Ausgabe 
28.3.1903
 
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Accent!" fligte Clifford hinzu.Und diese hoch heraus­stehenden Backenknochen und diese schreckliche Stumpfnase! Cs ist ein Typus, den ich verabscheue."

3ch würde es nicht von Jordan gedacht haben", murrte Otto mit von Unwillen gedämpftem Mitleid

''.Wo °ber ist der Liederjahn selbst?" fragte Clifford, plötzlich stehen bleibend.Denkst Du, daß wir doch auf der falschen Fährte sind?"

Wenn es sich um jemand anders handelte als um Jordan, so wurde ich ja sagen", meinte Otto bedachtsam. Seme Empfänglichkeit ist aber so kolossal, daß ich keinen .Grund sehe, selbst noch hieran zu zweifeln."

Gleichwohl folgte er Clifford, als dieser zu der kleinen Brücke zuruckkehrte.

. "Da ist eine Hütte", sagte der humanere King,eine kleine Hütte, dort an der Straße. Laß uns versuchen, ob sich dort m der Nähe ein Frauenvock blicken läßt. Wir dursten den armen Kerl bei alledem unrecht tun."

. Bevor sie aber noch die Hütte erreichten, wurde die .Aufmerksamkeit der beiden jungen Leute von dem Klang einer Mädchenstimme zur Linken auf sich gezogen, gerade dicht vor der Brücke. Es war eine so helle, so süße Stimme, mit solch emem perlenden Lachen in ihren Tönen, daß beide plötzlich stillstanden und mit vorwurfsvollen Gesichtern einander ansahen.

Das ist Nell!" sagte Otto.

haben ihm grausam unrecht getan", murmelte Clifford.

(Fortsetzung folgt.)

Lebensreform und Gartenstädte.

Auf allen Wegen drängt es nach Reform. Es giebt kaum ein wichtiges Feld des Wissens und der Lebens­betätigung, wo nicht Forderungen nach völliger Neugestalt­ung oder Umkehr der bisherigen Methoden und Anschau­ungen aufgetaucht wären. Man denke nur an die Reform­bestrebungen in der Heilkunde, im Erziehungswesen, in der Rechtsübung, in der Ernährung und Kleidung, an die Bodenbesitzreform und unzählige andere soziale, politische und religiöse Reformforderungen. Mle diese Reform­gedanken gehen meist abgesondert ihren Weg, ohne das Bedürfnis, mit einander in Fühlung und Einklang zu treten. Es erscheint fraglich, ob auf solchem Wege jemals eine einheitliche Neugestaltung unserer gesellschaftlichen Zustände erreicht werden kann. Jedenfalls besteht die Gefahr einer starken Zersplitterung der geistigen Inter­essen.

Eine harmonische Zusammenfassung aller vernünfti­gen Resormbestrebungen auf einer einheitlichen und eigen­artigen Grundlage bezwecken zwei kleine Schriften, die uns vorliegen. Die eine betitelt sichDie neue Ge­meinde", die andereDie Stadt der Zukunft" Verfasser ist der Leipziger Ingenieur Th. FritschDie neue Gemeinde" ist bereits in zweiter Auflage erschienen und legt m allgemeinen Zügen die Grundgedanken dar, dre zu der Bildung einerGemeinde für allgemeine Lebensreform" führen sollen. Der Verfasser geht von der Meinung aus, daß alle vereinzelten Reformgedanken scheitert: müssen, solange ihre Verwirklichung innerhalb der jetzigen zerfahrenen Gesellschaft versucht werde. Er befürchtet, daß die Macht der Gewohnheit und das Bei­spiel der umgebenden Masse die Einzelreformer immer wieder in die Bahn der Allgemeinheit zurückzerren wird. Er befürchtet ferner, daß große soziale und politische Re­formen am Staatsganzen schwierige und gewagte Auf­gaben sind, weil rasche, tief eingreifende Aenderungen cm er millionenköpfigen Masse unvermeidlicher Weise vrel Wrd erstand finden, viele Interessen verletzen und Verwirrung schaffen müßten.

Die Tatsachen scheinen dem Verfasser recht zu geben, denn ^w:r sehen, daß unsere Sozialreform in der Tat nur langsam vom Flecke kommt, und daß jeder wohl- tzcwemte Schrrtt der Gesetzgebung oft nur neue An­sprüche, neue Mißstände und neue Verwicklungen hervor- rilft. Der Verfasser will daher das, was an einer großen Gesamtheit kaum durchführbar erscheint, gleichsam durch Elnzelexperimente an kleinen Gemeinden ausprobiert sehen. Er denkt sich zu diesem Zwecke die neuen Reformgemein- den auch räumlich abgegrenzt vom heutigen Großstadt- Leben. Er will neue städtische Siedelungen begründet sehen.

