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Stelle, die man dort dem kleinen Guck'loche in der Laden­tür nicht übersehen konnte, waren sämtliche Wertgegen­stände verschwunden, überall sonst befand sich alles in dem Zustande, worin es vorher gelassen worden war, und, abgesehen von einer Reihe von beschädigten Türen hinter dem eisernen Rollladen, einer Flasche Wein und einem Kistchen Zigarren, die von unbefugten Händen be­rührt worden waren, einem sehr schwarzen Handtuch im Maschraume, hier und da einem halbverbrannten Streichholz und unseren Fingerspuren auf dem staubigen Treppengeländer, ließen wir kein Zeichen unseres Besuches zurück.

Ob ich mich schon lange mit diesem Plane beschäftigt habe?" fragte Rafsles, als wir beim ersten Morgengrauen wie zwei von einem Balle Heimkehrende durch die Straßen schlenderten.Nein, Bunny; ich habe nie daran gedacht, bis ich vor etwa einem Monat sah, daß der obere Teil des Hauses leer stand, was mich veranlaßte, einige Kleinig­keiten im Laden zu kaufen und die Ortsgelegenheit aus­zubaldowern. Darüber fällt mir ein, daß ich die Sachen noch nicht bezahlt habe, aber, bei Gott, das werde ich morgen tun, und wenn das nicht Spitzbuben-Gerechtigkeit ist, so möchte ich wissen, ob es überhaupt welche giebt. Mein erster Besuch zeigte mir, daß etwas zu machen sei, aber bei meinem zweiten überzeugte ich mich, daß es ohne Helfershelfer nicht gehen würde. Deshalb hatte ich den Gedanken eigentlich schon wieder aufgegeben, als Sie mir gerade am rechten Abend und in der rechten Stimmung in den Weg liefen! Aber hier sind wir am Albany! Hoffentlich brennt das Feuer noch, denn wie Ihnen zu Mute ist, Bunny, lveiß ich nicht ich friere wie ein Schneider."

Nachdem er eben ein Verbrechen begangen hatte, sehnte sich dieser Mensch nach einem behaglichen Stündchen an seinem Kaminfeuer, wie ein gewöhnlicher Sterblicher! In mir aber tobte eine Flut von Empfindungen, und wenn ich unserem Abenteuer seinen richtigen nüchternen Namen gab, hatte ich das Gefühl, als ob ich mit einem Strome eiskalten Wassers übergossen würde. Rafsles war ein Einbrecher, und ich hatte ihm geholfen, ein Ver­brechen auszuführen, folglich war auch ich ein Einbrecher. Und doch konnte ich es über mich gewinnen, an seinem Feuer zu stehen, mich zu wärmen itnb zuzusehen, wie er seine Taschen leerte, als ob wir nichts außergewöhnliches und sündhaftes begangen hätten!

Das Blut erstarrte in meinem Adern, mir wurde übel, und alles ging mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. Wie gern hatte ich diesen Schurken gehabt, wie hatte ich ihn bewundert! Jetzt mußte sich jedoch meine Neigung und Bewunderung in Abscheu und Verachtung verwandeln. Ich wartete auf diesen Umschwung meiner Empfindungen, ich sehnte mich danach, ihn im Herzen zu fühlen, aber ich wartete und sehnte mich vergebens.

(Fortsetzung folgt.)

Die Geschichte des Koh i noor.

Aus Harpers Monthly Magazine übersetzt.

(Nachdruck verboten.)

Wenn die Geschichte Indiens in Tränen geschrieben ist, so ist die Geschichte des Kohinoor in Blut geschrieben. Alte Geschlechter sind verschwunden und mächtige Reiche sind untergegangen in dem langen Kumpfe, diesen Edelstein aller Edelsteine zu besitzen; in seiner Erbeutung ober zu seiner Verteidigung sinb Söhne gegen ihre Väter auf- gestanden und Väter haben ihre eigenen Nachkommen ver­nichtet. Nach ber Meinung des Volkes ist bieser Schatz von jeher als bie Insignien des Indischen Reiches und sein Aefltz als der unverletzliche Bürge der Oberherrschaft über dseses Land angesehen worden. Diese Tatsache allein macht E^sschlchte, des Kohinoor zu einer Sache von größter Wrchtrgkett für die Engländer und vielleicht von höchstem Interesse für die ganze gebildete Welt, besonders weil auf Befehl König Eduards VII. bei seiner Thronbesteigung der berühmte Juwel in die Krone der Königin Alexandra ge­fugt werden sollte.

