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oder auf den Golfspielplätzen zubrachte, kehrte gewöhnlich pünktlich um neun Uhr zurück.
Nell blickte erschrocken auf.
„Aber, Kind, wie verstört Sie ausfehen! Was ist Ihnen?"
Und Miß Bostal griff nach der Feuerzange und hob damit die kleinen Stückchen glühender Kohlen im Kamin auf, die vom Feuer heruntergefallen waren und legte sie sachverständig wieder auf dieses, um eine vergeuderische Glut zu verhüten.
„Wirklich?" sagte Nell und versuchte zu lächeln, schauerte aber zusammen, als sie es sagte. „Nun, ich glaubte, ich habe heute genug gehabt, verstört zu sein, oder nicht?"
„O, meine Liebe, ich würde mich nicht so abquälen, wenn ich wie Sie wäre. Es war eine schreckliche Sache und ich fühlte mich verpflichtet, Sie zu schelten, als Sie den jungen Mann hier so ganz fallen ließen. Aber es wird für Sie eine Lehre sein, bedachtsamer zu handeln, und ich hege keinen Zweifel, daß die beiden jungen Männer Zeit zur Ueberlegung finden und sich vornehmen werden, in Zukunft ihre Leidenschaften mehr zu beherrschen!"
„Doch Clifford — Mr. King! Ich fürchte, er ist schwer verwundet", schluchzte Nell, deren Tränen endlich freien Laus gewonnen hatten und ihr an den Wangen herabrannen.
Doch für ihn hatte Miß Bostal kein Mitleid.
„Es wird für ihn eine Lehre sein!" erwiderte sie fast frostig.
„Und Jem — er wird sicher diesmal fein Wort halten Und der Polizei Anzeige machen."
„Anzeige — wovon?"
„Nun, von — den Diebereien; von dem, was er sah, wie er sagt!" sagte Nell, die Augen ängstlich auf ihre Freundin richtend, mit leiserer Stimme.
Miß Bostal lächelte heiter.
„Haben Sie noch nicht über diese Drohung hinweg- kommen können? Was mich betrifft, so werde ich sehr svoh sein, wenn etwas herauskommt. Mein Vater ist zu der Ausgabe für einen besonderen Riegel an unsere Hintertür geschritten, seit dieser Schrecken hier herrscht, und ich selbst kann nie länger als eine Stunde schlafen, ohne aufzu-, springen und mir einzubilden, daß ich einen Einbrecher unten im Speisezimmer höre."
Nell aber sagte nichts. Sie blieb in einer gedrückten, fast verlegenen Haltung, über das Feuer gebückt sitzen und warf ihrer Gefährtin von Zeit zu Zeit scheue, fragende Blicke voll unverkennbarer Unruhe zu.
Miß Bostal fing an, ihren Schützling, wenn nicht mit Argwohn, so doch mit Aengstlichkeit anzusehen.
Es war klar, daß die alte Schwierigkeit, in der--sich ein Mädchen zwischen ihren Liebhabern befindet?" ange-> sangen hatte, den Schatten der Er' tfremdung auf die Freundinnen zu werfen.
(Fortsetzung folgt.)
Belusiiqmrqen der Jugend.
Won Ludwig Sonntag.
Zur Frühjahrszeit wimmeln die Wälder von Erwachsenen und Kindern, die in freier Luft Erholung finden und den Frühling genießen. Aber die Freude wäre eine ungetrübtere, wenn es den Boten des Frühlings dabei nicht oft recht übel erginge. Welche Sünden werden gegen die schutzlosesten Tiere des Waldes begangen!
Seht Euch die Knaben an: Alle sind ausgerüstet, als wären sie auf einer Forschungsreise begriffen, mit Botani- siertvommeln, Flaschen, Gläsern und Netzen. Sie suchen einen der Gräben auf, die so zahlreich unsere Wälder durchfließen. In diesen Gräben entwickelt sich im Frühjahr ein wunderbares, wunderreiches Tierleben; jeder Kubikmeter Wassers enthält eine Unmenge von Wasserkäfern, Wasserspinnen, Asseln, Schnecken, Mückenlarven, Kaulquappen re.
Tie Jungen fangen diese Tiere, um sie in ihr Aquarium zu tun. Aquarium, mit diesem hochtönenden Worte bezeichnen sie jedes beliebige Gefäß von der einfachsten kleinsten Ausgabe jenes Behälters an, der diesen Namen mit einigem Recht führen dürfte, bis zur Einmachbüchse, zur enghalsigen Flasche herab. In der Seele aller dieser jungen Zoologen ist dabei woW die dumpfe Ahnung eines
Willens vorhanden, das ungemein interessante Leben dieser Tiere zu studieren. Tatsache ist, daß unter den unglückseligen Bewohnern jener erwähnten Gefäße sofort ein entsetzlicher Kampf ums Dasein ausbricht, da die unkundigen Knaben ihre Menagerie ganz planlos zusammenstellen und an Fütterung gar nicht denken.
