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die Posse gelungen war. Tie Generalin räusperte sich; es klang etwas nüchtern nach dem poetischen Erguß. Dann sagte sie ruhig und langsam:Mein gnädiges Fräulein, ich glaube, von Geben und Nehmen kann unsererseits in diesem Falle nicht viel die Rede sein. Herr Rauchmann hat doch ganz allein über sein Herz und seine Hand zu ver- sügen; wie er sich entscheidet, das muß maßgebend sein. Fällt seine Wahl zu Ihren Gunsten aus, dann soll es mich für Sie freuen"

Nein, nein, es ist zu spät. Ter goldene Staub ist von den Flügeln des Schmetterlings heruntergewischt. Eine volle, reine Kunst und ein volles, reines Herz, das ist mein Wahlspruch. Wenn ich ein Glück mir wünsche, daun ist es nur ein Glück, das ohne Reu' nein, nehmen Sie ihn hin!"

Sie konnte sich von diesem Satze nicht trennen, er klang ihr gar zu schön. Tie Generalin wurde jetzt ungeduldig. >,Mein Gott, ich will ihn ja gar nicht nehmen. Höchstens meine Tochter, und auch bei der wäre es noch höchst zweifel­haft. , Ich bin nur zu Ihnen gekommen, um Klarheit in eine verwickelte Situation zu bringen, und ich meine, wir können das ohne alle Tragik und ohne alles Pathos tun."

Oh, gnädige Frau, wie bewundere ich Ihren festen, ruhigen, klaren Geist. Ich muß Sie um Verzeihung bitten: Sie haben mich in meinem Schmerz gesehen. Aber bedenken Sie, ich habe ihn geliebt! geliebt! Und doch, ich werde versuchen, mich nach Ihnen zu bilden, auch so fest und ruhig zu sein. Oh, daß ich Sie Mutter nennen dürfte!"

Sie hatte die Hand der Generalin erfaßt und drückte einen Kuß darauf, doch war er sehr kurz, den» die Hand wurde ihr auffallend schnell entzogen.Da müßt' ich denn doch danken", murmelte die Generalin, aber sie bezwang sich wenigstens so weit, daß ihre Worte nicht ganz ver- stän blich wurden. Aufgestanden war sie schon vorher und sie rüstete sich mit kurzem, höflichem Abschied zum Gehen.

Bitte, sagen Sie Ihrer Tochter, gnädige Fran, daß ich ihr Glück wünschen lasse von ganzem Herzen. Als Rauchmann um mich warb, ach, verzeihe« Sie diese dummen Tränen, da habe ich ihm zur Antwort ge­geben:Nur die Herrliche von allen soll beglücken Deine Wahl." Möge er in Ihrer Tochter diese Herrlichste ge­funden haben. Ich werde in meiner Kunst meinen Trost suchen, und ich hoffe, daß sie mir kühlenden Lorbeer auf die wunde Brust legen wird. Sie aber, nehmen Sie"

Nein, bitte, bitte. Noch einmal hinnehmen kann ich ihn wirklich nicht. Es wäre das viertemal in ganz kurzer Zeit. Auch ich hoffe, daß die Kunst Ihnen Trost gewähren wird, wenn Sie dessen bedürfen, und ich bitte, mir diese Störung und die unerfreuliche Erörterung zu verzeihen."

Sie wandte sich zur Tür, uud während sie langsam, in dem von der Natur ihr vorgeschriebenen Tempo durch das Zimmer ging, vernahm sie hinter sich ein unartiku­liertes Schluchzen; es klang, als hätte die andere sich das Schnupftuch ziemlich tief in den Mund gesteckt. Plötzlich jedoch hörte sie sich noch einmal angerufen.

Ach, Iwan Generalin, eine einzige Frage noch. Das Leben ist so häßlich, in Poesie und Schmerz hinein mischt sich immer die abscheuliche Prosa." Die Sängerin war der Fortgehenden nachgeeilt, stand jetzt neben ihr und ließ den Kopf tränenmüde gegen den Pfosten der Tür zurück­sinken. So blieb sie einen Augenblick, als müsse sie neue Kräfte sammeln, die Angeu halb geschlossen, den Mund -offen, in einer Stellung, wie sie die Damen vom Theater sich für den Akt des Trauerspiels oder der Oper aufbe­wahren, in dem sie wahnsinnig werden müssen. Jetzt be­gann sie von neuem:Durch die Indiskretion der Zeit­ungen war die Sache, diese halbe Verlobung, ja bereits in den Staub ber Öffentlichkeit gezerrt worden. Wenn jetzt, mein Gott, die Sache ist mir so furchtbar peinlich! Man müßte doch, gnädige Frau haben wohl nicht zufällig Beziehungen zu irgend einem einflußreichen Journalisten?"

Nein, ich bedauere. Tie Artikel dieser Herren lese ich mit Vergnügen, sofern sie gut geschrieben sind, aber per­sönlich kenne ich niemanden. Auch denke ich darin ein wenig altmodisch, daß ich mit wichtigeit Angelegenheiten des Lebens zunächst nur innerlich fertig zu werden suche; das Aeußerliche findet sich dann meist von selbst."

Sie haben recht. Ich muß schweigend zu dulden suchen. Und wenn ich zusammenbreche, wenn diese Last zu groß für mich ist, was liegt an mir? Kurz ist der Schmerz"

Und ewig ist die Freude, jawohl. Also nochmals: Ber- zerhung für die verursachte Störung."

