Ausgabe 
27.2.1903
 
Einzelbild herunterladen

122

erregen, plötzlich in einem gespannten Flüsterton fragte, ob ich ein Geheimnis bewahren könne.

Das sei wohl möglich, entgegnete ich, woraus eine zweite Frage in noch leiserem, aufregenderem Flüsterton folgte:

Fürchten Sie sich vor Einbrechern?" /

Einbrechern! Das hatte mich endlich aufgerüttelt! Das Wort !var mir wie ein Dolch durch die Seele gedrungen, und ich wiederholte es voll Entsetzen.

Also habe ich doch endlich etwas gefunden, was Sie interessiert!" sagte Miß Melhuish in naivem Triumph.Ja, Einbrecher! Aber sprechen Sie nicht so laut, denn es soll als tiefes Geheimnis behandelt werden. Ich dürfte es Ihnen eigentlich gar nicht erzählen."

Aber was giebt's denn zu erzählen?" flüsterte ich in einer llngeduld, die meine Nachbarin befriedigen mußte.

Wollen Sie mir versprechen, nicht davon zu reden?" Selbstverständlich."

Na also hören Sie: Es sind Einbrecher in der Gegend." Haben sie schon Diebstähle begangen?"

Noch nicht."

Woher wissen Sie es denn?"

Sie sind gesehen worden im Bezirk zwei wohl­bekannte Londoner Diebe."

Zwei! Meine Blicke suchten Raffles aus. Das hätten sie schon mehrfach im Laufe des Abends getan, und ich hatte ihn um seine vortreffliche Laune, seine eisernen Nerven, seinen schlagfertigen Witz, seine vollkommene Ungezwungen­heit und sein sicheres Auftreten beneidet. Jetzt aber bemit­leidete ich ihn trotz meines eigenen Schrecks und meiner Bestürzung; ich bemitleidete ihn, als ich ihn essend und trinkend, plaudernd und lachend, ohne einen Schatten von Furcht oder Verlegenheit in seinem schönen, einnehmenden Gesicht da sitzen sah. Ich ergriff meinen Champagnerkelch und leerte ihn.

Wer hat sie denn gesehen?" fragte ich darauf ruhig.

Ein Detektiv, der vor ein paar Tagen ihrer Spur Von London aus gefolgt ist. Man nimmt an, sie hätten Absichten auf Milchester Abbey."

Aber warum werden sie denn nicht eingesperrt?"

Sehen Sie, genau dasselbe habe ich Papa heute abend auf dem Wege hierher gefragt. Er sagte, es läge gegen­wärtig kein Haftbefehl gegen sie vor, und deshalb könne man weiter nichts tun, als sie sorgfältig beobachten lassen."

O, also werden sie überwacht?"

Ja, von einem Detektiv, der besonders deswegen hier- hergekommen ist. Und ich habe gehört, wie Lord Amersteht meinem Papa sagte, sie seien diesen Nachmittag auf dem Bahnhof von Warbeck gesehen worden."

Gerade der Ort, wo Raffles und ich vom Gewitter über­rascht worden waren! Jetzt war unsere Flucht aus dem Wirtshaus erklärt; andererseits aber konnte mich nichts mehr wundern, was meine Nachbarin etwa noch erzählen mochte, und es gelang mir, ihr lächelnd ins Gesicht zu sehen.

Das ist wirklich höchst aufregend, Miß Melhuish", sagte ich.Dars ich mir die Frage erlauben, wie Sie das alles erfahren haben?"

Bon Papa", antwortete sie vertraulichLord Amersteht hat ihn zu Rate gezogen, und Papa mich. Aber- lassen Sie's ums Himmels willen nicht bekannt werden! Ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen bin, es Ihnen zu sagen!"

Sie dürfen mir vertrauen. Miß Melhuish. Aber haben Sie denn keine Angst?"

Miß Melhuish lächelte.

Richt die geringste! Ins Pfarrhaus werden sie nicht kommen, weil da nichts für sie zu holen ist. Wer schauen Sie sich doch einmal am Tische um. Sehen Sie nur diese Unmasse von Diamanten! Lady Melroses Halsband allein ist der Mühe wert!"

Die Marquise vor: Melrose war eine von den wenigen Personell, aus die mich aufmerksam zu machen nicht nötig war. Diese, eine so ausschweifende und lustige Dame, als sie die Welt nur je gesehen hat, saß, ihr Höhrrohr schwenkend, zur Hechten Lord Amersteths und trank mit der gewöhnlichen Unbescheidenheit, wegen deren sie be­rüchtigt war, viel Champagner. Sie trug ein Halsband von Saphiren, das auf ihrem umfangreichen Busen mist und Aiederwogte.

