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kursionen den Fluß entlang, bis in die nächsten Dörfer, wo sie bald bei alt und jung bekannt war.
Auch heute duldete ihr quecksilbernes Temperament sie nicht lange am selben Fleck und nachdem sie ihren Fang in Sicherheit gebracht, wanderte sie singend und jodelnd und so recht von Herzen ihre unbeaufsichtigte Freiheit genießend, flußaufwärts.
Dabei lugte sie scharf nach rechts und links, ob sich nicht irgend etwas entdecken ließe, was ihre Tatkraft zu kühnem Eingriff anspornen könnte.
Ihre Phantasie gaukelte ihr die verwegensten Bilder vor. Sie sah brennende Häuser vor sich, in welche sie mit eigener Lebensgefahr stürzte, um den armen Leuten, die weit weg auf den Feldern arbeiteten, ihr bißchen Hab und Gut zu retten. Dann wieder sprang sie in die reißenden, wildschäumenden Fluten und brachte ein mit dem Tode ringendes Kind ans zerklüftete Gestade, wo sie es, jeden Dank freundlich ablehnend, in die Arme der verzweifelten Mutter legte.
Wölfe, die iu ihrer Einbildung rudelweise die weidenden Schafherden heißhungrig umschlichen, verscheuchte sie einzig und allein mit ihrem drohenden Blick und so verbreitete sie überall, wo sie sich nur zeigte. Glück und Segen und wurde zum Dank von allen wie etne Heilige verehrt.
Sie träumte diese Heldentaten mit solch einer aufregenden Wirklichkeitsvorstellnng, daß sie förmlich zitterte. Ihre Wangen glühten, ihre Spitzbubenaugen strahlten vor Lust und Freude und das Haar, welches sie sich, um einer richtigen Walküre zu gleichen, aufgeknotet hatte, flog zerzaust und verwildert um den Kopf herum.
Jetzt ließ sie sich müde ins Gras fallen und sah, als sie sich von dem tollen Lauf erholt hatte, ernüchtert um sich.
„Ach Gott", seufzte sie, „die Geschichte ist eigentlich schrecklich fade. Wenn doch einmal wirklich ein Kind ins Wasser fiele oder —" sie hielt erschrocken inne, bekreuzigte sich, wie sie es von den Bauernwerbern gesehen hatte, und bat ganz inbrünstig: „o Du himmlischer Vater, verzeih' Mir den sündigen Gedanken, ich habe Mir nichts Böses dabei gedacht. Ich will von nun au auch gewiß recht ernsthaft werden und. . ." da sah sie einen Hasen ausspringenstreifte eins, zwei den einen Schuhe vom Fuße und diesen als Wurfgeschoß benutzend, holperte sie dem Ausreißer mit wahrem Jndianergeyeul nach.
Aber auch dieses Vergnügen fand bald sein Ende, da Meister Lampe absolut keinen Sinn für Humor besaß und schleunigst verschwand.
„Fergling, Hasenfuß!" schrie sie ihm lachend nach und kauerte sich dann an einer anderen Stelle des Ufers nieder.
Plötzlich schlug ein eigentümlich glucksender Laut aus dem Schilf an ihr Ohr,
Neugierig horchte sie auf und sofort sah sie sich in Gedanken von gefräßigen Kaimans, Alligatoren, Flußpferden und sonstigen beutegierigen Ungeheuern überfallen. Eine Zeitlang wartete sie gespannt, als aber absolut nichts Außergewöhnliches eintrat, ging sie dem gleichmäßigen Geräusch nach. Da, als sie das Schilf auseinanderbog, entschlüpfte ihr ein Freudenschrei. Angebunden an einem Pflock schaukelte hier em Kübst!
Das war dM sichtbare Zeichen einer höheren Machs! Also nicht auf dem Lande, aus dem Wasser lag ihr Reich !
Ohne viel zu überlegen, wollte sie in den Kahn springen, als sie noch rechtzeitig bemerkte, daß derselbe Wasser gefaßt hatte, allerdings nicht viel, aber immerhin bis zu den Knöcheln. J5ie selbst hätte eine solche Lappalie natürlich nicht gestört^ doch blieb zu bedenken, daß die nassen Schuhe und Strümpfe an ihr zum Verräter werden konnten. Dem mußte vorgebeugt werden.
Sie eilte also schnell wieder das Ufer hinaus, entledigte sich auch des zweiten Schuhes, streifte die Strümpfe von den Füßen, verscharrte alles unter einem Sandhügel Und kennzeichnete diesen vorsichtigerweise durch eine eingesteckte Weidenrute. Dann stieg sie entschlossen in den Nachen und griff nach dem Ruder.
Noch ein kurzer Moment des Schwankens, da sie ja noch nie ein Ruder in der Hand gehabt hatte, dann aber sagte sie sich, daß das Kunststück nicht so schwer sein könne, und stieß mutig ab.
