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„Ich fühle mich sehr schuldig und beschämt", murmelte sie fast verdrießlich, „dem Mann gesagt zu haben, daß Sie fort wären, da ich doch wußte, daß Sie nicht weiter gegangen wären, als bis hierher; ich hatte jedoch von zwei Nebeln das kleinere zu wählen, denn ich fürchtete, daß Eie ein zweites langes, quälendes Kreuzverhör von ihm gerade jetzt nicht würden vertragen können."
„Sie hatten ganz recht. Miß Theodora, und waren so gütig, wie immer", sagte Nell herzlnch
Das arme Mädchen sah in der Tat ganz erschöpft aus, und die Worte, die sie hervorbrachte, schienen ganz mechanisch von ihren müden Lippen zu kommen.
„Kommen Sie in die Küche, Kind, wo es warm ist", sagte Miß Bvstal munter. „Ich will Ihnen eine hübsche heiße Tasse Tee machen, dann werden Sie sich wohler fühlen."
„5ft Jem Stickels denn fort?" fragte Nell furchtsam.
„Gewiß. Ich schickte ihn sehr schnell wieder fort."
„Glauben Sie" — stammelte Nell und fing an zu erröten und zu zittern — „glauben Sie, daß er dem — dem Geheimpolizisten etwas gesagt hat?"
„Das weiß ich wahrhaftig nicht, Liebe. Diese Männer sind so außerordentlich schweigsam, es ist unmögliche zu sagen, was sie wissen", antwortete die ältere Dame.
Nell beobachtete sie und schloß aus ihren Worten, daß Hemming ihr nichts Beunruhigendes gesagt hatte, denn Miß Bostals ganze Aufmerksamkeit war jetzt daraus gerichtet, die möglich kleinste Menge Tee abzumessen, die für zwei Personen ausreichen würde.
„Und überdies", fuhr Miß Bostal fort, nachdem sie die Teebüchse wieder zugemacht hatte, „was könnte Stickels ihm wohl zu sagen gehabt haben? Und welchen Glauben könnte er in die Geschichten des jungen Mannes wohl setzen?"
Nell blickte sie mit vor Verwunderung und vor Schrecken aufgerissenen Augen an.
„Sagte ich Ihnen nicht", sagte sie in heiserem Flüsterton, „daß Jem mir gesagt hat, er hätte den Dieb mit eigenen Augen gesehen? Er sagte, daß er Beweise beibringen könnte — Beweise!"
„Nun, nun, meine Liebe", gab die ältere Dame gefaßt zurück, als sie ihren kleinen braunen Teetopf zärtlich auf den Ofen zum Ziehen setzte, „und wenn er es tat? Ich selbst habe die Idee, daß Stickels eine Geschichte ersonnen hat, um Sie dahin zu bringen, sich mehr mit ihm abzugeben. Denn es ist klar, daß der arme Bursche wie toll auf Sie ist."
Nell machte eine Bewegung des Widerwillens.
„O, aber Sie sollten ihn nicht so hart behandeln; es wird ihn noch zur Verzweiflung treiben."
Nell erhob sich von ihrem Stuhl und nahm dicht an der Seite der Dame Platz.
„Miß Theodora", flüsterte sie mit einem Gesicht voll Furcht, „es geschah nutzt, um einen Vorwand zu einer Unterredung mit ihr zu erlangen, daß Jem mir das sagte. Er sagte mir — er riet mir — mich Ihnen anzuvertrauen — Ihnen mitzuteilen, was er mir sagte — und alles."
„Nun, meine Liebe, so sagen Sie es mir, wenn Sie es wollen", sagte Miß Bostal, die Hand freundlich auf die Schulter des Mädchens legend.
„Soll ich?"
Nells Gesicht sah leichenhaft in seiner aschigen Blässe aus.
„Nun, mein Kind, ja, natürlich, sagen Sie's mir. Frisch, frisch, was ist da darüber so elend zu werden? Wenn Sie wirklich glauben, Jem Stickels habe den Dieb gesehen und könne beweisen, wer es ist, so sollten Sie froh sein und sich sicher durch Ihre Herzensgüte nicht abhalten lassen, von ihm zu verlange:!, es zu bekennen."
„Wer, Sie wissen ja nicht — wer — wer — wie Jem meint, es gewesen ist."
„Ach, Sie müssen sich nicht den Kopf damit warm machen. Ein Dieb ist ein Dieb und sollte bestraft werden, und wenn es eine Person ist, die Sie kennen, so mag es Ihnen leid tun, doch dürfen Sie vor Ihrer Pflicht nicht zurückschrecken, die von ihnen, den Verbrecher der Gerechtigkeit zu überliefern, verlangt."
Nell entzog sich mit einem traurigen Lächeln der sie streichelnden Hand der Dame und schauerte zusammen.
„Setzen Sie aber den Fall — es wäre jemand, den Eie kennen — und lieben — was würden Sie sagen?"
Miß Bostal schüttelte den Kopf.
