Mittwoch den 16. Dez möer.

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(Nachdruck verboten.)

Wotans Werloßung.

Novelle von Robert Kohlrausch.

(Fortsetzung.)

Er streckte ihr abermals die Hand entgegen; er wußte nichts anderes zu tun.Also nochmals auf gute Freund- ),ast", sagte sie und legte die ihre hinein. Und auf Wiedersehen."

Auf Wiedersehen."

Sie wandte sich ab und ging in ihrer vornehm sicheren Art auf eine kleine, kränklich aussehende Dame zu, die eine doppelte Brille vor den matt blickenden Augen trug und sich auf einer der Bänke im Garten sonnte. Rauchmann blieb noch einen Augenblick stehen und schaute Edith nach. Sie war wirklich sehr stattlich und vornehm, und klug war sie auch, das hatte ihr Urteil über ihn und seine Kunst bewiesen. Es gefiel ihm mit einemmale ausgezeichnet hier in Fasano; die Sonne schien so warm, und jetzt bemerkte er plötzlich auch einen süßen Blüten- duft, der die Luft erfüllte. Der mußte wohl von den riesigen Goldlackstauden kommen, die auf mehreren Beeten in voller Blütenpracht standen. Die Blumen kannte er; Gelbveigelein hießen sie dort bei ihm zu Hause. Da­mals hatten sie gerade geblüht, als er zum erstenmale liebte und das Mädchen im Schullehrersgarten küßte, das Mädchen, das er dann verlassen hatte um seiner Kunst willen.

Langsam stieg er die Treppen hinan, deren braune, rotgeränderte Läufer sicn von den weißen, steinernen Stufen freundlich abhoben. Etwas wie Heimweh war in seiner Brust, und doch zugleich etwas Freudiges, als hätte ihm jemand einen großen Wunsch erfüllt. Ein Gefühl wachte in ihm auf, nicht völlig neu, doch lange, lange vergessen, fast noch schöner jetzt, da sich's wieder regte.

Bon seinem Zimmer trat er gleich auf den Balkon hinaus. Edith stand noch unten und sprach mit der kränk­lichen Dame. Das Sonnenlicht strömte über Erde und Wasser, wärmte und blitzte und drang in die Seelen hiüein. Und aus dem Lichte empor stieg auch bis hierher der Blütendust der Gelbveigelein, einer goldnen Wolke gleich, ein Willkommengruß des glüMchen Landes, in dem schon im Februar solche Blumen so duften.

Ja, Italien war wirklich nicht so übel!

Es war am dritten Tage nach der Versöhnung Ediths mit Rauchmann. Sie fühlte sich seit jener Stunde wieder frei und leicht, im glücklichen Gleichgewicht der Seele. Bei Tisch unterhielt sich der Sänger nun lebhaft und liebens­würdig mit seinen Nachbarinnen, die von der übrigen Tafelrunde wegen dieses Vorzugs bekrittelt und beneidet

wurden, seit bekannt geworden war, welch berühmten! Künstler dasHotel Gigola" gegenwärtig barg. Nur der Sopra" schrie noch lauter als sonst, weil er fürchtete, durch Rauchmanns Ruhm verdunkelt zu werden.

Tie Sonne war jeden Tag wieder hell und freundlich am blauen Himmel emporgestiegen, und so verlief das Dasein in angenehmer Harmonie. Nur zuweilen fühlte sich Edith durch eine Aeußernng des Sängers verletzt, die ihr früheres Urteil über die Selbstsucht und Eitelkeit der Künstler zu betätigen schien; doch bemühte sie sich red­lich, solches Empfinden rasch wieder zu besiegen, und toemt es nicht gleich gelingen wollte, dann flüchtete sie sich in die Einsamkeit der Berge, auf ihre alten, oft betretenen Lieblingswege, die sie begrüßte wie gute Freunde nach langer Trennung.

Ihre Mutter konnte sie ans diesen oft steil in die Höhe führenden Pfaden nicht begleiten. Als bei Tisch einmal die Rede daranlf gekommen war, hatte sie zu Rauchmann gesagt:Nein, nein, ich bleibe hübsch unten! auf der Landstraße, womöglich zu Wagen. Es ist kein Vergnügen, mein Gewicht da hinauf zu schleppen, und! dann will ich auch die schöne Landschaft nicht verschan­deln, Sie wissen wohl, was die Münchener unterver­schandeln", verstehen? Ich wäre ja doch nur ein großer Fettfleck in der Natur!" Mit gutem Humor pflegte sie selbst über ihr körperliches Mißgeschick so zu scherzen, und auf einen höflichen Einwand des Säugers hatte sie mit einem Seufzer erwidert:Daß es lästig ist, eine so ge­wichtige Persönlichkeit in der Welt zu spielen, ist noch das wenigste, aber daß man immer lächerlich wirkt, daran muß man sich erst gewöhnen." Da hatte nun Rauchmann mit gutem Gewissen widersprochen undauf Grund eigener Anschauung" versichern können, daß man auch mit solcher Eerfcheinung sehr wohl noch Vornehmheit, Würde und eine gewisse Anmut bereinigen könne. Die Generalin hatte sich lachend gegen seine Behauptung gewehrt, aber sie hatte sich doch ersichtlich angenehm berührt gefühlt und war seitdem noch freundlicher gegen den Sänger als zuvor.

Ta sie die Bergwanderungen nicht mitmachte, so hatte die schwerhörige Tarne sich an Edith angeschlossen. Sie hieß, ioie diese jetzt wußte, Kunigunde Häseler und war, wie Edith ivenigstens vermutete, trotz der altmodischen Ein­fachheit ihrer Erscheinung infolge von glücklichen Grund­stücksverkäufen sehr vermögend. Daß sie Sächsin war, ver­riet jedes Wort ans ihrem Munde, sie versicherte es aber trotzdem noch bei jeder Gelegenheit und fügte mit Stolz hinzu:Aus bent Königreich Sachsen". Edith wäre am liebsten allein in der Einsamkeit umhergestreift, aber ihre Mutter wußte sie gern unter einem gewissen Schutz, und so war ihr diese Gesellschaft noch am wenigsten" lästig. Tenn Fräulein Häseler sprach im Gehen fast gar nicht ihres Korkes wegen" und wenn sie ansruhten, dann fetzte sie sich jmmer platt auf die Erde, doppelt verblüht