235
Miß Bostal runzelte die Stirn und zog die Lippen in unheilverkündender Weise zusammen.
Es hatte ihr lange an einer Gelegenheit gefehlt, Nell Vor dem leichtfertigen und weltlichen Clisford zu warnen, denn Nell war dem Gegenstand so geschickt und so hartnäckig ausgewichen, daß dies die erste Veranlassung war, die die ältere Dame gehabt hatte, ihrem Schützling ihre sehr entschiedenen Ansichten hinsichtlich seiner Aufmerksamkeiten wissen zu lassen.
Sie nahm jetzt den Don und die Haltung richterlicher Wurde an, als sie, leicht an den schwarzseidenen Handschuhen, die sie über ihren dünnen Fingern trug, zupfend, sich dazu anschjckte, eine feierliche Warnung an ihre junge Freundin zu richten.
„Ich bedauere, es hören zu müssen, meine Liebe, ich bedauere es seht, sagte sie. Dann, als Nell keinen Einwand «egen diese Antwort erhob, fügte sie in noch strengerem Tone hinzu: „Er hat Ihnen hoffentlich nicht geschrieben?"
„O doch, das hat er."
„Gott! Gott! Und Sie ließen es zu?"
Miß Bostals Strenge war jetzt mit Staunen und Entsetzen gemischt.
, „Ich konnte nichts anderes tun. Wenn jemand einen Vrref zu schreiben beliebt und ihn zur Post gibt, an die Con gerichtet, die, wie er wünscht, ihn erhalten soll, so
diese Person es nicht hindern."
„Doch wünschten Sie es zu hindern?"
„Nein."
Es bedurfte einiger Augenblicke, ehe Miß Bostal den Gleichmut, den sie während dieses Gesprächs verloren hatte, zuruckgewann.
hastig" doch für verständiger, Nell — Wahr-
Nell antwortete nicht sofort. Sie war, so gut sie die spröde alte Jungfer auch kannte, darüber von Staunen ergriffen, um wie viel ernster sie diese Kleinigkeit nahm, als die ungleich wichtigere Angelegenheit von Jems Drohung. Ihre Vorurteile waren so starr, ihr Gefühl für das, was schicklich war, so stark, daß Nell zu fühlen begann, wie unmöglich es sein würde, sie, wie weit man die Nachsicht auch triebe, zu überreden: daß die Tochter eines Gastwirts ein als passendes Weib für einen Gentleman zu betrachten sein könnte.
Obschon das Mädchen die Empfindung hatte, von der Haltung ihrer alten Freundin mehr belustigt als verletzt zu werden, so fühlte fte sich doch ein wenig erbittert; und es war nicht ganz ohne boshaftes Vergnügen, daß sie gelassen sagte: „Mr. King hat um mich angehalten."
Diese Worte wirkten wie ein elektrischer Schlag auf die bestürzte Dame, der ihr Vater nach reiflicher Ueberlegung sich entschlossen hatte, nichts von Cliffords Geständnis zu sagen. Sre starrte Nell an, als ob sie ihren Ohren nicht traute, faltete dann mit einer Art ruhiger Unterwerfung die Hände, und mit einem leichten Seufzer der Ergebung in die Einfälle einer tollen Welt bemerkte sie steif: „Und ich vermute, das ist, was man Fortschritt nennt."
Nell sah ihr schelmisch ins Gesicht.
„Aber Miß Theodora, was würde denn schlimmes dabei sein, wenn er mich heiratete, sobald ich es zuließe?"
„Sobald Sie es zuließen? Sie haben also das richtige Gefühl gehabt, ihn auszuschlagen?"
„Ich würde niemanden heiraten, solange dieses schreckliche Ungemach über Onkel George und mir verhängt ist", antwortete Nell stolz. „Wenn aber alles aufgeklärt wäre, warum sollte ich ihn dann nicht heiraten? Bin ich so unwissend, so ungeschickt, so ungesittet, daß ich ihm zur Schande gereichen würde?"
"Astoiß nicht. Ich habe nie so etwas angedeutet. Sie srnd hübsch,, was Sie vermutlich wissen, daher man es ohne werteres einräumen kann; Sie haben eine gute Er- zrehung genossen, Ihr Benehmen ist gut, ja sogar sehr gut, nrchtsdestoweniger kann ich es nicht billigen. Ich mißbillige entschieden dre meisten Heiraten von Leuten, die nicht der- selben Rangstufe angehören. Ich betrachte sie als etwas tm höchsten Grade Unerwünschtes und Gefährliches."
Und die Keine alte Jungfer warf sich empor, als ob sie erne Königin gewesen wäre, die irgend ein wichtiges Staatsgeschäft entschiede.