Jetzt gewann die Generalin wirklich die Tür. Sie war sehr rot im Gesicht, als sie den Rückweg zu ihrem Zimmer antrat.Wenn ich jetzt nicht gegangen wäre", murmelte sie vor sich hin,hätte die Person mir den ganzen Schiller vordeklamiert und noch ein paar aubere Klassiker dazu. Es wundert mich nur,daß sie ihren Wagner nicht mehr zitiert; der mnß für solche Fälle wohl nicht ausgiebig genug sein."

Sre hatte sich geärgert; tiefinnerlich war sie zugleich froh. Was sie gehört hatte, war nicht ungünstig für Edith, und sie brannte daraus, ihr die Unterredung mit der Sängerin zu erzählen. Aber Edith war noch nicht wieder zurück, uud sie kam auch im Laufe der nächsten Stunden nicht. Zunächst fügte sich die Generalin geduldig in das Warten, las ihre Zeitung, nahm ihre Handarbeit vor, schrieb ein paar Briese und fand bei diesen ruhigen Beschäftigungen ihren Humor soweit wieder, daß sie tu der Erinnerung au die Sängerin still vor sich hin lachen konnte.Au der verliert er uichts", uud sie liebt ihn so wenig, wie er sie geliebt haben kann; Theatertränen und Theatergefühle", das war die angenehme Erkenntnis dieses Morgens, und mit ihrer Hilfe blieb die Einsame bei guter Laune.

Als dann jedoch die Mittagsstunde ganz nahe war und Edith sich noch immer nicht blicken ließ, wurde ihre Mutter doch unruhig. Ter Sturm schien ihr noch lauter zu toben und mit seiner häßlichen Stimme ihr allerlei traurige Ge­schichten von Unglückssällen und Todesnot zu erzählen. CS duldete sie nicht mehr in der ruhigen Stellung, und sie begann int Zimmer umherzusucheu, als wenn ihr irgend einer von den Gegenständen Auskunft und Beruhigung zu geben vermöchte-. Dabei fiel ihr das Mich in die Hand, in dem Edith gelesen hatte; sie reiste selten, ohne einen Band Shakespeare mitzunehmen, und diesmal war der Hamlet" ihre Lektüre gewesen. Er lag aufgeschlagen da; der Monolog:Sein oder nicht sein", fiel der Generalin ins Ange, und sie las unwillkürlich die Worte:

Ob's edler int Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, ober

Sich waffnenb gegen eine See von Plagen

Durch Wiberstand sie enben. Sterben schlafen. .

Wer sprach bet vom Sterben? Warum tönten btefe Worte wie ber passenbe Text zu ber Musik bes Sturmes? Tie Getteralin lächelte, schüttelte ben Kops uub fühlte doch zugleich, wie ein Schalter ihr eiskalt burch bie Glieder lief. Es war Zeit, Edith mußte kommen! Wie konnte sie so lange draußen bleiben bei biefeut Unwetter, das gerade jetzt wieder mit großen, sprühenden Regentropfen gegen die Fenster schlug! Stimmen, Schritte, Bewegung int Hause, doch keine Edith! Die Mittagsglvcke ertönte, der Klang schrillte heiser durch das Hotel, die Gäste gingen plaudernd über Korridore und Treppen, und immer noch wartete die" Generalin voll wachseitder Unruhe vergeblich auf die Heim­kehr der Tochter.

Im Speisesaal nahm das Mittagsmahl feinen gewöhn­lichen Gang, bei dem Unwetter doppelt willkontmett als einziger Wechsel in der Monökbuie des düste rett Tages. Tie meisten redeten jetzt lebhaft, um sich über ihn hinweg- zutäuscheu, Rattchmann aber saß schweigend an seinem Platz. Tie Millerta hatte zu seiner Freude sagen lassen, daß sie leidend sei und auf ihrem Zimmer speisen werde, und so brauchte er sich mit lästiger Gesprächigkeit nicht zu be­mühen. Er brütete stumm vor sich hin und blickte erst auf, als sich gegen Schluß ber Essensstunde eine plötzliche uU- ruhe ber übrigen Gesellschaft bemächtigte. Ter eine flüsterte betn anderen etwas zu, bie Köpfe beugten sich erwartungs- voll vor, es war, als wenn einer ber Windstöße von draußen über sie dahinginge. Was ivar geschehen? Ein jeder fragte, horchte, erzählte weiter. Und nun kam mich zu Rauchmann die Nachricht, die alle übrigen bewegte, und die ihn traf wie ein Stich oder ein Stoß, schmerzhaft, betäubend: Edith Bessel wurde vermißt!

Für einen Moment fühlte er sich wie gelähmt; aber diese Empfindung verlor sich sofort und machte einer Spannung aller Kräfte Platz, als die Generalin jetzt, von Angst und Sorge getrieben, in den Saal trat und int Ge­fühl einer' innerlichen Zusammengehörigkeit sogleich ans die Stelle zuschritt, wo Rauchmann sah. Fragen und Teil­nahme bestürmten sie, man hielt sie auf, unterbrach ihren Weg, und doch war sie in ganz kurzer Zeit bei dem Sänger angelangt. Ihr volles Gesicht war entfärbt und schien älter und schlaffer; die Augen blickten unsicher suchend.Meine Tochter ist vor mehreren Stunden fort,gegangen und nicht