Nr. 129.
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n
(Fortsetzung.)
/ Der Franzose schritt langsam zur Tür. Allein dort taumelte er und sah sich nach feinem Stuhl um. Dann ließ er sich 'mit einem leisen Schmerzenslaut schwerfällig nieder und griff nach seinem Taschentuch. Der parfümierte Battist strömte einen schwachen, feinen Beilchenduft aus. Chaux- ville saß vorgebeugt, mit den Händen auf den Knieen da und schwankte ein wenig von rechts nach lieks. Plötzlich hielt er das Taschentuch vors Gesicht und brach in Schluchzen aus.
So warteten die beiden Männer, bis der Baron sich hinreichend erholt hatte, um sich zu entfernen. Die Luft war von nackten menschlichen Leidenschaften erfüllt.
Endlich stand der Baron langsam auf und betastete mit der ihm charakteristischen Sorge um den äußeren Schein seinen zerrissenen Rock.
„Haben Sie einen Mantel?" fragte Steinmetz.
„Nein."
Der Intendant ging zu einem Wandschrank und nahm einen langen Reitmantel heraus, den er dem Baron wortlos hinreichte.
So verließ Claude von Chauxville das Zimmer in einem Mantel, der bei vielen Versammlungen der Armenliga figuriert hatte.
Steinmetz folgte dem'Baron durch den langen Korri- ridor, den sie auch kurz vorher durchschritten hatten, und begleitete ihn die breite Treppe hinab. Bor dem Tore wartete der Bediente mit dem Pferd, das der Fürst dem ungebetenen Gaste zur Verfügung gestellt hatte.
Ter Baron stieg langsam, schwerfällig, mit zuckenden Lippen auf; sein Gesicht war jetzt kalt und starr. Der Schmerz wurde erträglicher, die verletzte Eitelkeit blutete nach innen, und in seinen trüben Augen blitzten Haß und Bosheit. Es war das Gesicht eines Mannes, der sich innerlich auf eine heiße, sichere Rache freut.
„Es ist gut", murmelte er zwischen den zusammengepreßten Zähnen, während Steinmetz ihm von der Schwelle aus nachsah. „Es ist gut, — jetzt werde ich euch nicht schonen."
Er ritt den Hügel hinab und dann durch das Dorf, während das Licht der untergehenden Sonne ein Gesicht beschien, auf dem Schmerz und tätliche Wut um die Herr- schaft stritten.
36. Kapitel.
Die volle Wahrheit.
Karl Steinmetz, ging langsam in sein Zimmer hinauf.
„Ich bin für solche Sachen zu alt", murmelte er vor sich hin. Sein Blick fiel auf die schwere Reitpeitsche, die er xu Boden geworfen hatte, als er Claude von Chaux
ville nach jener schrecklichen Strafe losließ. Er hob die Peitsche vom Boden aus und legte sie sorgfältig aus das Gestell über dem Sims.
Dann stellte er sich ans Fenster und sah ein paar Minuten hinaus.
„Es muß geschehen", sagte er entschlossen vor sich hin und zog an der Klingel.
„Eine Empfehlung an den Fürsten; ich lasse ihn hierher bitten", sagte er zu dem Diener, der sofort erschien.
Als Paul ein paar Minuten später ins Zimmer trat, stand Steinmetz beim Feuer. Er wandte sich um und sah den Fürsten mit ernsten Augen an.
„Ich habe Chauxville soeben aus Hern Hause gejagt", sagte er.
Ans Pauls Gesicht wich plötzlich alle Farbe.
„Warum?" fragte er mit hartem Blick. Er begann gegen Etta mißtrauisch zu werden, und nichts ist so schwer auszuhalten, als das Wachstum des Argwohns.
Steinmetz antwortete nicht gleich.
„War das nicht eher mein Recht?" fragte Paul mit finsterem Lächeln. Manchmal ist ein Lächeln schrecklicher, als ein Sfirnrunzeln.
„Ich glaube nicht", antwortete Steinmetz. „So schlimm ist cs nicht, — aber es ist schlimm genug, mein Lieber, schlimm genug. Ich peitschte ihn erst auf eigene Rechnung durch, — das war bei Gott ein Vergnügen! — und dann jagte ich ihn auf Ihre Rechnung davon."
„Warum?" wiederholte Paul mit bleichem Gesicht.
„Es ist eine lange Geschichte", antwortete Steinmetz^ ohne ihn .anzusehen. „Er weiß zuviel."
„Ueber wen?"
„Ueber uns alle."
Paul trat ans Fenster und schaute hinaus, indem et die Hände in die Taschen seiner Joppe steckte.
„Erzählen Sie mir die Geschichte; Sie brauchen sich nicht zu übereilen. Sie brauchen sich auch keine Mühe zu geben, mich zu schonen, aber sagen Sie alles — ein; für allemal."
Steinmetz zuckte zusammen; er kannte den Ausdruck des Gesichtes, das da zum Fenster hinausschaute.
„Der Mann haßt mich seit langer Zeit", sagte er. „Es sing an, wie dergleichen gewöhnlich unter Männern anfängt, — wegen einer Frau. Ich besiegte ihn, und der liebe Gott besiegte mich Sie starb, und Chauxville vergaß sie. Ich — habe sie nicht vergessen, — aber ich habe miet), bemüht, es zu tun. Es geht langsam, und ich habe wenig Fortschritte darin gemacht; aber das alles ist meine Sache und kommt hier nicht in Betracht. Ich erwähne es bloß, um Ihnen zu zeigen, daß der Baron einen Groll gegen mich, hat."
„Jetzt ist nicht die Zeit für übelangebrachte Barmherzigkeit", siel Paul ein. „Geben Sie sich keine Mühe, die Betreffende zu schützen; ich will alles hören."


