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auf, und einige Augenblicke sprach keiner von uns ein Wort, allein in seinem schönen, starren Antlitz las ich mein Schicksal und mein Todesurteil. Mit jedem Atemzuge verwünschte ich meine Torheit und daß ich so feige gewesen war, mich überhaupt au ihn zu wenden. Weil er in der Schule als Kapitän der Cricketspieler freundlich gegen mich und ich sein Leibfuchs gewesen war, hatte ich es gewagt, auch jetzt noch auf seine Güte zu zählen; weil ich zu Grunde gerichtet und er reich genug war, den ganzen Sommer Cricket zu spielen, und während des Restes des Jahres nichts zu tun, hatte ich törichterweise auf seine Nachsicht, feine Teilnahme und feine Hilfe gerechnet! Ja, ich hatte mich im Herzen trotz meiner äußerlichen Schüchternheit und Deuiut auf ihn verlassen, und mir geschah ganz recht. In seinen aufgeblähten Nüstern, der starren Kinnlade, den kalten, blauen Augen, die niemals nach mir hinsahen, kam ebensowenig Milde, als Teilnahme zum Ausdruck. Ich griff nach meinem Hute, erhob mich schivankend, und würde ohne ein weiteres Wort gegangen sein, wenn nicht Raffles zwischen mir und der Tür gestanden hätte.
„Wo wollen Sie hin?" fragte er.
„Das ist meine Sache", erwiderte ich. „Wollen Sie mich vorbeilassen?"
„Nicht eher, als bis Sie mir gesagt haben, wohin Sie gehen und was Sie vorhaben?"
„Können Sie das nicht erraten?" rief ich, und dann blieben wir uns lange gegenüber stehen und sahen einander in die Augen.
„Haben Sie den Mut dazu?" fragte er endlich in einem so cynischen Ton, daß sich der Bann, der mich umfangen hielt, löste und der letzte Tropfen meines Blutes zu kochet, begann.
„Das will ich Ihnen zeigen", antwortete ich, indem ich einen Schritt zurücktrat und den Revolver aus der Tasche riß. „Wollen Sie mich vvrbeilassen, oder soll ich es hier tun?"
Die Mündung berührte meine Schläfe und der Daumen den Drücker. Wahnsinnig vor Aufregung, wie ich war, zu Grunde gerichtet, entehrt und jetzt fest entschlossen, meinem elenden, verfehlten Dasein ein Ende zu machen, ist es mir noch heute unbegreiflich, daß ich die Tat nicht auf dem Fleck vollbrachte. Der Wunsch, die verächtliche Befriedigung zu haben, einen anderen tu meinen Untergang zu verwickeln, verstärkte mit seiner erbärmlichen Stimme die meiner niedrigen Selbstsucht, und noch jetzt überläuft mich ein Schauder bei dem Gedanken, daß mir die Erinnerung an einen Blick der Furcht oder des Schreckens eine hämische Genugtuung gewesen und ich glücklich gestorben sein würde, wenn sich im Angesicht meines Gefährten etwas derartiges gezeigt hätte. Statt dessen erschien eilt Ausdruck in seinen Zügen, der meine Hand lähmte. -Weder Furcht, noch Schreck lag darin, nur Ueberraschung, Bewunderung uno ein solches Maß befriedigter Erwartung, daß ich meinen Revolver mit einem Fluche wieder in die Tasche steckte.
„Sie Teufel!" zischte ich. „Ich glaube. Sie wollten mich dazu bringen!"
„Da irren Sie sich", antwortete er, leicht zusammenfahrend und mit einem Farbenwechsel, der zu spät kam. „Um Ihnen jedoch die Wahrheit zu sagen, so glaubte ich halb und halb, Sie würden wirklich lÄmst machen, und nie int Leben hat mich etwas in gleichem Maße angezogen. Daß Sie aus solchem Stoff gemacht seien, Bunny, hätte ich mir nicht träumen lassen! Nein, ich will gehenkt werden, wenn ich Sie jetzt noch gehen lasse. ^Versuchen Sie aber den Scherz nicht noch einmal, denn ich würde zum zweiten- male nicht ruhig dabeistehen und zusehen. Wir müssen einen Ausweg aus der Klemme finden, aber geben Sie mir erst einmal Ihren Revolver."
Bei diesen Worten legte er mir voll Güte eine Hand auf die Schulter, während die andere in meine Tasche glitt und sich, ohne daß ich mich widersetzt hätte, meiner Waffe bemächtigte. Das geschah nicht nur deshalb, weil Raffles, wenn er wollte, die bestrickende Gabe hatte, sich unwiderstehlich zu machen. Nie im Leben bin ich einem Menschen begegnet, der in Hinsicht auf Macht über andere den Vergleich mit ihm hätte aushalten können, aber meine Fügsamkeit entsprang doch noch anderen Umständen, als der bloßen Unterwerfung der schwächeren Natur unter die stärkere. Die geringe Hoffnung, die mich nach dem Albany- Klub geführt hatte, war wie durch einen Zauberschlag in ein beinahe betäubendes Gefühl der Sicherheit verwandelt
worden. Raffles wollte mir doch helfen! Ja, Raffles wollte mein Freund fein! Es war, als ob sich plötzlich die ganze Welt auf meine Seite gestellt habe, und weit entfernt, mich feinem Tun zu widersetzen, ergriff ich seine Hand und drückte sie mit einer Inbrunst, deren ich ebenso wenig Herr war, als des voraugegangenen Wahnsinns.
