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Dostal mit erstaunlicher Keckheit und Schnelligkeit die Stufen hinauf und hinter seinem Rücken hinaus, während er von der Hintertür aus nach dem Obersten ries.
Clisford verhielt sich still, doch schlug ihm das Herz. Er war aufs tiefste erregt, er horchte mit äußerster Spannung. Doch wußte er nicht, ob er wünschen sollte, daß das Mädchen entkäme oder der verdienten Strafe überliefert würde. Alles, dessen er inne wurde, war, daß die wenigen Augenblicke der Ungewißheit ihm endlos erschienen.
Dann ließ sich die Stimme des Polizeibeamten, gemäßigt und ruhig, wieder vernehmen: „Ist richtig besorgt, Sir. Er kommt schon."
Also war sie entkommen! Es war übrigens nicht mehr, als was von ihrer übermenschlichen List jit erwarten war. Und trotz allem Widerstreben fühlte er sich in hohem Grade befriedigt, zu ihrer Rettung mit bei- aetragen zu haben. Er konnte, wenn auch nicht dem Polizeibeamten, doch wenigstens dem Obersten mit freierem Herzen entgegentreten. Er nahm die Schippe, die ihm gereicht worden war, nnd erschien wieder mit den Kohlen im Speisezimmer.
Der Oberst sah ihn durchdringend an und schloß dann die Tür.
„Haben Sie sie gesehen?" fragte er leise.
„Ja. Sie ist glücklich entkommen", antwortete Clisford.
Der Oberst atmete erleichtert auf.
„Ich wußte, als Sie den Polizeibeamten nach mir schickten, daß es eine List von ihr wäre", sagte er. „Sie sehen, Mr. King", fuhr er fort, während der junge Mann vor Ueberraschung errötete, „ich kenne ihre Schliche. Ich habe — ein solches Ende — seit fünfundzwanzig Jahren erwartet."
Ein Ausruf, in dem sich! Erstaunen und Mitleid mischten, entfuhr Cliffords Lippen. Oberst Bostal erhob sich von seinem Stuhl, und, nachdem er ein Schränkchen in der Ecke des Zimmers geöffnet hatte, nahm er aus diesem eine alte Schreibmappe heraus, die er aufmachte, und aus der er Clrfford ein Bündel alter Zeitungsausschnitte überreichte.
Sie bezogen sich alle auf Fälle von „Diebsucht", die vor der Behörde in West End vor dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren zur Verhandlung gekommen waren und wobei eine junge Dame aus guter Familie von hoher Bildung der Ladendieberei angeklagt ivorden war.
„Sie beziehen sich alle auf meine Tochter", sagte der Oberst gelassen. „Und in allen haben wir ihre Freisprechung durchgesetzt mittels der Einrede, daß sie an Hysterie gelitten hätte, was auch wahr war."
„Dann ist sie also nicht für ihre Handlungen verantwortlich?" warf Clisford erleichtert dazwischen.
Der Oberst zögerte und sagte dann: „Frei heraus, so ist meine eigene Meinung, daß sie völlig verantwortlich ist. Sie ist eine hochbegabte Person und ihre Verschlagenheit und List sind unübertrefflich. In ihrer Natur ist eine moralische Entartung vorherrschend, die sie die Aufregung des Verbrechens suchen läßt. Das ist meine eigene Meinung. Ich nahm sie von London weg, doch überall, wohin wir gingen, drohte sie mich und sich selbst in Gefahr zu bringen. Endlich brachte ich sie hierher, wo sie, wie es schien, aus Mangel an Gelegenheit ehrlich sein mußte. Und bis vor wenigen Monaten glaubte ich, daß es mir wirklich gelungen wäre. Ich schwöre es Ihnen zu, daß ich bis zur Untersuchung wegen Jem Stickels nie einen Verdacht hatte, sie wäre in die Diebereien im ,Blauen Löwen' verwickelt. Als ich dann jedoch sah, daß es zwischen ihr und der armen kleinen Nell Claris läge, wußte ich- wer der Verbrecher war. Wie aber konnte ich es zur Anzeige bringen? Mein Herz blutete für das arme Mädchen, ich wußte jedoch, daß die Wahrheit herauskommen würde, und ich hatte nicht den Mut, dies M beschleunigen."
Lange herrschte Stille in dem kleinen Zimmer. Dann wagte es Clisford, zu fragen: „Wissen Sie, wohin sie gegangen ist?"
Der Oberst schüttelte mit dem Kopf.
„Alles, was ich wein, ist, daß was sie auch immer getan hat, es das möglich Beste für ihre Sicherheit ist. Ich kann ihr hierin vertrauen."
Clisford war ergriffen. Daß die kleine, abgezehrte Person ein Ungeheuer, ein unnatürliches und entartetes
Geschöpf ohne jedes sittliche Gefühl war, war klar. Der Oberst stand wieder auf, schloß seine Briefmappe zu und bot dem jungen Manne die Hand.
