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den übrigen Diplomaten in Berlin sich zu vollziehen pflegte, läßt sich der Verfasser derErinnerungen an Bismarck" wie folgt aus:

Den Ministern, insbesondere der größeren Einzelstaaten, deren Anwesenheit und persönliche Mitwirkung in Berlin in den ersten Zeiten des Reichsbestands häufiger war als später, kam Bismarck stets mit größter kollegialer Liebenswürdigkeit entgegen. Er sah sie häufig bei sich zu Tisch und pflegte dann nach der Tafel beim Kaffee über die aktuellen Tagesfragen und seine Auffassungen ein­gehend sich.ccuszufprechen. Dabei gaben die im Kreise umher­sitzenden Gäste allerdings' hauptsächlich die Zuhörer ab, sie ge- waunen aber doch erwünichte Einblicke in die jeweilige politische Lage und die Wege, die der Reichskanzler einzuschlagen beabsich­tigte. Sie hatten das Gefühl einer ihre Stellung im Bundesrat, in dem der Kanzler ja nicht häufig erschien, achtenden, informieren­den, vertraulichen und häufig sehr offenen, wenn auch auf Bis­marcks Seite autoritativen Aussprache, ,unb ihre gelegentlichen Bemerkungen und Bedenken in der betreffenden Angelegenheit wurden mit größter Höflichkeit entgegengenommen, wobei es sich nur empfahl, sie in einer dem Kanzler zusagenden Form und in Kürze vorzubringen.

An diese Tischgespräche schlossen sich nicht selten die niemals vorher zu Papier gebrachten und ins' einzelne ausgearbeiteten, son­dern der jeweiligen Situation im Parlament folgenden und des- halb so wirkungsvollen Reden des Kanzlers im Reichstag an, in einer Weise, daß, wer zuvor Gast des Fürsten war, ost im voraus bis auf Wort und Ausdruck wissen konnte, was nun folgen werde. ,Die Darlegungen vor den Ministern bildeten die vorbereitende Geistesarbeit für den Reichstag.

Daß Bismarck, wo nicht tiefgewurzelte, eingeivöhnte, prin­zipielle Ueoerzeugungen in Frage standen, an Meinungen und Maßnahmen nicht unabänderlich festhiell, was auch in einer mit­unter wechselnden Beurteilung von Personen hervortrat, die er meist nach ihrer jeweiligen Brauchbarkeit für seine Pläne ein­schützte, ist bekannt.

Sein Endziel hatte Bismarck unverrückt vor Augen. Darin schwankte er nicht. War die Zeit zur Verwirklichung noch nicht gekommen, so konnte er .warten. War es nicht sofort ganz und voll zu erreichen, so näherte er sich schrittweise. Erwies' sich ein Weg als'nicht gangbar, so schlug er einen anderen ein, und ging es mit diesen oder jenen Persönlichkeiten oder Parteien nicht vor­wärts, so versuchte er es mit anderen. Er war, wie er schon oft genannt wurde, ein Realpolitiker von Grund aus.

Ter geschäftliche Verkehr mit dem Kanzler war für Untergebene und wohl auch für Ministerkollegen kein leichter. Abgesehen von seinen Musigen Abwesenheiten von Berlin und seiner zeit­weiligen Unnahbarkeit aus Gesundheitsrücksichten hatten ihn die unbestreitbare geistige Ueberlegenheit, die angeborene Selbständig­keit und Originalität seines Wesens, seine großartigen Erfolge, die unwandelbare Gunst seines Königs, die ihm gezollte Bewunderung und das Bewußtsein der Unentbehrlichkeit zu einer solchen Höhe erhoben, daß er weniger Rat und Mitarbeit als bereitwillige Folgeleistung suchte intb erwartete. Gewiß wußte auch er die be­sondere Sachkunde und Erfahrung anderer in einzelnen Zweigen und Ressorts zu schätzen und zu benützen und hatte auch wohl die Erfahrung gemacht, daß man mitunter bei solchen, denen man es gar nicht zugetraut hätte, überraschend richtige, aus neue Mittel und Wege hinweisende Gedanken trifft. Wo er aber den Anreg­ungen und Vorschlägen anderer folgte, geschah es unter dem steten Vorbehalt, sie in voller Unabhängigkeit der Erwägung zu prüfen, zu modifizieren, umzugcstallen, nach Umständen wieder fallen zu lassen und im Falle des Mißerfolges wohl auch die Verantwort­ung von sich abzulehnen.

