1904.
Samstag derr 7. Mai.
(Nachdruck verboten.)
Am Fakak der Ilazah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
(Fortsetzung.)
Daber griff er in die Brusttasche seines Sammetrocks und zog eine längliche, reich ziselierte, silberne Kassette hervor, die er mit achtsamer Sorgfalt öffnete. Drinnen auf blauem Sammet lagen die Jasraperlen. Sie waren in der Tat ungewöhnlich groß, von tadelloser Form und wundervollem Glanze. Während ich sie noch bewundernd betrachtete, griff er rasch danach und schlang fte um mein Handgelenk.
„So, nun können Sie sagen, daß Sie die Jasraperlen getragen haben!" rief er jubelnd. „Und sie würden Ihnen gar wohl stehen! Ich wollte, ich könnte sie Ihnen schenken!"
„Ich danke", erwiderte ich mit einem Schauder, indem ich sie abstreifte; „mir würde davor grauen. Perlen bringen Unglück; man sagt, sie bedeuten Tränen.... vierzig Tränen!"
„Allerdings hat schon manche Frau Tränen darüber vergossen, weil sie die Perlen nicht in ihren Besitz bekommen konnte. Ueberall an den Höfen sind sie schon angeboten worden, aber der Preis war immer zu hoch."
„Gehöreu sie Ihnen?" fragte ich gleichgiltig.
„O nein, ich verkaufe sie nur im Auftrag, das ist mein Beruf. . . Die Rani Sundaram ist gar gerieben", fuhr er fort, „und so bin ich überzeugt, daß sie schließlich doch noch Mittel und Wege findet, den Kauf zu ermöglichen."
„Haben Sie Rosarios kürzlich gesehen?"
„Nein, wozu sollte ich jetzt noch zu ihnen gehen?" antwortete er mit Nachdruck.
Da es mein Bestreben tvar, den Verkehr mit Ibrahim auf dem Fuße einer oberflächlichen Bekanntschaft zu erhalten, so wagte ich diese Frage nicht weiter zu erörtern. Er aber fuhr fort:
„Ich wundere mich, daß Sie es im Palaste aushalten. Zu denken, daß Sie jetzt schon vier Monate hier sind!"
„Warum wundert Sie das?" Wir waren mittlerweile auf den zum Garten führenden Hof hinausgetreten, wo wir jetzt langsam auf und ab gingen.
„Weil", — er sah sich scheu um und senkte dann die Stimme zu leisem Flüstertöne — „weil hier nichts Ihr eigen ist, weder Ihre Zeit, noch Ihre persönlichen An- gelegenherten, iveder Ihre Seele, noch Ihr Leben. Sie smd wahrhaftig ein muttges Mädchen, daß Sie hier zu bleiben wageu." 0
„Warum sollte ich denn nicht bleiben?"
, „Schönheit ist eine verhängnisvolle Gabe. Sie würden em reizendes Katzenpfötchen abgeben. Die alte Rani bedient sich oft seltsamer Werkzeuge."
,'Jth habe keine Angst, daß sie sich meiner bedienen konnte", entgegnete ich, während er, das silberne Kästchen noch in der Hand haltend, langsam neben mir her über den Hof ging. „Niemand wagt es, mir ein Haar zu krümmen, denn ich stehe als britische Untertanin unter dem Schutze des Residenten."
„Gewiß, Sie sind britische Untertanin, allein wie mancher britische Untertan ist schon an Cholera oder an Fieber gestorben, oder spurlos verschwunden."
„Es ist aber jetzt keine Cholera in der Stadt!"
„Nein, aber Gifte gibt es. Wie leicht kann einem der Cholerakeim mit dem Essen beigebracht werden. Auch gefährliche Schnakenstiche gibt es, deren Urheber Menschen sind. Ich bin genau bewandert in der Giftmischerei der Eingeborenen und interessiere mich als Chemiker dafür; auch habe ich eingehend ihre Gegengifte studiert."
Ich bitte Sie, wer könnte wohl ein Jnterefse daran haben, mich zu vergiftend
„Das ist allerdings wahr, denn Sie stehen hier niemand im Wege. Wäre dies aber der Fall, so würde ich keine Rupie für die Sicherheit Ihres Lebens geben."
„Ach was, Mr. Ibrahim, Sie toölten mich mit Ihren Reden nur erschrecken!"
„Ich sage dies alles nur, um Sie zu warnen. Glauben Sie, ich kennte das Treiben der Eingeborenen nicht? 5iier mitten im Hofe, fern von lauschenden Ohren kann "ich es Ihnen ja sagen: die Rani Sundaram ist schlau und listig, dabei grausam und unbarmherzig. Kein Mittel ist ihr zu schlecht, wenn es gilt, ihre Zwecke zu erreichen; ein Menschenleben gilt ihr nicht mehr, als Ihnen eine Stecknadel. Sie war es, die den Glanz des Hofes wieder gehoben. . ."
„Und dadurch das Land in Schulden gestürzt hat", vollendete ich.
„Wo Holz gehauen ivird, da fallen Späne."
„Und ivas soll aus dem armen Volke werden?"
„Ich das Volk ist arm, entsetzlich arm. Mancher schon", er hielt inne, und seine Augen funkelten, „ist am Hnngertode gestorben. Dieser alte Palast könnte gar seltsame Dinge berichten aus den Zetten, ehe ihr Engländer euren Fuß auf diesen Boden gesetzt habt. So wird erzählt, ein mächtiger Radschah von Chingleput sei einmal aufgefordert worden, die Schatzkammer zu besichtigen. Kaum habe er jedoch die Schwelle überschritten, so sei die Türe hinter ihm verschlossen und er im Dunkeln dem Hungertode preisgegeben worden. Das ist fteilich lange her, und auch jene Zeiten, ivo man in bent kleinen verödeten Tempel dort oben auf dem Hügel über der Stadt Hunderte von Gefangenen den Göttern Yama und Kali als Opfer dargebracht hat, sind längst vorüber, doch treiben Hexenmeister, Schwarzkünstler und Zauberer noch immer ihr Wesen im Lande."
„Sie machen ja eine schreckliche Beschreibung, Mr.


