Nr. 61.
1903.
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Samstag den 25. April.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzuug aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Tiefe Antwort führte zu andern Nachforschungen, und Jem wurde rasch aufgefunden und in das Zimmer hereingebracht, in dem sein Opfer lag. Bewußtlos, wie er war, da er einen schweren, betäubenden Fall getan hatte, fand Jem jedoch natürlich kein Mitleid bei Nell. Und als einige t)M Leute vorschlugen, ihn nach der Hütte zu tragen, wo er wotz^e, die nur einen Steinwurf vom Gasthof entsernit war, enthielt sich Nell jeder Aufforderung, ihn liegen zu lassen, wo er lag, da sie ersichtlich froh war, ihn sich aus den Mngen gebracht zu sehen.
Buxom Meg tauschte manches Nicken, manchen Wink und manches Grinsen mit den Gästen der Schenkstube aus, veranlaßt durch das völlige Aufgehen in ihren Liebhaber und seine Gefahr, das Nell an den Tag legte.
„Meine Schuld! einzig nur meine Schuld!" murmelte das Mädchen fort und fort, indem es sich über Clifford beugte, mit strömenden Augen sein Gesicht beobachtend, das blaß geworden war, und ängstlich auf seinen Atem lauschend, der ihr versicherte, daß er noch lebte.
Ta wurde Meg plötzlich inne, daß in diesem einfachen Herzeleid, in dieser jungfräulichen Leidenschaft etwas zu Heiliges wäre, um von diesen rohen, wenn schon teilnehmenden Menschen begafft zu werden. Und sie trieb alle mit großen, weit um sich greifende» Gebärden, wie die einer riesigen Henne, zurück in die Schenkstube. Und Nell und ihr Geliebter und der Onkel bliebe» zusammen allein.
Göorge Claris, obwohl auch etwas gerührt, fühlte sich unbehaglich und war mißtrauisch
„Was hatte er hier unten zu tun?" eröffnete er jetzt sein Verhör. „Und was hatte er vor, daß Jem nach ihm stach? Nichts Gutes, des bin ich sicher", brummte er.
Nell, ohne die Auge» vom Gesichte des Geliebten zu erheben, antwortete mechanisch mit weißen Lippen:
„Er liebt mich, Onkel. Er hat mich schon vor Wochen zum Weibe begehrt. Und wenn er heute hierher kam —"
„Nun? und was machte ihn kommen?"
Nell zögerte, dann gestand sie mit leiser Stimme: „Ich schickte nach ihm!"
George Claris murmelte seine Mißbilligung.
„Und was bewog Jem Stickels, nach ihm zu stechen? Ta sieh, ich hätte gedacht, daß es unter Dir wäre, Dir irgend etwas mit einem Kerl, wie dieser, zu schaffen zu machen. Doch hab' ich ihn neuerdings sich mehr als gewöhnlich hier 'rumtreiben sehen."
„Daran war natürlich nicht ich schüch", sagte Nell einfach. „Und 'natürlich hatte er kein Recht — nein, kein Recht —"
„Eifersüchtig zu sein? Das sollte ich meinen. Aber doch war er eifersüchtig, he?"
„Ich vermute es."
Eine kurze Stille folgte. Dann ergriff George Claris! wieder das Wort.
„Nun, Mädchen, es nützt nichts, mit den Weibern zu reden, weil sie ihre eigenen Wege gehen müssen, was man ihnen auch sagt. Du hast Dir aber zwischen diesen beiden Burschen eine gehörige Suppe eingebvockt und weder ich noch irgend ein Anderer kann Dir helfen, sie auszuessen. Und wisse, ich will nicht sagen, daß ich diesen Burschen aus dem Hause Wersen will, obschon ich große Lust dazu hätte. Aker wenn der Doktor sagt, er muß hier bettlägerig werden, so will ich nicht, daß Du Dir mit ihm zu schaffen machst. Du wirst sofort zu meiner Schwester nach London gehen. Hörst Du? Ich will ihn gut pflegen lassen, das will ich versprechen, aber es wird nicht durch Dich sein. Hörst Du?"
Nell willigte demütig ein. Solange Clifford 'nicht darunter zu leiden hatte, fühlte sie, daß es keinen andern Ausweg gäbe, als sich zu unterwerfen.
Onkel und Nichte wechselten bis zur Ankunft des Aerztes keine Worte mehr; dann hieß George Claris Nell sich den Hut aufsetzen und zu Miß Bostol gehen, wo sie zu bleiben hätte, bis er ihr ihr Gepäck schickte, um dann ohne Verzug nach London zu reisen.
Nun gab es keinen Ort, an den Nell jetzt nicht lieber gegangen wäre, als nach Shingle End. Denn war nicht die empfindsame Miß Theodora gerade die Ursache des Ausbruchs wilder Leidenschaft, der Cliffords Leben in Gefahr gebracht hatte? Wäre es nicht um Miß Bostals gutgemeinter, doch schlecht berechneter Ermutigung gewesen, so würde Jem Stickels niemals gewagt haben, zu glauben, eine Aussicht bei einem Mädchen haben zu können, was in jeder Weise so hoch über ihm stand wie Nell- Nun aber würde Miß Bostal sicher mit der natürlichen weiblichen Hartnäckigkeit sich auf Jems Seite gegen Clifford stellen, besonders wenn es ihr zu Ohren gelangt wäre, daß dieser auf Nells eigenes Ersuchen hierhergekommen war. So daß Nell langsamen zögernden Schrittes nach des Obersten Hause ging.
Alles kam, wie sie erwartet hatte, nur nahm Miß Bostal soviel mehr Anteil an Jem, als an Clifford, daß Sie darauf bestand, sich persönlich nach Jems Zustand zu erkundigen und daS widerwillige Mädchen dabei mit sich fortzog.
Anfangs weigerte sich Nell aufs bestimmteste, mitzu^ gehen. Sie gab aber nach, weil sie von den Selbstvorwürfen der spröden, kleinen, ältlichen Tame gerührt wurde, die sich ebensosehr Jems Unglück, wie Nell sich das Unglück Cliffords zur Last legte.
„Es war nur meine Schuld! Ich fühle, daß nur rch es über den armen Burschen gebracht habe —" war jetzt der Kehrreim der Klagen Miß Bostals, wie es vorher der der Klagen Nells gewesen war.