gleichsam alsPflanzschulen eines neuen deutschen Le- bens . In diesen neuen Gemeinden, die sich aus kleinen Anfängen allmählich entwickeln, soll nun die Durch­führung aller vernünftigen Reformen schrittweise und harmonisch versucht werden: so Erziehungs- und Schul­reform, Reform der Rechtsprechung, der religiösen An- schauung, des Baustiles und der Trachten, der gesell­schaftlichen Sitten und anderes mehr. Die ganze Ge- memde soll errichtet werden auf Gemeinbesitz an Grund und Boden und fte soll dadurch zugleich eine Verwirklich- ung der Bodenbesitzreform anbahnen. Der Boden als Geinemeigentum soll unverkäuflich und unverschuldbar sem. Daraus verspricht sich der Verfasser unter anderem sehr günstige Wohnungsverhältnisse und billige Mieten, die allein schon ein mächtiges Auziehungsmittel für die neue Siedelung bilden dürften. Auf dem billig erivorbenen Boden brauchte man mit den Raumverhältnissen nicht so sehr zu kargen, wie in den heutigen Großstädten, wo der Bodenpreis z. T. eine verhängnisvolle Höhe erreicht hat. So ist in der neuen Gemeinde mit jeder Wohnung ein Garten verbunden gedacht, und auch mit öffentlichen Anlagen so verschwenderisch verfahren, daß die neue Siedelung im wahren Sinne den Namen einer Park- und Gartenstadt verdienen würde.

Der eigentlichen Gestaltung der Stadt ist nun die zweite SchriftDie Stadt der Zukunft" gewidmet. Hier entwickelt der Verfasser, mehr von technischen Ge­sichtspunkten ausgehend, tote eine Stadt aufzubauen wäre, wenn sie ein organisches, wohl gegliedertes Ganzes bil­den und eine unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit besitzen soll. Die Stadt ist in rrngförmige Zonen geteilt, von denen jede nur Gebäude bestimmten Charakters aufnehmen soll, so z. B. von außen nach innen fortschreitend: Fabriken, Arbeiterwohnungen, gewöhnliche Wohn- und Ge­schäftshäuser, bessere Wohnhäuser, vornehme Villen, Pa­läste. Den Mittelpunkt des ganzen Systems soll ein großer varkähnlich eingerahmter Platz, eine Art Forum bilden, das alle großen öffentlichen Gebäude von monu­mentalem Charakter aufzunehmen hätte: als z. B. Dom, Museum, Theater, Hochschule, Rathaus, Justizpalast usw. Mit diesem Bebauungsplan, der mit breiten Alleen und Parkanlagen durchzogen ist, hofft der Verfasser sowohl in hygienischer wie in schönheitlicher und technischer Hin­sicht ungewöhnliche Vorteile zu erreichen.

Es ist einleuchtend, daß der Aufbau einer solchen Stadt nicht im Mittelpunkte mit der Anlage des monu­mentalen Viertels beginnen kann, denn dieses kann ja erst geschaffen werden, wenn die Größe der Stadt das Bedürfnis für große Monumentalbauten erweckt. Viel­mehr ist der Beginn entweder mit dem Villenviertel oder mit der industriellen Zone zu machen; und die neue Stadt würde sonach nicht, wie die alten Städte, von innen nach außen, sondern gleichsam von außen nach innen wachsen. Durch einen wohldurchdachten, weitaus- ;reifenden Bebauungsplan soll nur im voraus der Raum irr diese Entwickelung gesichert werden. In zwei großen arbigen Stadtplänen hat der Verfasser die Grundgedanken zu veranschaulichen gesucht. Es ist dabei auch der Fall vorgesehen, daß eine solche Stadt nach dem neuen System sich an eine alte Klein- oder Mittelstadt auschließt und diese allmählich in das neue Bebauungssystem überführt. Der ideelle Mittelpunkt der neuen Stadt ist dabei außerhalb der Altstadt zu legen. Der Text des Buches ist durch viele Figuren tinterbrochen, die die Stadt in verschiedenen Ent­wicklungsstadien, sowie eine Reihe weiterer technischer Vor­schläge zeigen, so unter anderem die Unterwölbung der Hauptstraßen, bezw. die Anlage zweier Verkehrsstraßen über einander und bergt mehr. Besonders vorteilhaft erscheint die Einführung der Bahnhöfe in die Stadt, die Verbindung der Markthalle, der Hauptpost, der großen Warenspeicher usw. mit den Bahnhöfen; ferner die Ver­bindung der Fabriken untereinander durch Schienengeleise und Wasserstraße.

Der Verfasser ist mit diesen Ideen bereits 1896 her- ausgetreten und hat damals einflußreiche Kreise für sein BuchDie Stadt der Zukunft" zu interessieren versucht, doch vergeblich. Merkwürdiger Weise aber haben diese Gedanken in England sofort einen ftuchtbaren Boden gefunden. Zwei Jahre nach der Fritsch'schen Schrift er­schien dort ein BuchThe garden-cities of To-Morrow" von Ebenezer Howard, das sich in allem wesentlichen an