten gescheut, wenn es ... . ein Juwel zu erstehen galt. Habe ich es Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie mir noch einmal erobern werde? Fühlen Sie meinen Fuß nun auf Ihrem Nacken?"

Ja", flüsterte ich kaum hörbar.

Ich werde zehntausend Pfund verlieren, die Kom­missionsgebühr für die Perlen; denn Thorold wird niemals in den Kauf willigen, solange er atmet. Außerdem werde ich mir in der Rani Sundaram eine gute Kundin und Gönnerin verscherzen. Sie wird noch wütender sein, als eine Tigerin, der man ihre Jungen geraubt hat. Dies alles verliere ich . . . dafür aber gewinne ich Sie."

Triumphierend schaute er mich an. Eine dick ange­schwollene Ader lag auf seiner Stirn. Mir siel ein, daß dieser von der alten Rani ins Werk gesetzte Versuch, Tho­rold zu vergiften, wohl nicht der erste war, denn jener frühere Malariaanfall hatte sicherlich auch seinen Grund in der Beibringung eines Giftes gehabt. Hatte Ibrahim auch darum gewußt? Ein Schauder erfaßte mich, wenn ich an die eben getroffene Abmachung dachte. Und noch sah ich keinen Ausweg.

(Fortsetzung folgt.)

Ir< Hh. Wischer in Italien.

Das Maiheft der Süddeutschen Monatshefte (München und Leipzig, Verlag der Südd. Monatshefte), das sich wesentlich mit schwäbischen Menschen und Zuständen beschäftigt, eröffnet eine Reihe von Mitteilungen aus den Briefen, die Friedr. Th. Vischer 1839 von seiner italieni­schen Reise nach Hause geschrieben hat. Wir geben daraus einige besonders charakteristische Bruchstücke wieder.

Venedig:Nun war ich also in dem Land, wo auch der gemeine Mann nobel und interessant aussieht, wo die deutsche Kartoffelnase verschwindet. Der Deutsche genießt -sich in seiner Substantialität bei unglücklicher Form, der Engländer ist stolz in seiner Stärke, der Franzose eitel in seiner Eleganz und seinem Point d'honneur, der Italiener genießt in legerem Behagen das Bewußtsein, ein klassisches Volk zu sein. Woher die italienischen Maler solche höchst bedeutungsvolle Köpfe im Ueberfluß nahmen, darf man nicht mehr fragen, wenn man in Italien ist, man darf nur an eine Gondel, man darf nur auf die Straße gehen. Männerköpfe von größter Schönheit bei gemeinen Schiffern, edle Linien der Knochen, lauter gerollte Haare, schöne glän­zende Augen. Mit dem Eintritt in Italien, in sein Volk, seine Lust, seine Altertümer, fühlt man sich von jenem Geiste des, Realismus angehaucht, aus welchem die Alten ihre Größe in Kunst und Staat schöpften. Ein Unvorsichtiger verliert hier den inneren ideellen Fond der deutschen Natur, das,Land ist wie eine schöne Frucht, wovon man, wenn man Ue ißt, ja den Butzen wegwerfen muß, es ist ein Giftstachel darin, der Kluge, der Feste spürt sie und wird neu belebt." Die Natürlichkeit ist wie im Süden überall. Man kann ohne Aergernis in den Kanälen (d. h. in den Straßen der Stadt) baden, und ich hatte einmal meinen Spaß, als ich bei dem Maler Robert, dem Bruder des berühmten, mit drei österreichischen Offizieren war, und diese plötzlich sich aus­zogen, mit großen Sätzen aus der Haustür fuhren, obwohl Damen auf dem Balkon standen, und im Kanal herum­schwammen wie Wässer-Enten. Wunderschöne Männer, zum

Malen. In diesen Ländern war eine Plastik möglich; wir vermummten Leute wissen nicht mehr, was eine Schulter, eine Brust, ein Schenkel bedeutet."