Aber vielleicht sind diese Knaben nicht Aquarienlieb- haber, sondern nur Käfersammler. Dann wandern die Käfer in Tötungsflaschen, wo sie in schwachem Brennspiritus sich langsam zu Tode quälen dürfen. Biel öfter jedoch wartet ihrer der schaurige langsame Spießungstod aus der Nadel.
Die Mehrzahl der Knaben sammelt diese Tiere nicht. Sie sind nicht amüsant genug. Es gibt da andere, beliebtere Aquarientiere: die „Salamander". Mit diesem Namen beehrt man, bezeichnend genug für die naturwissenschaftliche Bildung unseres Volkes, die Wassermolche, jene kleinen, krokodilähnlichen, aber ungleich zarter gebauten und ungleich sanftmütiger als die Beherrscher des Niles veranlagten Geschöpfchen. Was diese Knaben beseelt, ist eine Gier nach dem lebenden Wesen. Die Beharrlichkeit, mit der sie jeden einigermaßen zugänglichen Tümpel ausfischen, ist bewundernswert. Ich habe Knaben gesehen, die mit den bloßen Armen und Händen das Gewässer durchsuchten, indem sie bis an die halben Schenkel im eiskalten Wasser standen. Und wie müssen nun erst diese armen Tiere leiden! Sie sind höher organisiert als die Insekten und ihre Qualen sind ungleich furchtbarer. Da sind Frösche und Kröten, auch Mitglieder der Familie der Lurche, doch wohl besser daran? Die wird man um ihrer Schönheit willen doch nicht aufsuchen? Auch sie entgehen dem Ungeheuer Mensch nicht! Ja, sie sind es, die am meisten leiden. Seht dort die Knaben, jauchzend vor frischer, reiner Jugendlust — und mit Stöcken und Ruten kunstHerechte Hiebe in die jungen Sträucher führend, die ihnen im Wege stehen. Jetzt kommen sie am Tümpel an und halten plötzlich lautlos still; denn an der ganzen Linie des Wasserbeckens schallt es wie Kleingewehrfeuer: Tie Frösche, die da am Ufer sich sonnten, springen, erschreckt tzurch den Lärm der Knaben, klatschend ins Wasser. Gleich aber tauchen sie wieder auf und stecken, an seichten Stellen sitzend, die Köpfe aus dem Wasser hervor.
Sofort wird auf jedes Froschhaupt ein Bombardemmt mit Steinen, Holz- und Erdstücken eröffnet. Die bedrohten Frösche retten sich nach entfernteren Stellen; aber der oder jener muß doch dran glauben. Ein Siegesgeschrei erhebt sich: zu Tode getroffen treibt ein Frosch an der Oberfläche des Wassers. — Der Anblick wirkt begeisternd auf die empfänglichen Kinderseelen. Alle Knaben sehen sich an. Ein Gedanke zündet in allen: Frösche totschlagen! Mit dieser Parole macht man sich auf den Weg in langer Treiberkette, schlagbereit die Ruten.
Nicht eine unnatürliche Verworfenheit ist an alledem schuld, sondern ihre Erziehung. Jedes Kind ist grausam, begeht Grausamkeiten und ist sich dessen nicht bewußt, und einzelne Naturen sind besonders grausam geartet. Wozu dient unsere Erziehung, wozu stehen den Kindern Erwachsene gegenüber, wenn solche Bestialitäten noch möglich sind?
Jeder Erwachsene hat die Pflicht, Tierquäler zu ermahnen, ihnen klar zu machen, daß ein Tier Schmerz empfinde, ebenso wie sie. Und alle Eltern haben die Pr.icht, ihre Kinder von klein auf an Milde und Barmherzigkeit zu gewöhnen, und haben sich selbst zu hüten, durch Aeußer- ungen des Abscheues, wie gerade in Bezug auf Frösche und Kröten, die Verfolgungswut der Kinder zu reizen. Und jede Schule, jeder Lehrer hat die Pflicht, durch Schaffung eines wahren Naturverständnisses, durch Veredelung des vorhandenen Natursinnes der Zöglinge solche Dinge, wie die erwähnten, unmöglich zu machen.
Alles das geschieht jetzt noch nicht genügend, trotz allem, was die Tierschutzvereine schon erreicht haben. Unzählige Eltern haben heutzutage nicht die Zeit und nicht genug eigene Bildung, um ihre Kinder wahrhaft erziehen und bilden zu können. Der Lehrer muß hier energisch eingreifen, er kann helfen. Dann muß er freilich hinaus mit den Kindern in die Natur und muß die Natur nicht kennen lehren am toten Bild und Präparat, sondern lehren als Leben. — Man kann diesen Ausführungen, die wir dem Blatte des Neuen Leipziger Tierschutz-Vereins entnehmen, nur zustimmen.