„Gott segne Sie!" rief ich aus. „Verzeihen Sie mir alles, was ich gesagt habe. Ich will Jbnen die Wahrheit bekennen. Ich glaubte wirklich, Sie würben mir in meiner Not helfen, obgleich ich wohl wußte, daß ich teilte An-! spräche an Sie hatte. Indessen um der alten Schulzeiten willen, dachte ich. Sie würden mir vielleicht noch eine Gelegenheit geben. Wenn nicht, dann wollte ich mir eine Kugel durchs Hirn jagen — und das werde ich auch jetzt noch tun, falls Sie andern Sinnes werden."
Denn trotz seines gütigen Tones und des noch gütigeren Gebrauches seines alten Schülspitznamens, fürchtete ich, daß sich eine solche Sinnesänderung vollziehe, da fein Aus-! druck ein anderer wurde, während ich sprach. Seine nächsten Worte bewiesen mir jedoch, daß ich mich geirrt hatte.
„Voreilig mit Ihren Schlußfolgerungen wie ein Kn abe! Ich habe meine Fehler, Bunny, aber in meinen Entschlüssen zu schwanken, gehört nicht dazu. Setzen Sic sich, mein Lieber, und zünden Sie sich eine Cigarette an; das beruhigt die Nerven. Ich bestehe darauf. — Whisky? Das Schlimmste, was Sie trinken können. Hier ist Kaffee, den ich gerade braute, als Sie kamen. Nun hören Sie mich an. Sie sprachen von „noch einer Gelegenheit"! Was meinen Sie damit? Noch eine Gelegenheit, ©accarat zu spielen? Mit meiner Zustimmung gewiß nicht. Sie glauben, das Glück müsse sich wenden. Aber nehmen wir einmal an, es wende sich nicht! Dann machten wir eine schlimme Sage nur noch schlimmer. Nein, lieber Freund. Sie haben genug über die Stränge geschlagen. Wollen Sie sich ganz in meine Hand geben oder nicht? Gut, bann wird nicht mehr gespielt, und ich verpflichte mich, meinen Chek nicht eiuzu- kassieren. Aber unglücklicherweise haben noch andere heute welche in Händen, und das Schlimmste ist, Bunny, daß ich im Augenblick ebenso tief darin stecke, als Sie."
Jetzt kam an mich die Reihe, Raffles anzustarren. „Sie?" stieß ich hervor, „Sie stecken in der Klemme? Wie kann ich das glauben, wenn ich mich hier umsehe?"
„Habe ich Ihnen den Glauben verweigert?" erwiderte er lächelnd. „Und nehmen Sie angesichts Ihrer eigenen Erfahrung an, daß ein Mensch notwendigerweise ein Guthaben bei der Bank haben muß, weil er eine Wohnung in diesem Hause hat, zu ein paar Klubs gehört und ein bischen Cricket spielt? Ich versichere Ihnen, mein Lieber, daß ich in diesem Augenblick in ebenso großer Geldverlegenheit bin, als Sie es jemals waren. Ich lebe nur von meiner Schlauheit — von weiter nichts. Für mich war es ebenso notwendig, heute abend ein paar Groschen zu gewinnen, als für Sie. Wir segeln in demselben Boot, Bunny; und es wäre ratsam, wenn wir zusammen ruderten."
„Zusammen!" rief ich, mit beiden Händen zugreifend. „Ich will alles für Sie tun, Raffles, was Sie verlangen können", sagte ich, „wenn es Ihr Emst war, daß Sie mich nicht im Stiche lassen wollen. Schlagen Sie mir vor, was Sie wollen — ich werde es tun! Als ich hierher kam, war ich ein Verzweifelter, und das bin ich noch jetzt in demselben Maße. Was ich tue, ist mir einerlei,_ wenn ich mir nur ohne Skandal ans dieser Klemme helfen kann."
Noch jetzt sehe ich ihn vor mir, wie er sich auf einem der prächtigen Stühle zurücklehnte, womit sein Zimmer auegeftattet war. Ich sehe seine lässige, atlethische Gestalt, seine bleichen, scharf geschnittenen, glatt rasierten Züge, feine lockigen, schwarzen Haare, feinen kräftigen, gewissenlosen Mund, und wieder fühlte ich, wie der klare Strahl feiner Augen kalt und leuchtend gleich einem Sterne, in' mein Herz bringt — unb bie geheimsten Geheimnisse meines Herzens ergründete.
„Ich möchte wissen, ob das alles Ihr Ernst ist", sagte er endlich. „In Ihrer gegenwärtigen Stimmung gewiß, aber wer kann bis zum letzten Augenblick für feine Stim-4 mung einstehen? Wenn jedoch ein Mensch diesen Ton an- schlägt, darf man das Beste hoffen. Darüber fällt mir ein, daß Sie in der Schule ein ganz schneidiges Kerlchen waren und mir einmal einen großen Dienst geleistet haben. Wissen Sie noch, Bunny? Na, warten Sie mal, vielleicht kann ich Ihnen einen noch größeren erweisen. Lassen Sie mir nur Zeit, bie Sache zu überlegen."