„Sie wollen damit sagen", fuhr Nell immer be- mstigter ihrerseits fort, „daß Sie eine Heirat, wie die eines Mannes wie Jem Stickels, und einem Mädchen wie ich
für schicklicher und erwünschter halten würden, als ein« Heirat zwischen Mr. King und mir?"
„Das tu' ich, gewiß."
Nell mußte ihr Gesicht verbergen, denn sie konnte bdi diesem Geständnis ein verächtliches Lächeln nicht unterdrücken.
„Kein Zweifel, daß Sie mich als altmodisch verlachen", sagte Miß Bostal mit Herbigkeit, „ich kann aber bei meinem Alter meine Grundsätze nicht ändern. Ich sagte Ihnen, daß ich die Schäden dieser ungleichen Verbindungen gesehen habe, den Hader und Zank, die aus ihnen entspringen; und es sollte mir in der Tat sehr leid tun, ein Mädchen, an dem ich so großen Anteil nehme, wie, an Ihnen, Nell, die Frau eines Mannes werden zu sehen, dessen Freunde und Angehörige auf sie nur herabblicken würden."
„Mr. King hat keine nahen Verwandten", sagte Nell sanft. „Und er sagt, daß er sie bei der Wahl seiner Frau nicht zu Rate ziehen würde, selbst wenn er sie hätte. Er sagt, er betrachte die Heirat eines Mannes, der alt genug ist, um etwas von der Welt gesehen zu haben, als dessen eigene Angelegenheit."
„Das ist immer die Meinung einer Klasse, die unter der Mr. Kings steht", entgegnete Miß Bostal; „zu meiner Zeit jedoch wurde es nicht für die schickliche Ansicht eines Gentleman gehalten. Bei ihm setzte man voraus, daß er ebensowohl Rücksicht auf die Gesellschaft, als auf sich selbst nähme; und man traute ihm zu, daß er zuviel Ehrfurcht vor seinem Range hätte, um unter diesem zu heiraten."
(Fortsetzung folgt.)
Briefe Bismarcks an seine Gattin.
Die Gartenlaube setzt in ihrem neuesten Hefte die Veröffentlichung von Briefen Bismarcks an seine Gattin aus dem Kriege von 1870/71 fort. In einem aus Versailles, 8. Oktober 1870, datierten Briefe heißt es in Bezug auf die Kavallerie-AttLcke bei Mars-la-Tour, an der beide Söhne Bismarcks im 1. Garde-Dragoner-Regiment teilgenommen hatten:
Das Kreuz haben die Dragoner, die mit unseren Jungen ritten, jeder einzelne verdient, und wir alle hier im Hauptquartier gehn ohne Scham und Gram damit umher; und in der Garde-Kavallerie sind die Kreuz« nicht nach den Erlebnissen, sondern nach den Regimentern verteilt worden, z. B. 4 Stück für die 1. G. Drag., eben- soviele für die Gardes du Corps, die sich gewiß ebenso brav wie die Dragoner geschlagen haben würden, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gegeben hätte, die aber nur bei Sedan ins Feuer kamen, dort 2 leicht Verwundete hatten, und nun mit ihren vier Kreuzen diese beiden und zwei andre brave Leute schmückten. Dafür kann der König wenig; er tut nach dem Anträge der Division (Goltz) und die Dragoner hatten eben niemand, der Anträge für sie stellte, weil ihre Stabsoffiziere und Rittmeister tot waren. Ich für mein Teil kann für meine Söhne nichts fordern, verdient haben sie es beide ohne Zweifel.
Dann erzählt er, wie ihn sein Sohn Wilhelm, der inzwischen zum Leutnant befördert worden war, „am 2. im Bette, mit Blumenthals Uniform und ftemden Hosen an", überfallen hatte;
„dazu hängte er Carl's Landwehr-Cartouche um, setzte meinen, nur in der Spitze nicht richtigen, Generalsbelm auf, und so nahm ich ihn mit zur Kirche, wo er sich vor Sr. M. meldete, der über den Anzug nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase halle, und dann ritt er mit Philipp über Lagny und Claye wieder in sein 3 Meilen entferntes Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und 2 P. Handschuh abgenvm- men zu haben, auch mit Cognac und Zigarren versehen."'
Weiter erzählt der Reichskanzler von einem Spazierritte
„um in der weichen stillen Herbstlust durch Louis XIV. lange grade Parkgänge, durch rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen und Marmorgöttern vorbei, Röschen eine Stunde zu galoppieren, und nichts Menschliches als Joseph's llapperuden Trainsübel hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie eS der Mätterfatt und die Einsamkeit in der Fremde mit


