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ven waren. Denn nachdem diese ihre Untersuchung beendet hatten, waren sie so rasch wie möglich aus dem Hause und durch das sie erwartende Gedränge gegangen und hatten es beide abgelehnt, nach dem dermaligen Stande der Sache eine bestimmte Meinung über die Ursache des Todes abzugeben. Daher sich all diese kleinen großen Leute höchstens beleidigt fühlten und sich in der äußersten Entrüstung nach Hause begaben.
„Soviel ich davon verstehe, können sie eine Klage Auf Mord gegen diesen Herrn King einbringen", sagte der Oberst gereizt, nicht mit irgend einem Gefühl des Grolls gegen biefe Persönlichkeit, sondern um Nells Mitgefühl für die von ihm erlittene Unbill zu erregen.
Allein die Wirkung seiner Worte auf das Mädchen war elektrisch
„Mord! Gegen Elifford!" schrie sie, nach der Tür springend und nach Atem schnappend. O, das ist nicht Ihr Ernst, das' kann nickt Ihr Ernst sein!"
Sie brach in einen heftigen Anfall von Weinen aus, dessen sich der Oberst fast schämte. Er versuchte, sie zu beruhigen, indem er ihr versicherte, daß niemand sonst, als die Aerzte, die hochnäsige Esel wären, ohne irgend einen Begriff, wie sie die Leute von Ansehen und einer der ihren weit überlegenen Stellung zu behandeln hätten, eine so ungeheuereche Meinung aufstellen könnten. Sie vermochte jedoch nicht genug Trost in seinen Worten zu finden und schickte sich, trotz oer Anstrengungen des Obersten und seiner Tochter, sie zurüctzuhalten, endlich an, nach dem „Blauen Löwen" zu eilen, damit sie sich wenigstens, wonach sie dringend verlangte, versicherte, daß niemand dort des Obersten vorschnell ausgesprochene Meinung teilte.
„Vergessen Sie nicht, daß Sie zurückkommen müssen, hierzu schlafen", rief Min Bostal, die dem Verweilen ves Mädchens in der Mhe ihres ihr höchst unerwünschten Geliebten Vorbeugen wollte.
Doch Nell wollte kein Versprechen geben. Sie verlangte nicht nur dringend, zu hören, wie sich Elifford befand und was dort die Leute über Jems Tod dachten, sondern auch zu wissen, wie bald sie im stände sein würde, mit Elifford zu sprechen, über dessen Lage in dieser Angelegenheit sie überaus ängstlich geworden war.
Sie schlug daher ein wenig ernst gemeintes Anerbieten des Obersten ab, sie auf dem einsamen Weg zu begleiten, bot ihren Freunden Lebewohl und brach nach dem „Blauen Löwen" auf.
Das Haus war, als sie es erreichte, verschlossen und Meg, die ihr öffnete, fuhr bei ihrem Anblick erschrocken zurück.
„Gerechter! Sie sind'S, Miß Nell? Ich glaubte, da AS so spät ist, daß ©te die Nacht bet Miß Bostal zubringen würden."
„Sie bat mich auch, es zu tun, ich wünschte aber zurück nach Hause zu kommen", antwortete das junge Mädchen, das bleich war und zitterte.
„Sie sehen schlecht aus", rief die gutmütige Meg, als sie das Mädchen mit kräftigem Arm in die kleine Schenkstube zog, wo das Feuer noch nicht ganz aus- aegangen war. „Setzen Sie sich nieder und wärmen Sie sich, ehe Sie hinaus in das kalte Zimmer unterm Dache gehen."
Sie schob Nell fast in den Armstuhk am Kamin und warf sich dann vor ihr auf den Kaminteppich nieder und blickte ihr forschend ins Auge.
„Sie haben schon von allem gehört! Ich kann es ja sehen", sagte sie endlich in rauhem Flüsterton.
„O Meg! Was hörtest Du selbst? Wer hat Dir's gesagt? Jst's also wahr? Was — und was denken die Leute?"
Doch . Meg war schweigsamer als gewöhnlich, oder wußte nicht mehr. Sie begnügte sich anfangs mit Seufzern und Achselzucken und Ausrufen der Verwunderung und Bestürzung, und ließ sich von Nell erzählen, wie Oberst Bostal die Nachricht nach Shingle End gebracht hatte, bevor sie mit der Sprache herausrückte und sagte, wie ihr selbst die Nachricht zu Ohren gekommen wäre.