Die Geschichte des Kohinoor liegt tief in der Ber- gangenhert begraben, als Dichter von Göttern und Helden erzählten und Barden und Minnesänger von kühnen Kriegern und schönen Frauen sangen. Es wird erzählt,

daß um vas Jahr 1500 v. Ehr. durch die Kämpfe von zwei nebenbuhlerischen Dynastien, die sich um die Oberherrschaft des Landes stritten, Indien in Blut getränkt war. Die Götter selbst fochten, wie behauptet wird, aus der einen oder der anderen Seite möglicherweise als Vorwand, um ihre eigenen persönlichen Eifersüchteleien abzumachen und das Kriegsglück schwankte mehrere Generationen lang von Seite zu Seite. Es wird auch behauptet, daß einer der kämpfenden Helden, Namens Kvrna, einen Stein von strahlendem Glanze besaß, der ihm von einem der oberen Götter auf seiner Seite als ein llnterpfand seines Schutzes gegeben wurde. Unglücklicherweise verlor Karna, wie er­zählt wird, bie Gunst bes Gottes durch irgend eilte Missetat und wurde durch den obersteu Krieger der Gegner getötet, der nach ber Gewohnheit bes Zeitalters sein Opfer sogleich seiner Rüstung und seines Schmuckes beraubte und so in den Besitz des kostbaren Juweles kam. Der Sieger er­schlug bann alle feine Gegner unb machte sich hierauf selbst zum obersten Herrscher von Indien.

Der Edelstein blieb in Indien im Besitz der Nachfolger jener Dynastie. Bon der Zeit an versinkt feine Geschichte in das tiefste Dunkel. Die Tatsache, daß nach mehrfachem Wechsel er in den Besitz ber mächtigen Rajput--Dynastie von Malwah gelangte, scheint zugegeben. Dort blieb er bis zum Jahre 1304 A. D., als Allaubbin, der mäch­tigste muhammedanische Herrscher von Delhi, bei seiner Er­oberung von Indien den Raja von Malwah unterjochte unb ihm den ®b elftem entriß. Aber nach ber Ermordung von Allaubbin verfiel fein Reich; nach einem zweifel­haftem Kampfe warfen bie Hinbu-Rajahs von Agra bas muhammedanische Joch ab und tarnen in den lÄsitz des Edelsteines.

Sie behielten ihn jedoch auch nicht lange. Am Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts machte Babur, der sechste Nachkomme des großen Tameruan, einen Einfall in Indien und ward Gründer des Großmogulischen Reiches in Delhi. Während er den ohnmächtigen Herrscher jener Stadt be­siegte, schlug sein Sohn Humas an Wirza den Rajah von Agra im Jahre 1526 unb bemächtigte sich des Edelsteines im Namen seines Vaters. So ereignete es sich, daß gleich­zeitig mit der Errichtung ihrer Dynastie bie Großmoguln von Delhi, die mächtigsten Herrscher Indiens, vor ber An­kunft der Briten den Juwel in ihren Besitz brachten, ber für sie Insignien unb Krebitiv zugleich war.

Der Juwel blieb zwei Jahrhunberte lang im Besitze der Großmogul, gerade so lang, als ihre Herrschaft im Aufschwünge war. So weit war seine Abstammung in einem Geschlechte aussindig gemacht worden. So weit war der alte Hindu-Fluch erfüllt worden, daß, wer ihn je dem Besitze des alten, berühmten Hauses Vikramadiiya ent­zöge, eines elenden Todes sterben solle. Der große Alla udbin, ber erste Thronräuber, starb vergiftet von seinem Lieblittgs-Gencral Kafur, ben er aus ber Sklaverei bis zur Macht erhoben hatte. Sein Sohn Abbar der Große, ber eigentliche Gründer des Großmogulischen Reiches, war eine Zeit lang ein toleranter und aufgeklärter Herrscher, er saß aus dem Throne mit einem muhammedanischeu Priester zur Rechten, einem Bramahnen zur Linken unb einem Jesuiten vor sich. Er nahm sich bas Leben durch Gift.

Abbars ältester Sohn unb Nachfolger, Dschchanghir, wurde von seinem eigenen Sohne Schah Dschihan abgesetzt und starb in dem Kerker des Palastes. Schah Dschihan, ber sich seiner Schuld bewußt war, verbrachte sein Leben in Angst und Schrecken, unb wie er feinen Vater behandelt hatte, so würbe er auch abgesetzt, geblcnbet, von feinem Sohne Aurenzeyb lang in Gefangenschaft gehalten und schließlich von ihm im Gefängnisse ermorbet

Aurengzeyb, ber Vatermörber unb ber Mörber seiner vier Brüber, lebte neunnnbvierzig Jahre in sortwährenber Qual. Es war nicht nur bie Furcht vor Ermorbuug, bie ihm bas Herz zerriß. Es war bie Qual eines schuldigen Gewissens, die ihn Tag und Nacht verfolgte und ihm bas Leben zur Hölle auf Erben machte. Als sich fein Ende näherte, würbe er, her mächtigste Großmogul, von feinen Soldaten verlassen unb von seinen Freunden vergessen. Dies war noch nicht alles. In jener siebenden Massevon Verrat und Verschwörung, die durch feine eigene Grausamkeit ver­ursacht worden war, befand sich einer, dem er blindlings getraut hatte, sein Lieblingssohn Morad. Jenes arme Herz^ das einer menschlichen Zuneigung bar war, hatte eine wahn­sinnige, übermenschliche Liebe zu diesem Kinde seines Alters