*247
„Ich denke, daß ich schrecklich froh sein werde, wenn der ganze Krakeel vorüber ist", antwortete Meg düster. „Tenn einen Krakeel wird's sicherlich, geben."
Nell, die jetzt an der Tür stand, seufzte tief aus.
„Ich hoffe, daß es Mr. King nicht aufregen wird", sagte sie weich. „Wie geht es ihm, Meg?"
„So gut, als es erwartet werden könnte, sagte der Toktor, Miß. Doch soll er sich sehr ruhig verhalten."
„Ja — und dann kommen sie und stören ihn aus, und nur aus müßiger Neugierde."
Meg schüttelte den Kopf.
„Und hat er davon gehört? Haben Sie es ihn wissen lassen?"
„Ja, ich sagte es Ihnen ja schon."
„So? Mir scheint der Kopf zu wirbeln. Ich kann kaum Verstehen, was ich höre. Was sagte er denn?"
„Er war so betreten darüber, daß er mir leid tat, nicht im stände gewesen zu sein, es von ihm fernzuhalten. Er schien zu glauben, daß es doch etwas mit dem Schlage zusammenhinge, den er ihm gegeben hatte. Wir sagten ihm deshalb, daß wir das Gegenteil für gewiß hielten. Bei alledem aber wissen wir nicht, was die Doktoren bei der Leichenschau sagen werden."
„O Meg, Du machst es noch schlimmer, wenn Du so sprichst."
„Nein, Miß Nell, ich wünsche nur nicht, daß Sie davon überarscht werden, wenn man Ihnen garstige Fragen vorlegt, das ist alles. Glauben Sie denn, daß ich Sie quälen würde, wenn ich's vermeiden könnte, mein Herz?" Und sie schlang ihren gebräunten Arni wie zum Schutz um das zitternde Mädchen. „Sie wissen, ich würde die Hand drum geben, Sie vor Leid bewahren zu können, und daß ich Mr. King alles Gute wünsche, Ihretwegen sowohl wie seinetwegen. Denn er ist ein so netter Mann, als ich je einen sah, und voll Liebe für Sie, wie ich wohl weiß. Aber es ist das beste, daß Sie alles erfahren, was man sagt, damit es Sie nicht später in Verlegenheit setzt."
„Danke Dir, Meg. Meinst Du's doch gut", sagte die arme Nell, als sie sich mit Tränen im Auge entfernte und ins Bett hinaus schlich
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück hieß sie George Claris, der ängstlich und besorgt aussah, den Koffer für die Reise nach London packen.
Nell wagte kernen Einwand zu erheben, noch Fragen an ihren Onkel zu stellen, dessen Stimmung llärlich zu achten war. Sie mußte sich an oem Berichte genügen lassen, den Meg von der für Clifford angestellten Pflegerin erhalten hatte: der Kranke habe die Nacht gut verbracht.
Vor zehn Uhr waren Nell und ihr Onkel mit dem Koffer hinten im Gig aus dem Wege nach Stroan.
Sie waren nicht weit gefahren, als sie bemerkten, daß etwas Ungewöhnliches auf der Straße vor sich ginge. Eine Anzahl Leute, darunter zwei oder drei von der Polizei in Stroan, waren eifrig damit beschäfllgt, die Straße und die ihr zur Seite laufenden Gräben zu durchsuchen. Nell mit dem den Frauen eigenen raschen Wahrnehmungsvermögen erriet, daß diese Nachforschung in Zusammenhang mit der Auffindung von Jems Leiche am vorigen Abend stände; ihr Onkel war aber nicht so scharfsinnig, er hielt das Pferd an und zog Erkundigungen ein.
„Holla, was ist los?" sagte er, sich an den nächsten Pvlizeidiener wendend.
„Nichts toeiter", erwiderte der Mann mit einem Seitenblicke auf Nell.
„Nichts, was für Sie von Belang ist", fügte ein anderer der Suchenden hinzu. Und auch er blickte das junge Mädchen seltsam an, das mit blassem Gesichte und geschlossenen Lippen neben George Claris saß.
„Nun, Ihr könntet auf eine höfliche Frage wohl eine höfliche Antwort geben, denk itf)/', sagte der Gastwirt erzürnt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Denkmäler im Großherzogtum Hessen.
Von W. H.
(Nachdruck verboten.)
In unseren Denkmälern enthüllt sich in besonders bündiger und in die Augen springender Weise, auf welche Männer und auf welche Taten unsere Nation in verschiedenen Zeiten den höchsten Wert gelegt hat. Welche Be
deutung die Denkmäler für die Hebung des Selbstbewußt- seins haben, das wissen wir alle, die wir in der glücklichen Zeit leben, die nach langen Jahrhunderten würdige Nationaldenkmäler schafft, wie die Germania auf dem Niederwald.
