Ausgabe 
21.12.1903
 
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mit herunter gebracht, weil sie behauptete, daß -er sich vor dem Unwetter fürchte, und scherzte mit ihm in sehr jugend­licher Art, indem sie zuweilen einen bedeutungsvollen Blick auf ihren Nachbar warf. Ter mußte wohl an ihrer Heiter­keit beteiligt sein; denn Polly konnte sie unmöglich Hervor­rufen, da er in bösartiger Weise mit dem Schnabel auf alles einhackte und noch abscheulicher schrie als sonst.

Bald erfuhr auch die Generalin, wie diese Heiterkeits- oase in der Wüste der allgemeinen Mißlaune zustande ge­kommen war. -Ter Oekonomierat, der sonst nach eigener Erklärung schon ziemlichknackstieflig" war, erhob sich mit merkwürdiger Gelenkigkeit und setzte sich neben die Ge­neralin, der er nun unmittelbar ins Ohr sprach. Er hatte sich das bei Fräulein Häseler angewöhnt, ohne die An­nehmlichkeit der Unterhaltung dadurch zu erhöhen.

Wahrhaftigen Gott, Frau Generalin", sagte er mit einem strahlenden Gesicht,wenn Sie im Mittelalter ge­lebt hätten, man hätte Sie als Hexe verbrannt."

Sie faßte nach dem Grundsatz, an diesem Tage deni Himmel für jeglichen Anlaß zur .Heiterkeit dankbar zu sein oie Sache von der humoristischen Seite auf und lachte herzlich9hin, da ist es ja ganz gut, daß ich ein wenig verspätet zur Welt gekommen bin."

Is es auch is es auch! Un nich nur für Die, auch für andere. Ich meine ja natürlich nich so 'ne Hexe, wie man sie so eine auf 'm Besen, nee. So 'ne andere, so 'ne gute, die man ja aus Versehen mit verbrannt hat Tenn wissen Sie, Ihr Rezept hat ganz merkwürdig ge­holfen."

Mein Rezept?"

Na, Sie haben doch zu mir gesagt" Er faßte mit der Hand in gewohnter Weise an seine Kehle und machte Mit deni Kopfe nach Fräulein Häseler hin so gewaltige Bewegungen, als wollte er ihn durchaus an eine andere Stelle, vielleicht zur Abwechslung einmal auf die linke Schulter, versetzen.

So, ich verstehe. Sie haben ihr weiter ein wenig sagen wir: vor phantasiert?"

Hab' ich getan 'ne, hab' ich getan 'ne!" Wvnn er ganz lebhaft wurde, so verwandte er das unerklärbare An­hängselne" der alten, eingefleischten Hannoveraner, das so ungeheuer ordinär klingt.Un es hat geholfen, wahr­haftigen Gott! Ter Proppen is kleiner un kleiner qe-

^Jen förmliches Wettrennen mit meiner ÄIlarbliKjcI gemacht. Und heute morgen, heute, bei dem wäre^ sie mir zuerst gesagt, daß er ganz weg

Tas ist ja ein sehr schöner Erfolg."

m. mein einmal großartig, nich wahr? Un was 's Riesigste is, es hat nich ihr alleine geholfen nee, nich ihr allema Ob es nu so 'ne Art Sympathie is oder was!, 77 u» ob Sie's nu glauben oder nich: meine Billardkugel rs auch weg." a

Wirklich?"

Wahrhaftigen Gott! Reine weg! Un bei dem Wetter, wo sie doch sonst gewesen wäre wie 'ne Kanonenkugel weg biste, Fritze!" a

Ta gratuliere ich von Herzen."

,Na, ich habe erstemal zu danken. Tas haben Sie wirklich ganz großartig gemacht, Frau Geiieralin. Aber nu is r man bloß noch eine Sache bei, ich will doch abreisen in n paar Tagen, und wenii es nu Sympathie gewesen is, u,nd ich sehe Fräulein Häseler nich mehr, sie hört nichts, das is 'ne gute Eigenschaft, un ich Sache " bCmt toieber' ba§ wäre doch 'ne ganz verteufelte

lieber das Gesicht der Generalin ging das Wetter- verwiU etlKh. herzlichen Heiterkeit, daß sie redlich Erteilt für die ganze mürrische Gesellschaft auf eine Stunde hinaus gereicht hätte. ' 1

Da gab' es doch ein Mittel."

'N Mittel?"

das STäuleh,*"*** - **** ®*

Nehmen, nehinen? Wieso denn nehmen?" Heiraten."

Um Gottes willen, sprechen Sie nich so laut!"

>,Sie kann's ja nicht hören."

So was hört 'nen Frauenzimmer unter allen Um- wenden un wenn et Watteproppen in 'n Ohren hat, noch dreimal so dick wie der, den sie im Halse gehabt hat.

Sehen Sie, sehen Sie, sie guckt schon her. Nee, heiraten? Nee, nee, nee heiraten is nich."

