Ausgabe 
13.5.1904
 
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sprechen, nur immer mir folgen, dann kann alles gut werden; aber eine böse Sache bleibt es doch."

Lautlos, mit gesenktem Kopf und leichtem Hinken eilte ich hinter Munasawmy her, dessen Schritte sichtlich von der Angst beflügelt wurden. Trotzdem tauschte er hier und da einen Gruß oder einen Scherz aus, während wir durch den von Händlern und Besuchern ungefüllten Palast eilten. Nach etwa zehn Minuten kamen wir aus der stickigen Luft heraus und standen nun unter dem kühlen Sternenhimmel. 'Wie atmete ich aus!

Ungehindert gingen wir an den Schildwachen vorüber, und kaum hatten wir die offene Straße erreicht, so rief Munasawmy eine Jutta herbei. Wir kletterten hinein und jagten, so rasch als der Pony laufen konnte, dem innersten Teile von Royapetta zu.

Hier wimmelte es noch immer von Menschen, und ein Leben und Treiben herrschte, als sei äs früh am Morgen und nicht neun Uhr abends. Noch nie in meinem Leben hatte ich weder eine solche Menge von Menschen gesehen, die in dichtem Gedränge durcheinander hasteten, noch solch ohrenbetäubendes Getöse vernommen, noch so seltsame Düfte gerochen. Allein ich schenkte diesen Dingen keine Beacht- ung, denn all meine Gedanken waren auf die mir be­vorstehende Unterredung mit Ibrahim gerichtet. Ob er auch zu Hause war? Ob ich ihn zu sehen bekam? Ob er sich dazu verstehen würde, Max Thorold das Leben zu retten?

Nach verschiedenen Umwegen, ärgerlichen Verhand­lungen und Ueberwinduug von allerlei Hindernissen, die meine Geduld auf eine harte Probe stellten, bogen wir endlich in ein schmales Seitengäßchen ein, dessen hohe, nach außen fensterlose Häuser mit flachen Dächern von der besseren Klasse bewohnt waren. Vor dem größten dar­unter machte der Wagen plötzlich Halt.

Hier ist es", sagte Munasawmy, kletterte heraus und war mir beim Aussteigen behilflich denn eine Jutta ist ein recht unbequemer, bedeckter kleiner Kasten auf zwei Rädern, der sich allerdings bei den 'Eingeborenen von Madras großer Beliebtheit erfreut

Nachdem der Hindu unserem Kütscher zu warten be­sohlen hatte, traten wir in einen offenen Torweg und stiegen dann die steilste steinerne Treppe hinauf, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist. Wir erklommen sie etwa zur Hälfte und gelangten an einen Absatz, auf den mehrere Türen mündeten und wo verschiedene Männer herumlungerten. Ueberall herrschte eine heiße, dumpfe, drückende Luft, erfüllt vom Geruch ranzigen Oeles, Weih­rauchs und getrockneter Ringelblumen.' Ein weibliches Wesen war nirgends zu entdecken. Munasawmy flüsterte einem der Männer etwas zu und wandte sich dann wieder zu mir, indem er auf die in starken Windungen weiter emporsührende steinerne Treppe deutete:Er ist oben auf dem Dache."

Ich muß gestehen, die ganze Umgebung machte alles eher als einen vertrauenerweckenden 'Eindruck auf mich. Doch was wollten wir machen? Wir kletterten und klet­terten also weiter, bis mein Kops endlich in die freie Luft kam und ein großer, mit einer niedrigen Brüstung umgebener Raum vor mir lag, offenbar das Dach des Hauses. Die eine Seite mußte auf einen Garten gehen, denn die Zweige von Palmen und anderen Bäumen neigten sich über die schmale Einfassung und warfen flackernde Schatten auf den steinernen Boden. Ueber die Mitte des Platzes war ein Teppich ausgebreitet und dort bemerkte ich jetzt auch einen Mann, der, der Länge nach ausgestreckt, auf einem Ruhebett aus Bambusrohr lag und beim Scheine einer verschleierten Lampe las.

Bei meinem Näherkommen richtete er sich auf und schrie ärgerlich auf hindostanisch:Mach', daß Du fort­kommst!" Und als er auch Munasawmys ansichtig wurde, fügte er mit noch lauterer Stimme hinzu:Rungo, warum hast Du dieses Schwein nicht unten behalten? Was haben die beiden hier zu suchen?"

Wir kommen vom Palast", sagte Munasawmy mit knechtischer Unterwürfigkeit, indem er sich tief verneigte.

Und diese hier?" Verächtlich zeigte Ibrahim auf mich.

Kommt auch aus dem Palast", antwortete ich, den Schleier zurückschlagend.

Was? Miß Ferrars?!" rief er emporschnellend in schrillem Tone.Wie kamen Sie aus dem Palast heraus? Das ist ein gefährliches Spiel. Was führt Sie hierher?"