Bologna:Der Eintritt ins päpstliche Gebiet war mit Widerwärtigkeiten aller Art verbunden, und wir ge­standen uns abends, daß es ein wahrhaft Nicolaischer Tag war. (Der Berliner Nicolai hatte kurz zuvor seine sauer­töpfische Schilderung vonItalien, wie es wirklich ist" ver­öffentlicht.) In Ferrara stand ich unter dem Wirtshaus, als die drei andern schon eingesessen waren; ich hatte für alle vier die Kasse und sollte noch einiges zahlen, nun zupfte mich an der einen Seite der Cameriere, an der andern der Facchino (d. h. derjenige, der die Effekten in die Chaise trägt, denn das tut hier kein Kutscher usw.), von der andern ein Vetturin, der uns vorher einen Weg gezeigt hatte, und endlich eine Bettlerin. Ich verlor doch die Ge­duld, stampfte auf den Boden, brannte zuerst einen 24- Pfünder von einem guten deutschen Fluch ab, und fuhr dann los: gente cattiva! seuza vergona (ohne Scham), senza pudore u. st st, daß die Kerle doch Respekt kriegten und mäuschenstill wurden."

Ravenna:Die päpstlichen Soldaten, die hier liegen, sind lauter Deutsche, meist Schweizer, viele Würt­temberger. Es war rührend, wenn diese Leute, die doch fast alle etwas Heimweh haben, stehen blieben, sich an­stießen und zuflüsterten:Deutsch, deutsch!" wenn sie uns im Vorübergehen reden hörten. Ein junger Mann hörte uns aufmerksam zu und sang, als er um die nächste Ecke bog:'s ist so schön im fremden Lande" usw. Wir unter­hielten uns viel mit rinsern guten Landsleuten und im Heimweg fand ich in Faenza den Trommler, von dem ich einen Brief einschloß, und den ich nebst einem andern Württemberger durch einen Scudo sehr beglückte. Der Bursch stand eben auf der Hauptwache und trommelte, ich fixierte ihn und dachte: das ist doch das echte Schwäbische Hannesle's- und Jockele's-Gesicht; er mochte etwas Aehn- liches denken und redete mich an, wo wir uns dann freund­lich die Hand drückten."

Mailand:Mit Herrn Tafel, an den ich adressiert war, speiste ich in den Italienischen Tvaitorien. Mein Magen und noch mehr meine Nase war glücklicherweise schon an Italien gewöhnt. Die unerläßliche Zugabe in diesen Trattorien, wo man meist in einem freien Hof­raum speist, ist ein beißender Gestank, eine Folge der gren­zenlosen Natürlichkeit der Italiener, die keine Straßen-Ecke schont, selbst die angemalten Kreuze und dasrisettate la casa di Dio" nicht. IN dem prachtvollen Theater Della Scala verbreitet sich dieses Aroma mit sinnberaubender, herzbetörender Gewalt."

Genua:Genua ist herrlich, amphitheatralisch am Meere, voll von den reichsten Palästen der alten Familien. Aber das Volk grundverdorben, wie in allen Seehäfen und in allen Misch-Rassen, halb französisch, halb deutsch. Eine echt italienische Szene sah ich auf der Straße, wo sich zwei Jungen wütend um einen Eselskot prügelten, wer ihn aufheben dürfe. Meine Aussicht aus dem Gast­hof war auf den Hafen, ich stand einmal nachts auf, die Aussicht zu genießen, der Mond lag auf dem Meere, vor mir ein Wald von Masten, ferne das rote Licht des Leuchtturms, Töne einer Flöte in der stillen Nacht. Dieses Schauspiel hat Schillers Fiesko, da er nächtig aus dem Fenster blickt. Ich war auch im Palast des Andrea Doria. Alte Zeiten! An einem Laden las ich auf dem Schild: Andrea Cal- cagnoparruchierc. Der hat es weit gebracht."

Florenz:Hier in Florenz, wo ich mich auf drei Wochen angesiedelt, welche Schätze! Von Plastik nenne ich nur die Mediceische Venus, den cymbelschlagenden Faun, die Niobiden-Gruppe, von Malerei zwei der schönsten Ra­phael, Titians Venus, die schönsten Peruginos es ist aber so viel Vortreffliches, daß ich wieder ganz überschüttet bin. Ich meinte, außer dem Interesse und Sinn auch einige Kunstkenntnisse zu haben. Sancta simplicitas! Jetzt eben brechen die ersten Breschen in die dicke Mauer meiner Ignoranz. Feuerbach ist hier, der den vatikanischen Apoll geschrieben, und ein Dr. Gaye, zwei Archäologen, anderen Gesprächen ich sehen kann, was ich nicht weiß. Glaubt mir nur, meine Freunde, man kann viel Sinn haben, unb ist jeden Moment noch capabel, ein geradezu schlechtes Bild für schön zu halten, und an einem guten vorüberzugehen. Sehen lernen, das ist nichts Kleines."

Pisa: Noch ein Kuriosum aus Pisa. Ich bestieg den