Ich weiß nicht, was ich vorziehen würde."

Nee, sehen Sie, Frau Generalin, sechsundsechzig bin ich nu in Ehren alt geworden und habe wohl schon zwei­hundert weibliche Angriffe tapfer abgeschlagen, un da sollt' ich nu jetzt um die Billardkugel die Häseler, nee, nee, setzen Sie mir man keinen Floh ins Ohr!"

Tie Generalin wollte lachend noch etwas erwidern, aber in diesein Augenblick wandte die Besprochene ihr sauer­süßes Gesicht zu ihnen her gnd rief sehr freudig:Sie, Herr Oekonomierat, eben hat er nämlich Philipp gesagt."

Da vom gelehrigen Polly die Rede war, dessen kreischen­des Geplapper seine Herrin sehr gutwillig ergänzte, und da der Oekonomierat selbst mit Vornamen Philipp hieß> so erschrak er nicht wenig. Er beugte sich noch näher als zuvor zu der Generalin hin, und sagte mit angstvoller Stimme:Wahrhaftigen Gott, sie ahnt was! Sie legt mir schon Fallstricke!"

Damit stand er auf, machte ein paar sehr hastige Ver- .beugungen nach den verschiedenen Seiten und verschwand in fluchtartigem Rückzug aus dem Zimmer. Sein Auf­bruch wurde jedoch nur wenig bemerkt; denn die Gesell­schaft war gerade jetzt durch einen anderen, viel inter­essanteren Anblick gefesselt.

Im Garten, unmittelbar am Hause entlang, wanderten Rauchmann und die Millerta auf und nieder in eifriaem! Gespräch. Dort war ein schmaler Streifen durch das vor­springende Dach gegen den in Schauern vom Sturm herab gejagten Sprühregen einigermaßen geschützt; hier konnte man auch bei schlechtem Wetter frische Luft schöpfen, wenn man die aus allen Fenstern des Speisesaales, des Musik- und des Lesezimmers hervorschauenden neugieriaen Augen nicht schenke. Tie beiden, die gegenwärtig dort auf und ab spazierten, kümmerten sich scheinbar durchaus nicht um sie; nur nach oben, nach den Zimmern der Generalin und Ediths, warf Rauchmann mitunter einen flüchtigen Blick, wenngleich er sich sagte, daß nichts mehr zu verlieren sei.

Am vorigen Abend hatte er die Sängerin zu vermeiden gewußt, jetzt aber hatte sie ihngestellt". Sobald sie ihn un Garten erblickt hatte, war sie herabgekommen und hatte den Versuch gemacht, ihre von Riiigen strahlende Stonö ni seinen Arm zu schieben. Sein hastiges Zurücktoeichen hatte den Anlaß zu einer ziemlich erregten Debatte ge­geben, die auch jetzt noch fortdauerte.

Endlich blieb die Millerta stehen, hob die langstielige Lorgnette empor, die sie der Mode gemäß trug, obwohl sie vortreffliche Augen hatte, und sah Ranchmann scharf ins Gesicht. z "' '

Also Du willst nicht?"

z/)te in.z/

Definitiv nicht?"

Nem."

Tann lassen toir's ruhen. Nur keine zwecklose Er­regung, das verdirbt den Teint und den Magen. Im Grunde kann ich Tir's nicht übel nehmen, ich würde mich auch nicht heiraten, wenn ich ein Mann wäre. Es war nur so ein Versuchsballon, tote sie's in den Zeitungen nennen; ich finde schon noch einen anderen Dummen, der mich nimmt."

Da mußt Du sehen, daß die Portion von der ge- toünschien Gottesgabe nicht zu klein bei ihm ist."

Laß mich nur machen", sprach Millerta zu Rauchmann. Wenn aber aus der Sache nichts werden kann, mein Gott, dieser Sturm ist wirklich abscheulich, mir müssen rasch zum Schluß kommen, also, wenn wir unser so ideales Verhältnis schon so rasch wieder auflvsen müssen, dann haben wir wenigstens auf einen guten Abgang zu denken. Tie Verlobungsnachricht hat sehr gut gewirkt, ich bin oft darauf angesprochen worden, und auch die Ein­nahmen waren sehr nett, man hat eben wieder mehr Interesse für mich. Wie kommen wir nun am besten aus­einander ?"

Wir Reichen uns höflich die Hand und sagen höflich Lebewohl."

Was fällt Dir ein? Die Sache muß doch in Szene gesetzt werden. Wenn man einen so schönen Bräutigam auf­gibt, hat man natürlich Anspruch auf Entschädigung."

Entschädigung, wieso?" Er war sehr düster, mürrisch und wortkarg während des ganzen Gesprächs.

Ein bisserl Lärm, ein bisserl Aufsehen. Um der Re­klame willen haben wir uns verlobt; ReK«nie müssen wir