Eine schwere Sorge."

Ich machte Munasawmy ein Zeichen, sich zu entfernen, ein Befehl, dem er indes mit sichtlichem Widerstreben und nur so weit nachkam, daß er sich bis zur obersten Treppen- ftufe zurückzog.

Mr. Thorold ist vergiftet worden und hat, wie man mir sagte, nur noch wenige Stunden zu leben, wenn Sie ihn nicht retten."

Darum also haben Sie dieses Wagnis unternommen ?" Dabei huschte fein rascher Blick über mein indisches Ge­wand und meine gefärbten Hände und Arme.Was wünfcheu Sie, daß ich dabei tun soll?"

Ihm ein Gegengift geben und sein Leben retten."

Was liegt mir an seinem Leben?" Er zuckte die Achseln.Wir alle müssen einmal sterben."

Ja, aber nicht auf diese Weise . . . nicht vor der Zeit . . . durch die Willkür eines anderen, Menschen!" stieß ich, schwer atmend, hervor.Bedenken Sie, welch edler Manu Mr. Thorold ist, wie selbstlos, er sich der Armen annimmt und die Schwachen und Unterdrückten verteidigt. . ."

Das will ich Ihnen alles gern glauben", unterbrach mich Ibrahim mit einer ungeduldigen Bewegung.Ich weiß, daß er Miß Ferrars' Gunst genießt, und daß die Presse seine Heldentaten in begeisterten Worten rühmen wird, sobald er das Zeitliche gesegnet hat."

Er wird aber nicht sterben, wenn Sie ihm ein Gegen­mittel geben", drang ich ungestüm in ihn.

Und was würde mein Lohn sein, wenn ich Ihrer Bitte willfahrte?" Ibrahims stechende Augen durcy- bohrten mich fast.

Auf den Knieen will ich Ihnen dafür danken!" riet ich leidenschaftlich.Ich bin überzeugt, daß Sie gern Ihre Macht und Ihre Kunst um der Menfchlichkeit . . . um de. Liebe Gottes willen anwenden werden..."

Nein, und auch nicht um der Liebe Mr. Thorolds willen", entgegnete er mit häßlichem Auflachen.Das in nicht die Art, wie ich Geschäfte abschließe. Gefühlsduselei mag sich für Weiber schicken, ich aber stelle meinen Preis, wie alle Männer."

So wollte dieser erbärmliche Krämer also selbst aus dieser traurigen Angelegenheit seinen Nutzen ziehen! Es überlies mich eiskalt.

Was verlangen Sie dafür? Nennen Sie den Preis", rief ich mit stockendem Atem.

Sie selbst! Sie müssen es doch wissen, daß mein Preis kein anderer sein kann als Pamela Ferrars."

Mir war plötzlich, als lege sich ein Schleier vor meine Augen, ein Schwindel faßte mich, und um nicht umzu­finken, stützte ich die Hand so schwer auf den niedrigen Tisch neben mir, daß er zitterte. Ein Schauder durchlief meinen Körper und ich starrte diesen Mann an, der mich zu lieben behauptete, und den Max als einen Betrüger und Schwindler gebrandmarkt hatte. Dabei dachte ich an Maxwells dahinschwindendes Leben, an sein ed.es Streben, seinen ehrenhaften, fleckenlosen Charakter. Ich stellte mir vor, für wie viele Menschen sein Tod ein unersetzlicher Verlust sein würde, und sagte mir, daß ich gern mein Leben für das feinige hingeben würde.

Aber jetzt mußte ich vor allem klug und kaltblütig fein, alle meine Kräfte, meinen ganzen Verstand auf» bieten, um der furchtbaren Sachlage gewachsen zu bleiben. Denn Max oder ich! deutlich las ich die Drohung in Ibrahims Augen. 'Einen Augenblick fiel mir Doktor Flemming .ein, von dem Max behauptet hatte, daß er sich auf die Gifte der 'Eingeborenen verstehe. Aber hatte nicht der Hindu erklärt, der Doktor kenne die Krankheit nicht? Ich überlegte.

Ich willige ein, wenn es keinen anderen Ausweg gürt', erklärte ich langsam und bedächtig, und wunderte Mich dabei über den Ton meiner eigenen Stimme: sie klang wie die einer Fremden.

Es gibt keinen anderen Ausweg. Sie werden meine Frau unter der Bedingung, daß ich Thorold rette. Ist die Sache abgemacht?"

Ich nickte, ohne meine zu Boden gerichteten Augen aufzuschlagen. ___

Ich habe von dem Falle gehört. Aber wollen Sie sich nicht fetzen?" 'Er zog einen Stuhl heran, auf den ich denn auch sofort niedersank; denn die Fuße versagten nur den Dienst. , , ,. ,

Mr. Thorold ist ein tödliches Gift beigebracht wor­den", begann er in kühlem, geschäftsmäßigem Tone.Die