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Sie vergoß sogar Tränen bei dem Gedanken, dem jungen Mann gegenüberzutreten, über den sie mehr als Unglück gekracht hätte, denn sie bestand darauf, seinen Angriff auf Clifford als ein Unrecht anzusehen, das nicht dem verhaßten Clifford, sondern vielmehr Jem zugefügt worden sei.

Nell sprach wenig auf ihrem Wege. Sie war einerseits des Geliebten wegen in großer Angst, während sie ander­seits kaum wußte, ob sie über Miß Bostals Ueberspanntheit lachen oder über ihren Kummer mit weinen sollte.

Tie kleine Hütte, in der Jem wohnte, war bald erreicht. Dem Pochen Miß Bostals wurde wider Erwarten von Jem in Person entsprochen. Es schien ihm nicht viel zu fehlen, außer einem Schnitt der unteren Lippe, der die Folge des Schlags war, mit dem ihn Clifford zu Boden geworfen hatte. Wenn sein körperlicher Zustand aber auch gut war, so war es doch alles, was zu seinen Gunsten gesagt werden konnte. Ein abstoßenderer Ausdruck boshafter Wildheit als der, den sein Gesicht zeigte, als er seine Besucher erkannte, ließ sich unmöglich vorstellen.

O, Ihr seid es also, Ihr?" war sein mürrischer Gruß, als er mit einem bösen Blick Miene machte, der Dame die Tür vor der Nase zuzuwersen.

Seine Gönnerin war aber zu der zärtlichen Antwort Bereit, die den Zorn beschwichtigt. Rasch vorwärts drän­gend und Nells Hand mit festem Griff in der ihren be­haltend, erzwang sie sich den Weg in die Hütte und der Tatsache nicht achtend, daß der Mann und die Frau, mit denen Jem zusammen wohnte, anwesend waren, redete sie den jungen Lümmel mit der sanftesten der Stimmen au: O Gott, mein Gott! schicken Sie uns nicht so von sich fort. Es tut uns so überaus leid, was Sie betroffen hat. Wir wünschen zu wisse«, ob wir nicht etwas tun können"

Nell blickte finster und versuchte hinauszukommen, ent­rüstet über den kriechenden Ton, den ihre Begleiterin ange­schlagen hatte. Und es war Nell, auf die Jems Augen starrten, als er die andere Dame unterbrach.

Nein!" brüllte er.Es ist jetzt vorbei mit dem Tun. Aber" und er erhob die Stimme und drohte wie einem eingebildeten Feinds mit der Faust, indem er Nell noch durchdringender ansah,ich will verflucht sein, wenn ihr nicht mehr als genug zu tun findet, um die Fragen zu beantworten, die man an euch Volk ihrer etliche stellen wird morgen früh!"

Nell hörte plötzlich auf, sich zu sträuben und richtete die Augen auf Jems geschwollenes und aufgeregtes Ge­sicht, in dem die Adern wie knotige Stricke hervor- tvaten.

Was meinen Sie, mein lieber junger Mann?" flötete Miß Bostal ni' den süßesten Tönen, weil ihre sanften Be­mühungen, das Ungeheuer zu beruhigen, mit jedem Augen­blick immer machtloser und unzulänglicher erschienen.

aA Sie wissen recht gut, was ich meine, oder Miß Claris wenigstens tnt's!" fuhr Jem in derselben Tonart fort und mit einer anmaßenden Dreistigkeit, vor der die kleine Miß Bostal sich wie vor einem körperlichen Angriff veranlaßt sah, ei« paar Schritte zurückzuweichen.Und wenn Sie's nicht wissen, so werden Sie's bald genug erfahren. Bin arad auf dem Wege dazu", hier erhob er die Stimme mit drohendem »Nachdruck,w ll nur meine Pfüfe und meine halbe Pinte erst chaben", und er zog seine geliebte Ton-, pfeife dabei aus der Tasche,dann geht's g'radeswegs in die Glocke" hinüber nach Stroan, um zu fragen, ob ein ge­wisser Herr aus London zu Hause ist."

Und ohne weitere Umstände kehrte Jem den Damen den Rücken, und zur Hintertür am entgegengesetzten Ende des Zimmers hinausschreitend, ließ er ihnen keine andere Wahl, als sich gleichfalls zurückzuziehen.

Nell war äußerst verdrossen, nicht nur über die Rolle, die man sie in dieser unangenehmen Szene hatte spielen lassen,, sondern auch über" ihrer Begleiterin unterwürfiges Benehmen und über Jems Roheit. Was seine Drohung, mit dem Geheimpolizisten zu sprechen, betraf, so schien es, daß sie sich nicht mehr darum sorgte, ob er sie ausführen würde oder nicht. Sie sprach auf dem Rückweg nach Shingle End nichts, und Miß Bostal, die vielleicht fühlte, daß sie sich vor dem jungen Raufbold mehr als schicklich gedemü- ttgt hatte, war ebenfalls schweigsam. Als sie das Haus er­reichten, stieß die ältere Dame einen leichten Seufzer aus und hielt sich an ihr gewöhnliches Trostmittel in Zeiten der Sorge.