.Die Leute behaupten, es sei mindestens fünftausend Pfluid wert", fuhr meine Tflchnachbarin fort.Lady Mar­

garet hat es mir noch heute morgen versichert (Lady Mär-, garet rst die Dame, die neben Ihrem Mrs. Raffles sitzt, wissen Sie), und die liebe alte Dame besteht darauf, es jeden Abend zu tragen. Denken Sie nur mal, was für ein Fang das wäre! Nein, im Pfarrhaus besorgen wir keine unmittelbare Gefahr."

Als sich die Damen erhoben, verpflichtete mich Miß Melhuish noch einmal zum tiefsten Schweigen und verließ mich, wie ich glaube, mit einiger Reue über ihre Schwatz­haftigkeit, aber doch mit noch mehr Befriedigung, daß sie sich in meinen Augen so wichtig gemacht hatte. Diese An­sicht mag etwas nach Eitelkeit schmecken, aber in Wirklichkeit ist das menschliche allgemeine Verlangen, den Zuhörer in Spannung zu versetzen, doch die eigentliche Quelle jeder Unterhaltung. Miß Melhuish's Eigenheit lag darin, daß sie um jeden Preis spannen wollte, und das war ihr jeden­falls gelungen.

Mit dem, was ich während der nächsten zivei Stunden empfand, will ich den Leser verschonen. Ich versuchte mein möglichstes, ein paar Worte mit Raffles zu sprechen, allein es gelang mir nicht. Im Speisesaal zündeten er und Crowley sich ihre Zigaretten an demselben Streichholz an und steckten während der ganzen Zeit ihre Köpfe zusammen. Im Salon hatte ich den Verdruß, ihn endlosen Unsinn in Lady Mel­roses Höhrrohr reden zu sehen, in deren Hause er in London verkehrte, und im Billardzimmer nahm er an einem großen und langen Spiele teil, während ich in der Ecke saß und mich in der Gesellschaft eines sehr ernsten Schotten vor Ungeduld verzehrte, der nach dem Diner angekommen war und von nichts sprach, als von den neuesten Verbesserungen der Augenblicksphotographie. Wie er mir anvertraute, wollte er nicht an den Wettkämpfen teilnehmen, aber er hoffte, eine Reihe von.Cricketausnähmen für Lord Amersteth zu machen, ob als Liebhaberphotograph, oder als berufs­mäßiger, konnte ich nicht feststellen. Jedoch entsinne ich mich noch, daß ich versuchte, mich durch zeitweise entschlossene Aufmerksamkeit auf die Salbadereien dieses langweiligen Menschen zu zerstreuen. Schließlich aber nahm auch diese lange Qual ein Ende, die Gläser wurden geleert, die Herren wünschten sich gute Nacht, und ich folgte Raffles in sein Zimmer.

Es ist alles vorbei!" stöhnte ich, als er das Gas an­drehte und ich die Tür schloß.Wir werden beobachtet, und die Leute siird uns schon von London aus auf der Spur. Ein Detektiv ist sogar hier tnt Hause."

Woher weißt Du denn das?" fragte Raffles, sich scharf aber ohne einen Schatten von Erschrecken nach mir um­wendend. Und ich erzählte ihm, wie ich es erfahren hatte.

Natürlich war es der Mensch, den wir heute nach­mittag im Wirtshaus gesehen haben", schloß ich.

Der Detektiv?" fragte Raffles.Willst Du etwa be­haupten, Du erkennest einen Detektiv vom bloßen Ansehen, Bunny?"

Wenn er das nicht war, wer war es denn?"

Raffles schüttelte den Kopf.

Und Du haft eine ganze Stunde lang im Billardzimmer mit ihm gesprochen und nicht gemerkt, was er ist?"

Der schottische Photograph . . . ."

Entsetzt hielt ich inne.

Ein Schotte ist er allerdings und Photograph mag er auch sein, aber jedenfalls ist er Inspektor Mackenzie von Scodland Pard derselbe, den ich im April nach Rosent- Halls Hause rufen lieh. Und Du hast ihn während einer ganzen Stunde lang nicht durchschaut? O, Bunny, Bunny, Du bist nicht zum Verbrecher geboren!"

Aber", fragte ich,wenn das Mackenzie ist, ioer ivar denn der Kerl, vor dem Du in Warbeck ausjkniffest?"

Der Mann, den er beobachtet."

Aber er beobachtet ja uns."

Raffles sah mich mit einem mitleidigen Mick an imb schüttelte wieder den Kopf, bevor er mir seine offne Zrgarttendose anbot.

Ich weiß nicht, ob das Rauchen in den SchlaMmmern verboten ist, aber steck' Dir lieber eine an, und nimm Dich zusammen, Bunny, denn ich bin im Begriffe, etwas be­leidigendes zu sagen."

Lachend griff ich zu.

Wenn wir beiden es ivirklich nicht sind, hinter denen Mackenzie her ist, kannst Du sagen, was Du willst, mein lieber Kerl."

Mm denn, wir sind es nicht und können es nicht sein,