„Meine Liebe", sagte sie, „ich sehe nun, was es ist; Stickels hat Ihnen gedroht, dem Geheimpolizisten zu sagen, daß er beweisen könne, Sie seien der Dieb, und Sie lassen sich so von ihm einschüchtern. Doch Kind, Sie vergessen, daß hier jedermann weiß, er würde Me Welt für ein freundlich es Wort von Ihnen geben, und jeder wird einsehen, daß er diese Geschichte nur aus Rache für Ihre Nichtachtung seiner erfunden hat Sie sind ein Schaf, mem Kind, ein. kleines Schaf, sich, von so etwas martern zn lassen."
Nell holte erleichtert tief Atem. Dann stand sie auf.
„Sie haben mir eine große Last von der Seele genommen", sagte sie dankbar mit leiser Stimme. „Ith werde, obald ich ihn sehe, ihm sagen — was aber soll ich ihm ägen?" sagte sie, plötzlich wieder etwas von Furcht be- chlichen.
„Ich würde ihm, wenn ich Sie wäre, sagen, daß, was er gesehen hat — wenn er überhaupt etwas gesehen hat —i nicht Ihre Angelegenheit, sondern die der Polizei Wäre. Doch gleichzeitig, Nell, würde ich an Ihrer Stelle nicht so unfreundlich gegen den armen Burschen sein. Ich wurde, diesen Wend ganz gerührt von der Art, mit der er von Ihnen sprach. Ich glaube, er würde die rechte Hand für Sie geben, das glaub' ich, wahrhaftig. Und obschon es mich nichts angeht, Liebe, so denk' ich doch wirklich, daß Sie im wahren Sinne die Gelegenheit, Gutes zu tun, vernachlässigen- wenn Sie ihn nicht auf den besseren Weg bringen. Ihr Einfluß kann noch aus ihm einen guten Menschen machen, meine Liebe, wahrhaftig, das glaub' ich."
Doch Nell runzelte stolz die Stirn.
„Sie sind selbst so gut. Miß Theodora, daß Sie nicht Leute zu beurteilen imstande sind, die Ihnen nicht gleichen. Jem hat genug Gelegenheit gehabt, sich zu bessern. Er zieht es aber vor, sich müßig herumzutreiben, statt in See zn gehen."
„Doch geschieht es ja nur, um Ihnen nahe zu bleiben,, Liebe", entgegnete hartnäckig die empfindsame alte Jungfer., „Ich will nicht sagen, daß der junge Mann in irgend einem Sinne Ihresgleichen ist. Doch glaube ich, daß wenn Sie sich wirklich etwas ans ihm machten —"
„Aber ich tue es nicht", verwahrte sich Nell verächtlich. „Ich habe keinen Augenblick ernstlich an den Menschen gedacht, außer mit dem Wunsche, daß er für immer von hier fortgehen möchte; und wenn er sich erfrecht hat, zn sagen, daß ich ihm je die geringste Ermutigung gegeben hätte —"
„Tas hat er nicht — das hat er nicht!" rief die alte Jungfer hastig. „Er hat sich immer nur sehr bescheiden und unterwürfig gezeigt —"
„In Ihrer Gegenwart", fügte Nell mit Betonung hinzu; „doch wenn Sie nicht zugegen find, vermißt er sich, roh und selbst eifersüchtig zu sein! Als ob er hierzu das leiseste Recht hätte!" fügte sie zornig hinzu.
Miß Bostals Lippen zogen sich mißbilligend zusammen.
„Ich sehe wohl, wie es ist", sagte sie. „Der arme Jemi hat recht. Er klagt, daß Sie sich von den jungen Leuten, die im Herbst hier waren, den Kops hätten verdrehen lassem Er sagt, daß sie kein gutes Wort mehr für ihn gehabt hätten seit dem Hiersein jenes überaus weltlichen und frivolen jungen Mannes, der sich Clifford King nennt."
Nell richtete sich empor. Miß Bostal sah die Bewegung und begriff etwas von ihrer Bedeutung.
„Natürlich weiß ich daß Sie nicht so einfältig finty alles zu glauben, was ein müßiger junger Mann einem Mädchen von so schönem Aussehen wie Sie sagt, meine liebe Nell; aber andererseits ist da stets die Gefahr — die eine sehr natürliche ist —, daß man glaubt, er meine damit doch viel mehr, als er tut. Was er wirklich im Sinne trägt,; ist, sich für einige Tage auf Ihre Kosten zu belustigen, vielleicht zu versuchen, Sie glauben zu machen, daß er sich wirklich etwas aus Ihnen macht; doch wenn er nur einmal zurück in der Stadt bei seinen Freunden und seiner Familie ist, so denkt er des kleinen Mädchens nicht weiter, das €$ an einem Rasttag umschmeichelte."
Ein kleines boshaftes Lächeln stahl sich hier über Nells Gesicht.
„Mr. King hat meiner, seit er hier fort ist, gedacht. Miß Bostal", sagte sie ruhig, indem sie der spröden Dame einen schelmischen Blick zuwarf und dann wieder bescheiden ins Feuer sah.


