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«iahenden Vernichtung entgegen, und schaffen aus der sturm- dnrchtosten Höhe mit jähem Sturz hinab in die weißaufschäumenden Wogen.
Es ihnen nachzutun! Edith fühlte diesen Gedanken über sich Üommen wie eine von außen auf sie gelegte Last und schauerte zusammen. Sie schloß die Tur, blickte mit einem seltsamen Abschiedsgefühl noch einmal im Zimmer umher, dessen Gegenstände ihr in der kurzen Zeit vertrant geworden waren und durch die hier verlebten Stunden des Grams eine ernste Weihe empfangen zu haben schienen, — dann ging sie hinaus.
Auf- der Treppe kam ihr die Mutter laut atmend, in ungewohnter Hast, entgegen.
„Edith, wo willst Du hin?"
„Ich weiß nicht, Mutter. Hinaus, irgendwohin."
„Mas soll das heißen? Bei solchem Sturm! Kein Mensch denkt heute daran, fortzugehen."
„Ich muß."
„Nein, Edith, Du bleibst; ich erlaube es nicht."
„Sei mir nicht böse, wenn W ungehorsam bin. Ich kann die Luft hier nicht atmen."
„Dieselbe Luft, die Deine Mutter atmet?"
„Und er, auch er! Laß mich gehen, Mutter, ich kanu mit ihm nicht unter einem Dache sein!"
Ter schmerzliche Ernst in ihren Worten war fo, stark, daß die Generalin keine Entgegnung mehr fand. Sie ließ die Tochter, deren Gesicht in dem Dämmerlicht des Flurs geisterbleich erschien, an sicy vvrübergehen und sah ihr seufzend, kopfschüttelnd nach, als sie nun wirklich dre Haustür öffnete und auf die Landstraße hinaustrat.
Langsamer noch als sonst stieg die Zurückgebliebene die Stufen einpor. Sie war zu spät gekommen, das hatte ihr das Gesicht ihrer Tochter gesagt. Während sie noch unten gesessen und überlegt hatte, ob sie ihr von der Szene Mitteilung, machen solle, die bas ganze Hotel- beschäftigte, wußte ein anderer — oder eine andere, was wahrscheinlicher war — bereits in schonungsloser Weise die Neuigkeit an Edith überbracht haben.
In ihrem Zimmer wanderte die Generalin, die sonst das Gehen nach Möglichkeit vermied, unruhevoll hin und her. Aehnlich wie ihrer Tochter !oar auch ihr jede Unklarheit und Unsicherheit verhaßt, und gerade jetzt sah sie Edith und sich selbst in einen ivilden Strudel von lähmender Ungewißheit gestürzt. Sie hätte so gern geleugnet, was ■ sie mit"eigenen Augen beobachtet hatte, doch stand das Bild Rauchmanns und der Sängerin um so fester vor ihrer Seele, je mehr sie bemüht war, es von sich abzilwehren. Was hatte die ©gerne bedeutet, die sich nicht auslöschen ließ? Noch immer war ein Rest von Glauben an den Sänger im Herzen der Grübelnden, aber den Weg, ihn vor sich und anderen zu rechtfertigen, vermochte sie nicht zu entdecken. Sie forschte, sie suchte, sie fragte sich und gab sich selber Antwort, um schließlich mit ihren Gedanken an der Sängerin haften zu bleiben und ihre langwierige Ueberlegung dann mit einem raschen Entschluß zu beenden.
„Ich werde mir die Person einmal kaufen", — das war das Ergebnis ihres Grübelns, und sogleich ging sie auch an die Ausführung ihres Vorhabens, drückte ans die Glocke, um das Zimmermädchen herbeizurufen, und ließ sich bei Milk Millerta melden.
Tie Sängerin gab ihrer Freude über den Besuch mit etwas überschwängffchen Morten Ausdruck, indem sie ihr, den stattlichen Körper in den Hüften wiegend, lebhaft ent- aegenging, als die Generalin bei ihr eintrat. Tiefe prüfte das Gesicht, das sie hier zum erstenmal in der Nähe sah, mit einem ihrer klugen, ruhigen Micke und kam bei sich zu denk Resultat: „Tie gefällt mir nicht." In gleich aufmerksamer Weise betrachtete auch die Sängerin die Cinge- tretene und schloß ihrerseits die Prüfung mit dem Gedanken: „In die Ticke kann er doch unmöglich verliebt sein."
Laut sagte die Generalin ein paar entschuldigende Worte' über die Störung, die sie der — von der Bühne her ihr wohlbekannten — Künstlerin verursachte, kam damit jedoch nicht weit, denn die andere schnitt ihr, lebhaft einfallend, die Rede ab.
„Solche liebenswürdige Störukrgen sind uns erfreulicherweise nichts neues", sagte die Millerta mit sanftem Lächeln, „sie sind eines der schönsten Vorrechte unseres Standes. Wir gehören ja nicht uns, wir gehören der Welt, und wenn jemand uns persönlich kennen zu lernen wünscht, der uns
auf der Mihne gesehen und gehört hat, so ist das ein Erfolg, der mir für meine Person wertvoller ist als der kanteste Applaus und der schönste Lorbeerkranz."
