Ausgabe 
3.11.1904
 
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AW sie jedoch später zum Herrn hineingiug, lag auf dessen Gesicht eine solche Wolke von Verstimmung, ein so unnahbarer Ernst, daß die doch ziemlichkouragierte" Person keinen Laut wagte, dafür in den Biergarten nahe der Hu- saren-Kaserne lief, wo sich die Herren Unteroffiziere, Wacht­meister, Feldwebel und Sergeanten mit ihren Leuten, je­weilig auch ihren Damen, zu Vergnügen pflegten. Der Betreffende war denn hier auch zur Stelle. Sophiens Zunge bewegte sich in der bekannten Geläufigkeit, wurde aber endlich zUm Schweigen gebracht, indem der Wacht­meister Stübbecke, der auch nicht auf den Kopf gefallen war, Fräulein Sophie all die Zöpfe, die er erbeuten sollte, in Aussicht stelltezum beliebige:: Gebrauch", woraus ein verständnisvolles Gelächter ausbrach. Tics störte aber die. Einigkeit der beiden nicht.Na, zum letzteu Abeud mache ich Ihnen ein Schnitzel, ein Holsteiner, mit 'nem Ei", erklärte Sophie beim Scheiden. Und der Wachtmeister war es zu­frieden.

20. Kapitel.

Alle Vorbereitungen waren beendet. Am audernMorgen sollte es fortgehen. Es war sein einziges Ziel, seine Er­lösung, seine Rettung. . . . Harro hatte sich zuletzt auch eine frische Kriegerlust gestattet. Doch, ohne daß er es Merkte, war die gehobene StiMmuug bald wieder gesunken. Die Gedanken wanderten, ob er auch nicht wollte, immer aufs neue zu seiner Frau. Ob er es auch nicht wollte sich dagegen sträubte: es bedrückte, es quälte ihn doch! Er wurde wütend auf sich auf sie. Wenn er nur einen Menschen gehabt hätte, um sich einmal auszusprechen, sich selbst zu entfliehen. Die Kameraden ach, er war fertig Mit all den Menschen hier der Boden brannte ihm unter den Füßen. Er hatte auch für das Liebesmahl gedankt, mit dem sie seinen Auszug feiern wollten. Die Feier paßte diesmal nicht! Aber er konnte, fühlte er, er konnte nicht länger, heute uibend nicht länger allein sein. Und Hilde­gard, an die er niemals mehr gedacht, tauchte plötzlich in seinem Erinnern auf. Tas Mädchen war diskret, besann er sich jetzt gern, verständig und gut.

Es war gegen Abeud, als Harro von Urau denn auch wirklich bei Fräulein Liudstedt eintrat. Hildegard war schmäler geworden, was sie größer erscheinen ließ. Ange­spannte Willenskraft und Arbeit hatten ihre nicht schönen, doch gut geschnittenen Züge durchgeistigt. Das der Einfach­heit zuliebe kurzgeschnittene Haar stand besser zu ihrem Gesicht, als die für gewöhnlich etwas unglücklich vollendete moderne Frisur. Ter schlichte, fug freie, schwarze Rock, eine schlichte, kurze, schwarze Jacke, ein schlichter, glatter, weißer Leinenkragen, darunter ein dunkler Sylips, machten einen besseren Eindruck trotz dem etwas männlichen Anstrich der Toilette, als die sonst für gewöhnlich schlecht sitzenden Kleider. Harro bemerkte diese vorteilhafte Veränderung gar nicht. Er sah nur den gütig lächelnden Mund, den treuen Ernst in den Augen, wie es Hildegard immer zu eigen gewesen, danach er sich gesehnt, inpem er zu ihr ging. Hildegards Wohnung war chehr als einfach für den im Luxus lebenden Offizier. Ein recht verschossener Wand­schirm stand nahe der einen Seite des Zimmers; dahinter mochte wohl das Bett seinen Platz gefunden haben. Ein Sofa mit billigstem Wolldamast überzogen, davor ein runder Tisch mit bunter, minderwertiger Teck, nahmen die gegen­überliegende Seite des Raumes ein. Das einzige Fenster schiess Hildegards Arbeitsstätte zu ergeben. Ein viereckiger Tisch, . ganz mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt, war dicht an die Scheiben gerückt, daneben befand sich ein einfacher Rohrstuyl. Grüne. Pflanzen gewöhnlichster Art, wohl nur gepflegt, um das ermüdete Auge dann und wann zu erquicken, standen ringsum und bildeten so ziemlich den einzigen Schmuck des Studentinnenstübchens. Aber auch diese Einrichtung störte den verwöhnten Offizier heute nicht. Er sank in den einfachen Stuhl in dem einfachen Raume und fühlte sich erleichtert. Hildegard dachte wohl, daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse; fragte aber nicht. Damit , er jedoch empfinden möchte, daß hier eine Seele nahe sei, falls er reden wollte, trat sie leise zu dem erregten Manne.

Und zuletzt, wie von dieser stillen Nähe beruhigt und ermutigt zugleich, begann Harro damit, daß er nach Chinai ging. Hildegard erschrak, meinte aber dann, wenn sie Soldat wäre, so würde sie auch gehen, freilich, er sei verheiratet, und schließlich, was denn Jutta zu den: Entschlüsse gesagt habe. Und nun kam es heraus, nicht in glatten Worten,

sondern mit Manchem abgebrochenen, einer Ergänzung ve- dürftigenr Satze oder Laut, wie es immer unbehaglicher in seinem Hause sei, wie sie, er und Jutta, nur noch recht unglücklich gelebt hätten, daß Jutta zu Mama gegangen sei.

