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nun auch mit unserer Scheidung vor der Hochzeit machen. Wie wär's, wenn wir uns zankten, hier, jetzt gleich?"
„Da bin ich dabei. Dir einmal alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, das könnte mir passen."
„Also gut: erst ein Krach, dann eine Versöhnung, dann ein größerer Krach."
„Die Versöhnung streichen wir."
„Oh> nein, das wäre unnatürlich!. Liebespaare trennen sich in mehreren Akten. Vorhang auf, erster Akt!"
Sie stand vor ihm, lächelnd, erwartungsvoll; der Sturmwind machte eine kleine Pause, als lauschte er auf das, was kommen sollte. Da Wotan jedoch nicht sprach, sondern sich! nur schweigend auf die Unterlippe biß, nahm die Millerta wieder das Wort.
„Nun, ich warte. Du hättest mir allerlei zu sagen, dächte ich?"
„Das hätte ich allerdings, wenn ich wollte." Er sprach ganz langsam, grollend, mit einem finsteren Ton in der Stimme. „Ich könnte Dir sagen, daß Du mich zu einem frivolen, niederträchtigen Spiel verleitet hast. Zum Spiel mit einer Sache, mit einer Empfindung, die viel zu ernst und zu groß für solch!e Erniedrigung ist. Daß Du —"
„Gut gedonnert, Wotan. Nur noch etwas lauter."
„Ich könnte Dir sagen, daß ich hier ein anderer Mensch geworden bin und schon jetzt, nach so kurzer Zeit, der Welt wie ein Fremder gegenüber stehe, in der ich früher mit Dir gelebt habe. Daß ich etwas Neues und Herrliches hätte finden können, und daß Tu — Du —"
„Komm ein wenig weiter hierher. Da sehen die im Speisesaal uns besser."
„Aber das alles wären weggeworfene Worte. Wozu soll ich Dir sagen, was Du nicht fühlst und nicht verstehst?"
„Oh, ich- verstehe vielleicht mehr, als Du denkst. Wie heißt sie denn?"
„Wer? Was meinst Du?" Jetzt klang seine Sprache wirklich dem Donner verwandt, und auch die Blitze waren da, die zum Donner gehören; sie zuckten aus seinen Augen hervor.
„Ich! meine, daß 'bei solch einer Veränderung eines Mannes in so kurzer Zeit unter allen Umständen eine „Sie" im Spiele ist, Sonst warst Du ein ganz vernünf- figer Menschi, und jetzt —"
„Und jetzt?"
„Jetzt bist Du verliebt nach allen Regeln der Kunst, bis an den Hals, bis über die Ohren, rettungs- und hoffnungslos. dkun, Wotan, bin ich! so dumm, wie Du geglaubt hast?"
„Tu bist ärger als dumm; Du bist frech!!"
„So ist es gut, so ist es famos! Paß aus, jetzt komrnen die Tränen."
Sie zog ihr Taschentuch! hervor und preßte die im Winde flatternden Spitzen an ihre Augen.
„Laß die Kom-ödre, laß es endlich gut sein. Ich! will Wahrheit und Natur, hier hab' ich sie lieben gelernt. Tu aber bist eine Parodie auf beide."
„Ach, W!otan, Liebster, nimm mich, wie ich bin. Denn Tu bist eigentlich doch ein reizender Kerl!" Ehe er sich's versah, hing sie ihm am Halse und küßte ihn gerade vor dem Fenster des Speisesaales, an dem Fräulein Häseler seit geraumer Zeit schon stand. Ein kleiner Aufschrei drinnen war das Echo des Kusses.
Wotan wollte die Zudringliche zurückstoßen, aber sie hatte ihn so geschickt umarmt, daß es nicht gleich gelang. Während er noch bemüht war, sich zu befreien, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Das war Gruppe zum Aktschluß. Und nun addio, caro mio, — ich krieg es doch noch heraus, wie sie heißt."