„Ich bin überzeugt", sagte die Generalikk mit einem nur halb unterdrückten, ironischen Lächeln, „daß Sie an solchen Erfolgen, wie auch an anderen, noch manches Jahr sich erfreuen können. Was aber mich angeht, so muß ich leider gestehen, daß es nicht die Künstlerin, sondern die Dame ist, die ich in Ihnen suche. Oder — im fluten, altmodischen Deutsch: ich komme heute als Frau zur Frau."
Für eine Sekunde bekam die Sängerin eine flüchtige Aehnlichkeit mit der Citronendame; auch sie hatte etwas nicht ganz Süßes hinnnterzuschlucken. Nur um so sanfter, flötenähnlicher klang aber jetzt ihre Stimme.
„Gnädige Frau berufen sich da auf etwas Herrliches, das uns beiden gemeinsam ist: auf die Weiblichkeit. Sie treffen damit eine weiche Stelle in nceinem Herzen; denn im Leben wie in der Kunst ist sie mir imitier das Höchste gewesen, und wenn es mir vielleicht wirklich gelungen ist, wie die Kritiken verschiedener Weltteile behaupten, meinen Gestalten eine gewisse Poesie einzuflößen, so ist sie es, die mir geholfen hat: meine Göttin, die reine Weibliche feit."
„Wenn er die liebt, verdient er Prügel", sagte die Generalin zu sich selbst; vernehmbar aber fügte sie hinzu: „Sie bestärken mich nur in meinem Vorsatz, eine zarte Angelegenheit, die ich berühren muß, mit so zarter Hand wie möglich anzugreisen. Wenn es nicht ganz gelingt, so ist es nicht meine Schuld; denn es liegt mir daran, über eine gewisse Sache die Wahrheit festzustellen und in ihren Regionen weht mitnnter eine etwas scharfe Stift."
„Trotzdem bleibt sie das Höchste int Leben tote in bet Svunft."
„Wie vielerlei der ivohl das höchste ist?" fragte sich die Generalin. Tann sagte sie: „Int Leben gewiß. Meiner Meinung nach, gibt es kein Glück und kein Recht auf Glück ohne die Wahrheit. Tarnm lassen Sie mich gerade nnd offen sprechen. Sie, mein gnädiges Fräulein, sind nach den Berichten der Zeitungen seit einiger Zeit verlobt mit Ihrem Kollegen, dem Sänger Rauchmann —"
„Tie Walküre mit dem Wotan, jawohl."
„Nun aber, — sehen Sie, jetzt kommen wir in die Regionen, wo die Luft der Wahrheit scharf und schneidend wird, — nun aber hat dieser selbe Mann am gestrigen Tage meiner Tochter einen Brief geschrieben, in dem er ihr sagt, daß er sie liebt."
„O, mein Gott!" Milka stieß einen halb unterdrückten Theaterschrei aus und verhüllte ihr Gesicht mit den Händen. „Aha", dachte sie im stillen, jetzt wird's Tag. Di« arrogante Person hat 'ne Tochter."
„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wehe tun muß, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Künstlich zu lösen vermag ich diesen Knoten nicyt, ich muß ihn durchschneiden. Sind Sie gewiß, daß Herr Rauchmann Sie liebt —"
„Ich fürchte, er liebt mitt) nicht mehr."
„Aber Sie haben sein Wort, Sie sind mit ihm ver- ^^^,Was ist ein Wort? Ein Hauch, ein Nichts. Gefühl ist alles! Und wenn fein Gefühl für mich gestorben und ein gesargt ist, ich habe nicht genug Kraft, um Totes zu erwecken. Sollte er wirklich Ihre Tochter lieben —
Sie verstummte für einen Moment und preßte schluchzend noch einmal ihr Taschentuch an die Augen; sie brauchte ein paar Sekunden Zeit, um die einschlägige «zene ans „Kabale und Liebe" in Gedanken zu repetieren und sich die Teklamation verschiedener Luisen in dte Er in u c ri ntg z ui nck- zurufen. Sie war ein Jahr lang Schauspielerin gen es . ehe sie zur Oper ging, und aus jener Zeit haftete noch vieles in ihrem Gedächtnis.
ffekt nahm sie das Taschentuch von den Augen, hob die Arme mit wilder Theatergebärde undrief: ,'Nehmen Sm ihn denn hin! Das unerbittliche Schicksal hat zwei Herzen voneinander gezerrt, die Gott aneinander gebunden zu haben schien. Er liebt mich nicht mehr, — nehmen Sie thn denn hin. Aber vergessen Sie nicht, — ja doch, vergessen Sie alles, was Sie hier heute gesehen und gehört haben. Vergessen Sie das arme Geschöpf, das sich opfern muß, und feien Sie glücklich int Glück Ihrer ^.achter.
Sie hatte eine wunderschöne Stellung angenommen, eine bekannte Photographie steNte sie genau so dar, und Blick in die Spieaeltift des Kletderschrankes sagte ihr, £>aß