_ , Die Geschichte ging auch die erste Zeit ganz schön von statten. Der Kuhn glitt durch die Strömung sanft flußah Md wenn er einmal aus dem seichten Grunde hakte, dann
gebrauchte sie das Ruder als Stange, stemmte es in den Grund und brachte ihn so weiter.
Es war eine himmlische Fahrt und ihr Selbstbewußtsein hob sich dabei ins Unermeßliche. Nur eines machte ihr dabei ein klein wenig Sorge; daß sie immer mehr vom Ufer abtrieb.
„Ach tvas", redete sie sich indes selbst Mut zu, „danst schiebe ich eben nach links und komme wieder zurück."
Plötzlich gab es aber einen Ruck und der Kahn saß auf einer Sandbank - fest.
Erst lachte sie darüber, als sie ihn jedoch trotz allen Stemmens und Schiebens nicht loszubringen vermochte, wurde ihr doch immer bänglicher zu Mute. Sie spannte nun ihre ganzen Kräfte an — der Kahn rührte sich aber nicht von der Stelle.
Hilfesuchend glitt ihr Blick über die Ufer hin, ohne indes eine menschliche Seele zu entdecken und nun geschah, was sie nie und njmmer für möglich gehalten hätte, sie fing herzbrechend zu weinen an.
Nicht aus Furcht oder weil sie für ihr Leben zitterte —> Gott bewahre! — sondern nur wegen der armen Mama, der sie durch ihren Tod so schrecklichen Schmerz bereiten würde.
Noch einmal raffte sie sich zur äußersten Anstrengung auf — jedoch mit demselben vergeblichen Bemühen. Dann kauerte sie ergeben aus dem Querbrett nieder und nahm von ihrer Jugend erschütternden Abschied.
Alle ihre Sünden fielen ihr nun brennend auf die Seele und jetzt, im Angesicht des Todes, sah sie erst ein, welch undankbares, welch schlechtes Kind sie war. Erst heute hatte sie wieder der armen Mama, die doch ohnehin immer ihre Schlüssel verlegte, dieselben absichtlich an den dafür gehörigen Schlüsselhaken gehängt, wo sie gewiß niemand vermuten würde!
„O Gott, o Gott, ich war ein elendes Geschöpf", stöhnte sie, „mich trifft nur eine gerechte Strafe!"
In ihrer Angst fühlte sie das Wasser im Kahn immer höher und höher steigen und getraute sich gar nicht, die Augen -aufzuschlagen. Schließlich tat sie es aber doch und sah zu ihrem freudigen Erstaunen, daß sie sich getäuscht hatte. Diese Freude schwand aber ebenso schnell als sie gekommen, denn ein viel entsetzlicherer Gedanke erfaßte sie mit tiefem Schauder.
„Wenn ich nicht ertrinke", sagte sie sich, „dann muß ich hier elendiglich verhungern und sie werden mich meiner armen Mama als Skelett ins Haus bringen!"
Erschauernd drückte sie die Hände vors Gesicht und! blieb nun völlig apathisch sitzen. Mochte nun was -immer geschehen, sie wollte wenigstens als echte Heldin ohne Klage sterben. Sie fühlte deulich, wie sie schon schwächer und schwächer wurde und ermattet von der ausgestandenen Angst und von der ungewohnten Anstrengung schlief sie, trotz aller Todesfurcht ein.
Eben, als sie über die Regenbogenbrücke in Walhalla einzog, tauchten aus dem jenseitigen Ufer die beiden gräflichen Zwillinge auf.
„Sieh mal dorthin", machte Dinko, der Aeltere, seinen Bruder aufmerksam, „das kann doch nur Fräulein von Höchstfeld sein."
Mirko, der stets der gleichen Meinung war und die Autorität seines „älteren" Bruders respektierte, nickte nur.
Sie schauten lange Zeit hin, endlich meinte Dinko;
„Sie rührt sich ja gar nicht, ich wette, daß sie einge- schlasen ist wollen sie auf angenehme Weise wecken."
„Za, das wollen wir tun", stimmte ihm Mirko bereit» willigst zu — „aber wie?"
Dinko antwortete gar nicht, sondern bückte sich nach einem Steich und Mirko folgte unaufgefordert seinem Beispiel, dann sauste es durch die Luft und — „klatsch, klatsch"- spritzte das Wasser neben Erna aus.
Mit entsetztem Schrei sprang diese in die Höhe und wäre auf ein Haar aus deut Kahn gefallen. Ehe sie noch recht zum Bewußtsein gelangte, hörte sie auch schon rufen r „Gestatte, mich vorzustellen, mein Name ist Dinko Graf Stepanez" — und gleich darauf eine zweite Stimme:
„Meiner, Mirko Graf Stepanez,"
Sie wußte, was sich gehörte, und obgleich sie mit dem Leben schon abgeschlossen, knickste sie doch artig und rief zurück:
,-Zch bin Erna von Höchstfeld."
(Fortsetzung folgt.)