Wieder empfand es Harro als eine Wohltat, daß er bei all dieser Beichte Hildegard nicht in das Gesicht zu sehen brauchte, noch, daß sie ihn weder mit einem Urteil, noch einer Indiskretion unterbrach. Hatte sie doch, während er damit begann, gerade um ihm eine zwanglose Aus­sprache leichter zu machen, ein paar Tassen auf dem Tisch geordnet, und etwas Brot, Butter und kaltes Fleisch herbei­geschafft. Tann, indem sie die kleine Lampe der Maschine unter dem Wasserkesselcheu entzündete, bat sie freundlich: Wenn Tu heute nichts anderes vor hast, dann trinke eine Tasse Tee mit mir." Und der Offizier brach ab in seinen verzweifelnden Gedanken, ließ sich nieder an dem einfach gedeckten Tisch in dem einfachen Raume und empfand nur das wohltuende Walten einer geschickten Frauenhand, die wohltuende Nähe einer feinfühligen, verständnisvollen Frauenseele.Hildegard, wie ist es doch so himmlisch *ge? mütlich bei Dir", meinte er. Ein Lächeln huschte über Hildegards Gesicht. Sie unterdrückte einen Seufzer und lächelte aufs neue:Du bist müde und erschöpft, lieber Harro. Komm erst mal zu Dir. Trinke wenigstens einen Schluck Tee." Damit stellte sie alles Nötige vor ihn hin. Er tat, wie sie geheißen. Es schien, als käme mit den er­frischten Kräften auch die Erinnerung stärker wieder.Wenn Tu wüßtest, was alles hinter mir liegt", stöhnte er.

Hildegard war im innersten erschüttert; doch gewohnt, ihre Empfindungen zu beherrschen, ließ sie sich das nicht merken, machte auch keine indiskrete Bemerkung, sondern blickte ihn nur besorgt, in Teilnahme fragend an.Es war auch zu gräßlich bei uns, es ist mit Jutta nicht auszu­kommen", führ er nun, durch die wohltuend empfundene Sympathie berührt, unter dem Drange, sich endlich einmal auszusprechen, fort. Ein Zittern ging über Hildegards Herz, die Tränen strebten nach ihren Augen. Sie zwang fte nieder. Wohl hatte sie sich mannigfach verändert in der Zeit, doch das alte Gefühl für Gerechtigkeit war, ob es auch mannigfache Klärung empfangen, gleich lebendig in ihr geblieben.Solltest Du denn dabei so ganz ohne jede Schuld sein?" fi'ügte sie nun, doch sanft, ohne jeden Vorwurf, sorglich mild, wie eine weiche Hand, welche die Wunde unter­suchen muß, die sie heilen will. Erstaunt, betroffen sah Harro das Mädchen an. Ihr Ton, ihre Frage, so schien es, hatten ihn im Interesse erfaßt, sie zeigten ihm eine neue Seite der Tinge, an die er nie gedacht. Und plötzlich schlug er die Hände vor das Gesicht.

Wieder war Hildegard im innersten erschüttert. Vor allem aber mußte er Zeit haben, um zur Ruhe, zur Be- ftnming zu kommen. Und um ihm diese Zeit zu gönnen, machte sie ein Brötchen zurecht und legte es auf seinen Teller:Komm erst zu ®lir"v bat sie dabei leise. Die sanfte Rühe, die forgliche Teilnahme wirkten beruhigend auf Harro ein.Gewiß", begann er nach einer Weile, gewiß, auch ich habe Jutta gereizt, gekränkt gekränkt. Erlaß mir das Wie, Garda. Nimm es für geschehen; denke gleich das Schlimmste. Und doch77 brach er mit wieder gesteigerter Erregung zweifelnd aus :Und doch haben wir uns aus Liebe geheiratet. Ach, die schöne Liebe ist auch nur ein Wahn.77

Regungslos, vor Schrecken starr, hatte Hildegard diesen Bericht, diesen Ausbruch vernommen. Es dauerte ziemlich lauge, ehe sie sich fand.Tie Liebe ist ein Geheimnis77, sagte sie dann leise.Sie wächst und wird mit dem Men­schen ; der Mensch wird mnb wächst mit ihr. Wem sie ihr Glück schenken soll, der muß sich ihr ganz ergeben, sich selbst überwinden, sich vollenden mit ihrer Vollendung. Darum, wie der Mensch ist, so wird auch stets seine Liebe sein." Wber- mals schaute Harro betroffen drein, dann ward es eine Weile still zwischen ihnen, still, wie die Natur unter der heißen Sommersonne liegt, «wenn sie ihre Reifearbeit vollbringt Jutta, arme Jutta", seufzte Harro endlich.Warum! hatte sie auch so gar nichts von Dir, Hildegard!" meinte er dann. Ein unbeschreiblich Wester Ausdruck flog über Hilde­gards Züge:Ich will Juttas Freundin werden77, entgegnete sie darauf.Tu' das77, bat er daun warm.Es wird mir lieb, es wird ihr gut sein, einen Schutz, einen Halt an Dir zu finden. Denn, mit uns ist es aus, für immer!" Stolz reckte er sich dabei in die Höhe und blickte finster drein.