Ich glaube, wir werden uns beide ungleich wohler

fühlen", zirpte sie, als sie die Hintertür vorsichtig mit dem Klinkenschlüssel öffnete,wenn wir eine Tasse Tee gehabt haben."

Es war etwa ein paar Stunden nach dem Schlüsse der Szene, die sich zwischen Jem und den beiden Damen abge­spielt hatte, und die Glocke aus dem Turm von St. Martin in Stroan hatte eben ein Viertel auf neun Uhr geschlagen, als ein kleiner Knabe in das Gastzimmer des Gasthofs zur Glocke" hereinstürzte und die Anwesenden durch den ver­störten Ausdruck seines Gesichts erschreckte. Er war sehr rasch gelaufen, und es vergingen einige Minute«, ehe er deutlich zu sprechen vermochte. Währenddessen waren der an ihn gerichteten Fragen so viele, daß das Durcheinander der Reden die Meldung des Knaben noch weiter verzögerte.

Es war Hemming, der Londoner Geheimpolizist, der endlich den Knaben der Gruppe von Neugierigen entriß, und sie zu warten bedeutete, bis er gesprochen hatte.

Mit einem neuen verstörten Blick keuchte der Knabe endlich hervor

Es liegt draußen auf der Straße der Courtstairs-- straße ein Mann ein wenig hinter dem großen Hause. Und ich sah ihn liege« und sprach ihn an und er gab keine Antwort und bewegte sich nicht und un un ich lies sogleich -fort, und bin hierhergekommen 's zu sagen."

Es war ziemlich ersichtlich, daß der Knabe nicht alles gesagt hatte, was er wußte oder dachte. Die Gäste eilten nach der Tür des Gastzimmers und in wenig Augen­blicken bewegte sich ein sickernder Strom von Menschen hinaus in die Dunkelheit über den kleinen Kai längs des kleinen Flusses, vorbei au den Barken, die der Löschung harrten, vorbei au dem alten steinernen Dore aus Stroans glücklichen Tagen. Ueber die nur eben fertig gewordene Brücke ging's zu zweien und dreien und draußen auf der ebenen Straße über die Marsch; zu ihrem rechtmäßigen Führer hatten sie den Geheimpolizisten Hemming gemacht, der aus Furcht, daß ihm der Knabe entschlüpfen könnte, diesen wie in freundlicher Kameradschaft beim Arme hielt.

Die Nacht ward finster, und einer von denen, die Hemming dicht folgten, trug eine Laterne, die zur Rechten und Linken einen Streifen tanzenden Lichts auf die weiße Sttaße, den Graben auf der anbern Seite, die weite Strecke der Marsch zur Linken und die einförmige Linie der See in der Ferne warf.

Gleich hinter demgroßen Hause", einem einsamen Wohnsitz, der auf flachem, vom Winde bestrichenen Grunde zwischen Stroan und dem Meere stand, trafen sie auf den Mann, der, wie es der Knabe beschrieben, zur Seite des Wegs lag mit dem Kopfe über den grasigen Rand hinaus- ha. aend, der jäh in de« Grabe« abfiel.

Da da liegt er!" flüsterte der Knabe heiser.

Hemming winkte -'"« Man« mit der Laterne heran, und «eben den daliegenden Mann auf dem Boden knie end, hob er diesem den Kops in die Höhe und beleuchtete sein Gesicht.

Es ist Sttckels? 's ist Jem Sttckels!" ries mehr als eine Stimme aus, als man das plumpe, finstere Gesicht des Fischers erblickte, der wohlbekannt in der Nachbarschaft war.

Hier gebt ihm hiervon etwas, 's ist Branntwein, sagte ein Mann, Hemming eine Flasche reichend. '

Der Geheimpolizist schüttelte aber den Kops.

Der arme Kerl! Er hat seinen letzten Zug schon getan'" sagte er.Er ist tot?"

13. Kapitel.

Wie die N a ch r i ch t n a ch Shingle End kam.

In dem kleinen Speisezimmer in Shingle End saßen Miß Bostal und Nell am Feuer, diese noch immer in Gedanken an Clifford versunken, während jene versuchte, die düsteren Träumereien ihrer Gefährtin durch ihr Ge­schwätz über das Betragen der Frau des Vikars und über den Preis der Gemüse zu zerstreuen.

Miß Bostal blickte von Zeit zu Zeit ängstlich in den Kohlenbehälter, geteilt zwischen dem Wunsch einerseits, sparsam mit dem Brennstoff zu sein, und anderseits ein gutes Feuer für die Rückkehr ihres Vaters bereit zu halten.

Wie spät er heute abend ist", rief sie jetzt aus, bei einem erstaunten Blick auf die Uhr.

Es war nahezu Zehn und der Oberst, der den größten Teil eines Wochentags enttveder in seinem Klub in Stroan