Welch ein Umschwung ist seit dem vorigen Jahrhundert im Neuen Deutschen Reiche eingetreten! Eine übergroße Fülle von Monumenten für Fürsten und deren Gemahlinnen, für Staatsmänner, Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Aerzte und Künstler sind nicht bloß in großen Städten und Landeshauptstädten errichtet worden, auch kleine Ortschaften haben gewetteifert, ihrem Lokalpatriotismus durch Errichtung eines Denkmals für einzelne Persönlichkeiten oder auch nur durch ein bescheidenes Kriegerdenkmal Ausdruck zu verleihen.
Wenn wir auf unfern öffentlichen Plätzen Denkmäler errichten, so geschieht das nicht bloß in der Absicht, einer bestimmten Einzelpersönlichkeit zu huldigen, sondern mit dem klaren Bewußtsein, einen ganzen bedeutungsvollen Abschnitt der vaterländischen Geschichte dadurch wie in Lapidarschrift vor die Augen des Volkes zu stellen.
Wenn die Steine zuweilen reden können, wie es in der Bibel heißt, so sollten es auch die Denkmäler können. Aber die Sprache ist zuweilen etwas undeutlich So geht es durchaus nicht immer an, aus der Zahl der Denkmäler, die diesem oder jenem gesetzt sind, auf die größere oder geringere Bedeutung, Beliebtheit, Volkstümlichkeit des einen oder andern zu schließen. Es spielen da, wie überhaupt auf dem Gebiet der Anerkennung und des Ruhms noch andere Bedingungen mit als nur die Würdigkeit. Am sichersten auf ein Denkmal rechnen dürfen die Fürsten, nach ihnen die Feldherren und Staatsmänner, vor allen diejenigen, die entscheidend in einer Epoche nationalen Aufschwungs mitgewirkt haben, wie Blücher, Moltke, Stein, Bismarck usw.; weiterhin kommen die Dichter und daun in einem breiten Abstand Gelehrte, Erfinder, Entdecker, Tonkünstler, Aerzte und bildende Künstler. Ein Schauspieler- oder Lehrer-Monument gehört zu den Seltenheiten. Ganz sicher vor einem Denkmal ist jedoch niemand; erhebt sich doch in, England die Statue eines Kammerdieners John Brown, die von seiner Herrin, der Königin Viktoria gestiftet worden ist. Nur ein biederer Einwohner von Gernsheim wollte von einem Denkmal nichts wissen. Als zu einem für Peter Schäffer, den Gehilfen Gutenbergs, in Gernsheim zu errichtenden Denkmal Beiträge gesammelt wurden, lehnte er jede Spende dafür mit den Worten ab: „Wer setzt mir denn ein Denkmal?"
Eine kurze Vorführung der in unserem Lande errichteten Denkmäler ordnen toir am besten nach den Städten. Beginnen wir mit der Residenzstadt Darmstadt.
Ein 39 Meter hohes, ehernes Standbild des ersten Großherzogs Ludwig I. von Schwanthaler erhebt sich weithin sichtbar in der Rheinstraße; ein Standbild des Groß Herzogs Ludwig IV. von Schaper steht auf dem Paradeplatz, und die von Scholl aus Stein gehauenen Denkmäler des Landgrafen Philipp des Großmütigen und des Landgrafen Georg I. stehen zwischen dem Theater und dem Zeughause. Eine Marmortafel mit der von Friedrich dem Großen gewählten Inschrift: Femina sexu, ingemo vir („Von Geschlecht eine Frau, dem Geiste nach ein Mann") ziert den Grabhügel der großen Landgräfin Karoline. Das letzte Fürstendenkmal — abgesehen von dem Monument des Landgrafen Ludwig IX. in Pirmasens — ist der Großherzogin Alice gewidmet und im September 1902 enthüllt worden. Es steht vor der katholischen Kirche, in der der Sarkophag her Großherzogin Mathilde ruht, und ist von den Frauen und Jungfrauen Hessens gestiftet worden. Die Festrede hat, was selten vorkommt, nicht ent Mann, sondern eine Frau, Fräulein Dr. Mensch, gehalten.
Von verdienstvollen Männern sind die nachstehenden mit einem Denkmal geehrt worden: Justus v. Liebig, in den Anlagen am Bahnhof, Georg Joseph V o g l er, nach seiner geistlichen Würde genannt Abi Vogler (t 1814), Komponist und Lehrer von Carl Maria von Weber und Meyer- beer, und Forstmeister Hartig im Park bei Darmstadt. Das Denkmal Goethe's — hoffentlich des jungen, nicht des alten Dichters wie in Wetzlar, Frankfurt a. M. und andern Orten — ist im Herrengarten aufgestellt und wird in Bälde enthüllt werden. .
Noch erwähnen wir die beiden Kriegerdenkmäler: eines aus dem Paradeplatz zur Erinnerung an den deutsch-frau-