Damit gab sie ihn frei, wandte sich! rasche und verschwand im Hause. Langsam, die Röte des Zornes auf dem finster verzogenen Gesicht, folgte er ihr nach.--
Fräulein Häseler war in großer und angenehmer Aufregung. Ter Anblick des Kusses, den sie soeben per distance hatte mitgenießen dürfen, ließ ihre (Stimmung noch rosiger werden, als sie, dem grauen Sturmtag zum Trotz, vorher bereits gewesen war. Sobald Rauchmann und Milka sich aus ihrem Seehkreis entfernt hatten, erzählte sie zunächst den im Speisesaal Versammelten das, was sie erspäht hatte, bis aufs kleinste genau. Und alle — die Generalin ausgenommen — hörten es mit Behagen noch einmal erzählen,
obwohl sie-selbst es ebenso gut gesehen' hatten wie die Zitronendame. Tiefe durchstreifte sodann, als ihr Wirkungskreis hier erschöpft war, das Bauer mit dem Papagei im Arm, die übrigen Gesellschaftszimmer des Hotels, suchte die dorthin versprengten Gäste auf und Unterhielt auch sie mit ihren Neuigkeiten, um endlich- zu Ediths Gemach hinaufzusteigen und dort an die Tür zu pochen.
(Fortsetzung folgt.)
Weiynachls-Litieratur.
— Richard Voß: Ein Königsdr-rm'ä. Roman. Engelhorns allgemeine Romanbibliothek, Stuttgart. Tie Inspiration zu diesem Roman hat der Verfasser unzweifelhaft durch die Vorgänge am bayerischen Hofe erhalten; aber er hat den Stoff behandelt wie ein echter Dichter,, nicht in slavischer Nachahmung der geschichtlichen Ereignisse, sondern in durchaus freier Gestaltung, indem er Fäden nach- Belieben löste und knüpfte, um schließlich ein mit feinster Kunst geschaffenes Ganzes herzustellen. Cs reizte! Richard Voß, die Entwickelung des Cäsarenwahnsinns von seinen geheimsten Ursprüngen an aufzudecken und bis zurN erschütternden Ende durchzusühren, und sein Vorhaben ist ihm völlig gelungen. Dadurch daß er seinem Roman die Form eines Tagebuches gab, war es ihm möglich, in die geheimsten Tiefen des Seelenlebens dieses unglücklichen Prinzen hinabzusteigen, die ersten schwachen Keime des beginnenden Wahns bloßzulegen und mit Spannung das Anfwuchern des Uebels zu schildern, das durch nichts er- strckt werden kann, dessen Bekämpfung ein rührend gezeichnetes edles Mädchen aus dem Wolke vergeblich ihr Lebensglück opfert. Aber nicht nur stofflich ist dies Werk geeignet, weiteste Anteilnahme zu erwecken. Richard Voß zeigt sich auch hier wieder als Meister des Stils, der jeder Regung des Gemüts den passenden Ausdruck zu geben vermag.
„T i e g e s e l l i g e H a u s f r a u" ist soeben bei Eduard! Bloch, Berlin, in sehr eleganter Ausstattung erschienen., Verfasserin ist Isa v. d. Lütt, reizvolle Beiträge hast Georg von Bemming geliefert. — Tas flotte Büchlein bringt im ersten Teil in amüsantem Geplauder allgemeine Ratschläge und originelle Neuheiten für Bazare und andere! Feste. Es weist hin auf den inneren Gehalt, den die gesellige Hausfrau ihren Gästen bieten sollte, und regt sie helfend dazu an, diese Pflichten im einfachen, wie int reichen Hause erfüllen zu können. Jin zweiten Teile bringt es für große und kleine Kreise Aufführungen und Untere Haltungen, den verschiedenen Jahreszeiten und Festen entsprechend. Den Schluß bildet eine originelle Einführung des „Ueberbrettls in den Salon". Es folgt ein hübsches, vollständig durchgeführtes Brettlprvgramm. Das Buch dient sowohl großer, als intimer Geselligkeit.
Wortspielrätsel.
Nachdruck verboten.
Tut man's bei Andern, Ist bald gebrochen der Mut. Tut man'es andern, Kommt man um Geld und ®ut. So oder so ist man ein Trops Und hat das Wort mit anderm Kopf.
Auflösung in nächster Nummer.
Aufllösung des Zahlenrätsels in vor.: Nr.
25
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21
18
22
26
23
24
19
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 179
b. Stern, Reue, Alm, Hering, Eber, Aster, Range, a, Dstern, Treue, Halm, Ehering Leben, Laster, Drange. ■ Othello.
Die Gewinner sind: AlbertBötz,Gießen, Grünber» g erstraße 29 1,1. Preis: General Christian de Wet „Der Kampf zwischen Bur und Brite," mit Karten und Illustrationen. Käthe Winterstein, Gießen, Ebelstr a ß e 13, 2. Preis : Königin Louise von Elisabeth Halden, mit Titelbild in Lichtdruck.
Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Avonne- rncntsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Eteindruckcrci. R. Lange, Gießen.


