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1904. — M. 99.
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(Nachdruck verboten.)
Die Jerichopolaune.
Nus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.
Von E. v. Trojanowsky.
(Fortsetzung.)
„Ich fürchte nur", fuhr er fort, „daß ich auch in Meinem jetzigen Dienst ebensowenig vorwärts kommen werde, wie früher beim Militär, und zwar aus demselben Grunde. Meine gar zu offenherzige, gar zu schnelle Zunge geht auch jetzt noch zu leicht mit mir durch. Ich verstehe es nicht, den einen oder anderen Beamten oder gar Vorgesetzten unter Umständen auch mal als über dem Gesetz stehend anzusehen. Ich weiß ganz genau, daß ich auch hier, in der kleinen Kreisstadt, offene und noch mehr heimliche Feinde habe, in der Landschaft, in der Polizei, in diversen anderen Verwaltungs- und Beamtensphären, ja selbst in der Geistlichkeit. Und warum? Weil ich eben meine Augen und Ohren nie verschließe, weil ich über alles, was ich höre und sehe, auch ein Urteil fälle, und meist ein recht rücksichtsloses, und weil ich mich, nach der Meinung vieler, dabei in manche Dinge mische, die mich gar nichts angehen. Daß meine kleinen Schwächen und Fehler und meine ganze Eigenart von Leuten, mit denen ich irgend einmal in Kollision geraten, in übertriebener Meise geschildert werden, und in der denkbar ungünstigsten Beleuchtung auch zur Kenntnis meiner Obrigkeit gelangen, darüber habe ich Beweise genug!"
Er stand nuf, wie es schien, doch etwas erregt, und sing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Der Arzt war schweigend ans Fenster getreten und zog seine Uhr zu Rate.
Draußen auf dem Vorplatz der Station war es wieder etwas lebendiger geworden. Die zwischen beiden Kreisstädten verkehrenden Postkutschen waren angelangt, und zwar fast gleichzeitig, da die Station so ziemlich in der Mitte des Weges lag. Hier leisteten sich die Reisenden meist eine kleine Mittagsrast, ehe sie sich mit frischem Vorspann wieder auf den Weg machten. Der Arzt, der sich einnral bei gar zu argem Regenwetter auch diesem Gefährt mrvertraut hatte, kannte aus! eigener trauriger Erfahrung den Zotteltrab des Viergespanns, das den schweren Kutschkasten höchst respektablen Alters nur langsam vorwärts brachte, und das um so langsamer, je Läufiger die armen Tiere, auf den zahlreichen frischen Sternschütt- ungcn der in saft unaufhörlicher Reparatur befindlichen Chaussee, aus rhrem Trab in lässigen Schritt übergingen.
Dem Innern der beiden Postkutschen entstiegen zuerst Vertreterinnen des zarten Geschlechts, einige der jüngeren in Hellen Kleidern und braunen Stiefeletten, mit kleinen Maiglöckchensträußchen in der Hand oder an der Schulter. Besondere Sensation erregte, sogar bet den draußen herum
stehenden Bauern, eine etwas reifere Schönheit: zu einem' grasgrünen Kleide trug sie einen knallroten Sonnenschirm. Auch unter den männlichen Passagieren konnte man emige Provinzstutzer bemerken: nach Hause reisende Schüler älterer Klassen mit schüchtern sprießendem Schnurrbärtchen, und „junge Leute" aus verschiedenen Magazinen und Kontoren in auffallenden Krawatten. Alle diese jungen Herren hatten sich irgend ein Feldblümchen links oben ins Knopfloch gesteckt, und balanzierten auf ihren Köpfen die Mütze oder den Hut mit ganz besonderem Frühlingsschwunge.
Im Flur der Station murrten einige der Postkutschenpassagiere in ziemlich lauter Weise über die Beschlagnahme des besten und größten PUsagierzimmers durch den Untersuchungsrichter, und nahmen sich vor, darüber gehörigen Orts klagbar zu werden. Heute mußten sie sich schon mit dein Hintern kleinen Passagierzimmer behelfen. Zum Glück war der General schon weiter gereist.
Da rasselte auch schon der offene Postwagen, den der Arzt sich zur Hermsahrt bestellt hatte, vor die Freitreppe der Station. Vorn auf dem Kutschersitz hockte ein hübscher Bursche ini roten Hemde, auf dem Kopf ein schwarzes, mit zwei Pfauenfedern geschmücktes Barett. Sich vom Untersuchungsrichter verabschiedend, empfahl der Arzt ihm, seine Kehle heute ausnahmsweise etwas zu schonen, in Rücksicht auf das im Nebenzimmer und im Flur verkehrende Reisepublikum, und namentlich in Rücksicht darauf, daß beim Zeugenverhör öfters Dinge zur Sprache kämen, die für Damenohren, wenigstens bei gleichzeitiger Anwesenheit männlicher Passagiere, doch etwas ungeeignet wären.
Der Untersuchungsrichter reagierte auf diesen guten Rat in bester Laune: „Wissen Sie, Doktor, mir schwant es, daß wir beide heute zum letztenmale in diesem Zimmer gearbeitet haben. Wahrscheinlich schmeißt man mich bald in aller Höflichkeit von hier hinaus, wenn ich es mir wieder einfallen lassen sollte, mich hier zu installieren mit meinen zahlreichen Klienten, mit meinen Ssotzkis und meiner Aeolsharfenstimme! Glückliche Reise, Doktor!"
Der Arzt hatte die Chaussee von hier bis zur Kreisstadt schon viele Mal passiert, zu jeder Jahreszeit, auch im Frühling. Und doch empfindet er heute wieder in voller Frische den eigenartigen Zauber, den der Frühling auch über triefe, an sich eigentlich ziemlich reizlose und monotone Landschaft auszugießen vermag, und der jetzt am Wend, unter Beleuchtung durch die sinkende Sonne, noch intensiver wirkt als am Morgen. Das Zweigespann nähert sich einem dichten Gebüsch-, das den weiter zurückgetretenen Wald von der Chaussee trennt. Er erinnert sich, an dieser Stelle auch in früheren Jahren öfters Nachtigallenschlag gehört zu haben. „Fort mit den Postglocken! Fahre Schritt!" ruft er dem Kutscher zu. Und rrchtia! Aus dem vom zarten Licht des eben ausgegangenen Mvndes umwobenen Gebüsch locken und schmeicheln, schluchzen und' jauchzen auch heute wieder die ewigen Liebesnoten der