Daß Bismarck über die spezifische Art preußischer Geheim- und Ministerialräte, ihren Ressortpatriotismus und ihren Ein­fluß auf einzelne Chefs sarkastische Bemerkungen machte, war nicht leiten.

Er schien mir auch, wenigstens seit ich ihn kannte (1868), Mm Mißtrauen geneigt zu sein und Intrigen, Konspirationen und Feindschaften auch da zu vermuten, wo sie in Wirklichkeit viel­leicht nicht oder nicht in dem angenommenen Maße vorhanden waren. ,Tazu mögen unliebsame Erfahrungen mit früheren ver- sönlicyen und politischen Freunden, aus deren Genossenschaft er sich zu Überragerider Höhe emporgeschwungen hatte, auch seine Zurückgezogenheit aus dem größeren gesellschaftlichen Verkehr und Beschränkung auf einen kleinen Kreis von Personen, die er in leinein Hause sah, vielleicht auch Mißverständnisse und Zuträgereien beigetragen haben. . Auch! der weitblickende und kühl berechnende Staatsmann unterliegt mitunter Eindrücken und (Stimmungen des Augenblicks, und solchen gab Bismarck, der, von Natur tempe­ramentvoll, stürmisch und stets kampfbereit, gern sich anssprach und in seinen Reden gehen ließ, unverblümten, do'chl aber als Produkt des Augenblicks aufzufassenden Ausdruck vor Zuhörern, die nicht immer vorsichtig gewählt waren."

ES ist gelegentlich das Wort von demHandlanger" des ersten Kapers gefallen. .Herr v. Mittuacht vernieidet, dieses Wort aus- zusprechen, untersucht aber die Frage, welchem von beiden Män­nern, dem Kaiser oder seinem Kanzler, der RuhmestitelGrün­der des Reichs" genannt zu werden, gebührt. Ter Verfasser ent»

und der

wirft bei Vieser Gelegenheit ein treffliches Bild von dem gegen­seitigen Verhältnis, in dem der Kaiser und Bismarck zu einander standen:

Abstrichrätsel.

Nachdruck verboten. -

Abart, Bauch, Gast, Ostern, Baum, Kanone Heber, Meier, Gabel.

Von jedem Wort ist ein Buchstabe zu streichen, so daß die stehen bleibeiiden Biichstaben wieder ein anderes Hauptwort bilden, während die abgestrichenen Buchstaben im Zusammenhang gelesen ein modernes Verkehrsmittel bezeichnen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rösselspriings in vor. Nr.:

Nur allein der Mensch vermag das Unmögliche,

Er unterscheidet, wählet und richtet,

Er kämm dem Augenblick Dauer verleihn! Goethe.

Mit scharfen Waffen ist neuerdings unter deutschen Histo­rikern ein Streit über die Frage ausgefochten worden: ioer als der Begründer des Reichs" zu bezeichnen sei, Kaiser Wilhelm oder sein Kanzler Bismarck?