„O natürlich war's in oer Schenkstube, wo tch's hörte", sagte sie, als Nell endlich darauf bestand, genau zu erfahren, in welcher Form die Geschichte nach dem „Mauen Löwen" gekommen wäre, „'s war einer der Stammgäste, Bill Noakes, der mit dem Geschrei herein
platzte, daß Jem Stickels tot auf der Straße gefunden worden wäre. Wir wollten's anfangs nicht glauben, keiner von uns. Doch bald kamen andere herein und alle sagten dasselbe, und einer von ihnen hatte ihn selber gesehen und gehört, was der Doktor gesagt hatte."
„Und was war das?" fragte Nell rasch
„Nun, daß er tot wäre — nichts weiter", sagte Meg.
„Das scheint auch alles zu sein, was irgend einer bis jetzt davon weiß."
„Was aber denkt man? Du mußt doch darüber etwas sagen gehört haben. Glaubt man, daß er infolge eines Zufalls gestorben sei — oder — nun, oder was?"
Meg starrte schweigend ins Feuer, bis Nell die Frage wiederholte und ihr Nachdruck verlieh, indem sie sie am Aermel zupfte.
„Nun, ich muß es Ihnen schon sagen, wenn Sie's wissen müssen. Sie sprachen von einer Verletzung des Kopfes. Von dem — nun, von dem, was ihni hier zuMtoßen ist, wissen Sie", und Nell wies mit einem Rucke des Kopfes nach der Hinterseite des Hauses.
Nell stand auf.
„Und Mr. King? Hat er davon gehört? Und was sagte er?"
„Nun ja, er hörte davon. Wir kounten's nicht von ihm fernhalten, 's war ein solcher Spektakel und Aufruhr hier, und einige — o die Schandkerls! — wollten durchaus in sein Zimmer, zu sehen, ob er auch da wäre." Nell machte eine Bewegung der Entrüstung. „Nun,, es war auch ganz gut, daß, wenn's noch dazu kommt, sie's gesehen haben." Und Meg nickte wieder und wieder bedeutsam mit dem Kopfe. „So können Sie doch nicht behaupten, daß er nicht hier zu Hause tvar, da 's geschah!"
„Und — und argwöhnen Sie denn? Wagen Sie es, zu argwöhnen, daß er — daß Mr. King — ?"
„Gott, in einer Auftegung wie diese wird man alles und jedes wagen", gab Nell mit Ueberzeugung zurück. „Und 's ist eine herrliche Sache für Mr. King, daß es nun Viele giebt, die für ihn Zeugnis ablegen können, daß er seit dem Kampfe immer nur hier gewesen ist."
„Dem Kampfe! Es war ja kein Kampf! Es war ein überaus feiger, durch nichts veranlaßter Uebersall —"
„Ach, die Leute werden's aber so nicht mehr nennen, da der Bursche tot ift", sagte Meg überlegen. „Missen Sie nicht. Miß, was für gute Nachreden man uns allen auf unsere Grabsteine setzt? Und wie wir dann alle ,der arme Mr. Soundso' von einem Kerl sagen, den wir, als er lebte, nicht ausstehen konnten? Und so werden Sie sehen, daß Stickels, dem jedermann auswich, als er unter uns war, nun, da er hinüber ist, von aller Schuld reingewaschen werden wird."
Nell wurde ungeduldig.
„Es ist natürlich schrecklich für ihn, auf diese Weise umgekommen zu sein", sagte sie mit leiser Stimme, „aber es würde um vieles schrecklicher sein, wenn sie es sich in den Kopf setzten, daß Mr. King irgend etwas damit zu tun hätte."
„Man kann doch den Schlag, den er ihm gegeben hat, nicht wegleugnen, verstehen Sre, Miß", bemerkte Meg warnend.
„Aber er war ganz wiederhergestellt. Ich habe ihn nachher gesehen."
„Sie — haben ihn — nachher gesehen?"
„Ja. In seiner Hütte. Miß Bostal veranlaßte mich, mit ihr zu gehen, um uns zu erkundigen. Und es fehlte ihm damals nichts, ganz und gar nichts. Glaubst Du nicht, daß er sich später betrunken hat? Und daß er zu Boden fiel? Kam er nicht wieder hieher auf seinem Wege nach Stroan?"
„Nein, Miß; er kam nicht hieher", antwortete Meg sehr ernst.
Nell blieb einige Minuten schweigsam und starrte ins Feuer. Ihr Gesicht war in seiner Blässe so geisterhaft, es sah so gezogen, so entstellt durch den Ausdruck von Furcht und Entsetzen aus, die mit jedem Augenblick immer größer wurden, daß Meg stutzig ward und sie mit offenem Munde anstarrte.
Sich plötzlich nach ihr hinwendend, begegnete Nell ihrem beobachtenden Blick und wurde rot und verwirrt, als ob sie selbst bei einer strafbaren Tat ertappt worden wäre.
„Und was denkst, Du selbst von alledem, Meg?" fragte sie Lebend.


