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kvorfen haben rmd auch die Ihrigen sehr böse auf mich sind?"
,Mcht mehr", unterbrach er mich lebhaft.
„Daß ich arm bin. . ."
„Und stolz!" vollendete er lachend. „Ja, das weiß ich Wohl!"
„Ich bin nicht mehr das heitere Mädchen von früher."
„Du bist jung, schön, tapfer und gut, aber auch, wenn Du alt und häßlich wärest, so bliebest Du doch immer die Pamela, die ich liebe." So sprechend umschloß er meine beiden Hände mit festem Druck. „Küssen würde ich Dich jetzt, selbst angesichts dieser Unmenge lauernder Augen, wenn ich nicht fürchten müßte, Dich zu erzürnen."
Der alten Rani Verhaltungsmaßregeln fielen mir ein, und dunkele Röte stieg mir in die Wangen.
„Ich flehe Sie an, es nicht zu tun", sagte ich, indem ich meine Hände zu befteien versuchte. „Ach, und ist überhaupt jetzt die Zeit, um von Liebe zu reden?"
„Und warum nicht? Jedenfalls ist der rechte Augenblick gekommen, Versprechungen und Gelübde auszutauschen. Schau her, Pamela", — er machte einen kleinen Ehering von seiner Uhrkette los — „dieser Ring gehörte einst meiner Mutter, ich nahm ihn von ihrer erkalteten Hand. Nun stecke ich ihn als Zeichen unseres Verlöbnisses an den Finger meiner zukünftigen Gattin . . . Wärum bist Du so schweigsam^ fragte er besorgt.
„Ich weiß es nicht. Furcht und bange Ahnungen quälen mich. Die Luft hier ist ja von Bosheit erfüllt."
„Mlerdings ist die Luft im Palaste bildlich und buchstäblich gründlich verdorben, aber das schadet nichts. Nun Du mit mir vereint bist, wirst Du bald frei sein."
„Vielleicht, wenn es auf die Rani Gindia ankäme, so aber. . ."
„Sie ist allerdings ein liebes, gutes Geschöpf, jedoch gänzlich machtlos. Aus den Klauen jener anderen aber, die auch diese Zusammenkunft veranstaltet hat, und uns ohne Zweifel jetzt beobachtet, will ich Dich befreien. Morgen fehen wir uns wieder und heute abend werde ich Dir schreiben."
„Ach, das Schreiben ist unzuverlässig, und wer weiß, wann wir uns zu sehen bekommen."
„Meinst Du? Ueberlaß das nur mir. Du hast in dieser Sache gar nicht mitzureden. Ich werde die Rani Sundaram überlisten und Dich entführen. Mrs. Dalrymple ist jetzt im Gebirge in Kunnr, und zwar allein, da ihr Mann noch keinen Urlaub bekommen konnte. Sie wäre glückselig, wenn sie Dich zur Gesellschaft bekäme. Ms dahin aber, bis ich Dich glücklich von hier fort habe, werden mir die Tage wie Jahre erscheinen. Willst Du manchmal an mich denken, Pamela?"
„Ja, immer werde ich an Dich denken und auch für Dich beten."
„Sage mir noch etwas Liebes, Du hast kaum den Mund geöffnet."
„Gott schütze Dich!"
„Miß Sahib!" rief da plötzlich eine Stimme, und als sei sie aus dem Erdboden gestiegen, stand Begur an den Stufen des Palastes. „Ihre Hoheit, die Rani Sundaram fchickt mich, Sie zu holen. Es ist kein Augenblick zu verlieren." Damit verbeugte sie sich und zerrte mich dann aufgeregt am Kleid, um mich fortzuziehen.
„Eh bien, e'est pour la dernisre fois", sagte Mr. Tho- rold. „Je vons reverrai demain. Au revoir, ma bien atntee" — Nun, das ist das letzte Wal. Morgen besuche ich Sie wieder. Auf Wiedersehen, Geliebte!
Er begleitete mich bis zum inneren Hofe, dann erst ließ er mit sichtlichem Widerstreben meine Hand los. Ich glaube, er hätte mich gern zurückgehalten, allein diese Begur drängte mich hastig der Fräuenabteilung zu.
„Wurria, wurria!" — Eile Dich, eile Dich! — rief sie Mir immer wieder zu, während sie vor mir her über Gänge und Treppen eilte.
Nach kurzer Zeit befand ich mich vor der alten Rani. Heftig klopfte mir das Herz.
„Das Gespräch ist also zu Ende", begann sie, die glühenden Augen auf mich gerichtet. „Eine halbe Stunde hast Du gebraucht, um ihn zu überreden.' Ich sah, wie er sich wehrte, und wie Du ihn brängteft" — ein Opernglas lag neben ihr. „Was für Nachrichten bringst Du mir? Die Makler stehen schon im äußern Hof, und hier sind die Perlen/
Ja, da lag die Kassette noch immer auf dem niedrigen Tischchen neben ihr.