Der regelmäßige Gebrauch jener Bezeichnung für den letzteren, während der Kaiser im Hinblick auf die erfochtenen großen Siege häufig.derHeldenkaiser" genannt wird, mag eine gewisse Richtig­stellung als an^ezeigt haben erscheinen lassen, obwohl ich glaube, daß die Berechtigung des Monarchen, in deren Namen und mit dessen Sanktion ja alles geschah,Gründer des Reichs" genannt zu werden, ,als selbstverständlich "vorausgesetzt wurde. Es wäre aber unrichtig, bei dieser Berichtigung so weit zu gehen, daß das Mißverständnis entstehen könnte, als fei Bismarck mehr nicht ge­wesen als der.Vollstrecker längst durchgearbeiteter Gedanken, Ent- würfe und Pläne seines Herrn und ein Werkzeug) dessen ein übergeordneter, schöpferischer Geist sich bediente. Kaiser Wilhelm in _ seiner Ansprnchslosigkeit und Ritterlichkeit wäre der erste ge­wesen, .der gegen eine solche Verkleinerung seines Ratgebers Ein­spruch erhoben hätte, und daß Bismarck zu einer solchen der eigenen Initiative und schaffenden Kraft wenig Raum bietenden Stellung sich bequemt hätte, ist bei seinem Charakter ausgeschlossen. Es ist vollkommen wahr imd vielen aus der Seele gesprochen, was bei der Enthüllung des Kaiserdenkmals in Hamburg am 20. Juni 1903 gesagt wurde, daß ,,niemand sich dem Zauber der Persön­lichkeit, der einfachen Bescheidenheit und der das Herz gewinnenden Liebenswürdigkeit des hohen Herrn entziehen konnte". Der Kaiser besaß aber auch große, nicht gewöhnliche Regenteneigenfchaften. Er hatte eine hohe Vorstellung von seinem Herrscherberufe, dem er sich mit äußerster Pflichttreue, .Gewissenhaftigkeit und Arbeit­samkeit widmete, er unterordnete sich keineswegs ohne weiteres den Ansichten und Vorschlägen- seiner Ratgeber, sondern mußte, bevor er sie genehmigte, von ihrer Richtigkeit und Zweckmäßigkeit überzeugt werden, er wußte nicht bloß hervorragende Männer als Berater um sich zu versammeln und Meinungsverschiedenheiten unter ihnen auszugleicheu, sondern er wahrte ihnen auch Treue und Dankbarkeit, gewährte ihnen auch in ungünstiger Zeit die Unterstützung, den festen Halt und die Autorität, welche sie zur Entfaltung einer gedeihlichen Wirksamkeit nötig hatten; in allen wichtigen Dingen hatte er die letzte Entscheidung, und seine Rat­geber konnte er nach Belieben wechseln. Somit war er in Wirk­lichkeit die oberste Spitze des Staates und .der Regierung und Zeigte auch das Selbstbewußtfein und die Würde des Herrschers. Schon die Tatsache, daß der Kaiser bis an sein Lebensende einen Minister ivie Bismarck ohne eine Regung von Eifersucht im Amte erhalten und.daß.letzterer über den Kaiser, so wie geschehen, sich ausgesprochen hat, indem er seinen starken und tapferen Geist, seinen klaren Verstand, sein Gerechtigkeitsgefühl, seine Furchtlosig­keit aus dem Wege der Pflicht und Ehre und seine königliche Vor­nehmheit rühmte, beweist .daß man einen Monarchen von unge­wöhnlicher Begabung und .hoher Bedeutung vor sich hat. Mit vollem Recht kann derselbe Begründer des Reichs genannt wer­den, wie ja auch sonst große Erfolge in erster Linie denjenigen zugeschrieben werden, welche an der Spitze standen, wenngleich sie auch von anderen Unterstützung durch Rat und Tat erhielten.

Die allgemeine Meinung und die Geschichtschreibung werden es sich nicht nehmen lassen, wenn auch dem Kaiser offiziell der Vortritt gebührt, auch Bismarck als Begründer des Reichs zu feiern, und diesen Ruhm ihm streitig.zu machen, ist ein vergeb­liches Bemühen. Tie richtige Antwort auf die oben gestellte Frage wird deshalb sein: Die Begründer des Reichs sind der große Kaiser und sein großer Kanzler. Statt, was ohnedem un- aussührbar ist, die .beiderseitigen Verdienste gegeneinander abzu­wägen und hier dem Kaiser, dort dem Kanzler den Vorzug zu geben, sollte man zufrieden und dankbar sein, daß in entscheidender Zeit dem deutschen Volke zwei Männer beschieden waren, die in glücklichem Zusammenwirken getragen von den unvergleichlichen Leistungen eines .wohlorganisierten, wohlgeführten, tapferen Heeres und von der aufflammenden Begeisterung der Nation im Verein mit den deutschen Fürsten, Deutschland auf die Höhe gehoben haben, auf der es nach vollzogener Einigung jetzt steht."

Redaktion: August.Goetz, Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.