„Gehen Sie", sagte er ernst, doch gütig. „Sie haben alles, was Sie konnten, für mich — für uns — getan und ich danke es Ihnen. Jetzt müssen Sie uns unserm Schicksal überlassen. Und erinnern Sie sich dessen, was ich gesagt habe: es ist wenig Ursache, für meine Tochter zu fürchten."
So entlassen, nahm Clisford widerstrebend Abschied von dem alten Herrn und machte sich nach Courtstairs auf, wo er leicht Unterkunft für die Nacht fand.---
Arn folgenden Morgen bei Tagesanbruch langte in der Irrenanstalt der Grafschaft, sechzehn Meilen von Stroan, ein unheimliches Wesen an, ohne Schuhe, wildäugig, fast der Stimme von Kälte und Schrecken beraubt.
„Nehmt mich auf!" schrie das Geschöpf, als der Torwärter auf ihre Rufe kam. „Nehmt mich auf oder ich tu' mir ein Leid an. Nehmt mich auf! Nehmt mich auf!"
Es war Miß Teodora.
Kein Irrsinniger, der je in die Mauern der Anstalt ausgenommen ivorden war, hatte halb so wahnsinnig ausgesehen, wie sie. Die Aerzte untersuchten sie und rieten ihre Aufnahme an. Und als der Sturm über sie losbrach und die Steckbriefe die Anstalt erreichten, wurde von den Aerzten kein Zweifel mehr in Betreff ihres Wahnsinns erhoben. Sie wurde zwar pflichtgemäß vor die Behörde gebracht. Immer mit dem gleichen Erfolge. Sie lächelte, schwatzte, sie schien in völliger Unkenntnis ihrer Lage, völlig unverantwortlicb zu sein. Und schließlich wurde ihr gerichtliches Verhör aufgehoben, weil alle Aerzte bezeugten, daß sie unfähig, sicy zu verteidigen, wäre.
Und als bekannt gemacht wurde, daß Miß Theodora- so lange es Ihrer Majestät beliebte, eingesperrt werden sollte, erkannte jedermann die Gerechtigkeit dieser Entscheidung an, mit Ausnahme des Obersten Bostal, der zu Clisford, als sie allein waren, sagte: „Ich sagte Ihnen, daß sie davonkommen würde. O sie ist klug!"
Clisford selbst wußte nicht, was er denken sollte. Doch hatte er damals an etwas viel Angenehmeres zu denken, denn Nell Claris konnte nicht länger „nein" zu ihm sagen. Anstatt im Verdacht eines Verbrechens zu stehen, war sie jetzt eine Heldin. Es war Ehre und nicht Schande, die sie über ihren Gatten jetzt bringen konnte.
Nur eines hatte Clisford noch abzuwarten. Nell wollte ihren Onkel nicht eher verlassen, bis sein Verstand wieder ganz hergestellt wäre. Monatelang harrte sie des Wiedererwachens seiner Vernunft, indem sie ihn mit liebender Sorgfalt pflegte. Und als er, wieder im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, fähig war, in den ,Blauen Löwen' zurückzukehren, die Bäume in den Farben des Herbstes standen und der Wind über die Marsch fegte, führte Clisford seine schöne und süße Braut aus dem Gasthof am Strande hinweg. ___________
Mutterpslichten.
Von Laura F r o st.
Um Kinder zu erziehen, braucht man sehr viel Liebe, sehr viel Geduld und sehr viel Nachdenken. Es wird in heutiger Zeit gegenüber den Bestrebungen der Frauen für die Ausbildung oes weiblichen Geschlechtes ost von dem Instinkt der Mutterliebe gesprochen, der ganz untrüglich die Frau leite, so daß sie zu ihrer Hauptaufgabe, der Erziehung ihrer Kinder, keine besondere Ausbildung ihrer geistigen Fähigkeiten brauche, ja, daß unter einer solchen sogar die Naturwüchsigkeit und Unwillkürlichkeit des Instinktes leiden könne.
Demgegenüber möchte ich bemerken, daß wir den Instinkt mit dem Tier gleichermaßen teilen, und daß es ein Leichtes ist, die Aeußerungen unerzogenen Instinktes sich zu vergegenwärtigen. Das Tier, das sich dem Menschen am ähnlichsten zeigt, ist der Affe. Sein Name allein genügt, um unter der Bezeichnung „Affenliebe" uns alles vor Augen zu führen, was von Verkehrtheiten in der Erziehung nur geleistet werden kann. Niemand wird das Verfahren einer Mutter billigen, die ihr Kind küßt, wenn ihr eine Zärtlichkeitslaune kommt, die es unfreundlich von sich