Meine Lippen waren wie ausgedörrt, die Zunge trocken, trotzdem gelang es mir, einige Worte hervorzubringen.
„Die Antwort lautet nein."
„Nein!" schrie sie mit krampfhaft zuckenden Kinnbacken, die Lippen von den scharfen, geschwärzten Zähnen zurückgezogen.
„Nein", iviederholte ich entschlossen.
Plötzlich richtete sich die Rani halb aus. Wie zwei verzehrende Flammen blitzten ihre Augen, und ehe ich es mich versah, schwang sie einen edelsteinbesetzten Dolch und schleuderte ihn mir mit aller Kraft entgegen. Meinen Hals streifend, sauste er mir am Ohr vorbei, und tief grub sich seine blitzende Klinge in das Holzwerk neben mir ein.
Ohne eine Entschuldigung oder Erklärung abzuwarten, riß ich hastig den Purdah zur Seite und entfloh.
18.
Ein Tag um den andern schlich dahin, ohne mir ein Lebenszeichen von Max oder eine neue Vorladung der Rani Sundaram zu bringen. Die ganze Angelegenheit war spurlos verrauscht, als . ob sie ein Traum gewesen wäre, und wie von selbst, wie ein die Mühle treibendes Pferd, kam ich meinen täglichen Verpflichtungen nach. Ich mühte mich gewissenhaft mit Tonleitern und Vokabeln ab, und es gelang mir sogar, den kleinen Ranschah ohne Tränen durch seine Unterrichtsstunden zu bringen, obwohl mir selbst das Weinen nahe stand.
Täglich wurde ich noch zu der Rani Gindia besohlen, die gütig, ja mehr als das, fast liebevoll gegen mich war. Allein ich konnte deutlich bemerken, daß sie ihren eigenen Kummer hatte und unter dem Druck irgend einer schweren Sorge stand. Da siel mir denn das Amt Davids bei König Saul zu: ich mußte scherzen und lachen, Geschichten erzählen, ihr mit Guitarrebegleitung Vorsingen, kurz sie zerstreuen und aufheitern. Ach, was für eine Pein war das für mich! Ich möchte wohl wissen, ob es ihr jemals auffiel, wie gezwungen mein Lächeln, wie sade meine Witze und tote zitternd meine Stimme war. Das Herz tat mir weh von dem endlosen Hangen und Bangen, von der qualvollen Ungewißheit, die doppelt fühlbar ist, wenn man sich zu untätiger Ohnmacht verurteilt sieht. Immer unerträglicher wurde mir die furchtbare Spannung, während int Palast die Hochzeitsvorbereitungen ihren ununterbrochenen Fortgang nahmen. Viele fremde Gesichter kamen und gingen; Hausierer, Wahrsager, Musikanten und Bänkelsänger drängten sich in den äußeren Höfen.
Als ich einmal auf meinem Weg in den Garten durch den Audienzsaal ging, traf ich auch Mr. Ibrahim, der sich nicht wenig über das Wiedersehen zu freuen schien, und mir lebhaft die wie immer feucht-klebrige Hand reichte.
„So sind Sie also noch immer hier?" Ich zwang mich zu einem höflichen Ton.
„O ja, ich bin noch immer hier", antwortete er mit vielsagendem Lächeln.
„Und wie steht es mit den Perlen?"
„Ich glaube, die Sache macht sich nun doch allmählich. Die Rani Sundaram kann nun einmal nicht darauf verzichten. Sie hat ja auch gewöhnlich so ihre eigenen Mittelchen und —"
„Nun, und?" Ich wollte auch das schlimmste erfahren.
„Sie hat die Perlen augenblicklich in Verwahrung", — er hielt inne und lächelte bedeutungsvoll, wobei seine lang- geschlitzten Augen unheimlich funkelten — „zur Probe!"
„So, wirklich?" stammelte ich und setzte eilig tüeinen Weg fort. Allein mir war, als versagten die Füße mir den Dienst, lange bevor ich den weißen Pavillon erreicht haben würde.
Das tagelange Fernbleiben Maxwells, sein vollständiges Schweigen, der Rani Zuversicht bei anscheinender Untätigkeit: was hatte dies alles zu bedeuten? Auf keinen Fall etwas Gutes. Ach ja, ich fühlte es, der Himmel hing voll schwarzer, drohender Wolken, und der augenblickliche Stillstand war nur die Ruhe vor dem Sturm.
(Fortsetzung folgt.)
Ira»z von Lenöach,
Wieder hat ein Herrscher im Reiche der Kunst die einsame Fahrt zur düsteren Toteninsel angetreten, während auf den verschiedensten Ausstellungen seine Werke Zeugnis ablegen von dem Fleiße und der Kraft, die bis zuletzt fein Leben füllten.


