670

Thymert wird nur alles sagen, er weiß es ja. Kein anderes Mädchen in Plouvenec könnte allein dieses Boot regieren, aber so stark wie Guenn Rodellec ist auch keine, das sagen alle. Und Meurices Boot findet ganz allein den Weg nach den Lannions. Es hat mich oft genug hinübergeführt zu Monsieur. Da steht schott Monsieur und wartet und lächelt mir zu. Auf den Lannions hat er nie das Gesicht abge­wandt. Wenn er mich jetzt ansähe, würde auch der Schmerz tu meinem Kopfe aufhören. Monsieur le recteur weiß auch!, daß ich mein Versprechen halten werde.Ist es ein Ver­sprechen?" fragte er,es ist eins", erwiderte ich. Meu­rices Boot kam gerade herein, es sah aus, als wolle ein Sturm kommen.

Ah mon dieu, que la die est amere!"

Tie süße Melodie scholl über die Wogen, während Meurices Boot pfeilgeschwind vor dem Sturm dahinflog, hinaus in die dunkle, empörte See.Meurice selbst hat so schnell niemals segeln können! Schneller, schneller!" rref sie, schlug in die Hände und lachte.Auf, nach den Lan­nions! Tort wird er sein Gesicht nicht abwenden! Ich komme so sicher wie der Wind und die Wellen! Das war mein gutes bretagnisches Versprechen! Schneller, schneller! Nach den Lannions! Zu Thymert!"

Im Morgengrauen des nächsten Tages stand Thymert in der Tür feiner Kapelle. Es war ein heftiger Sturm gewesen, und er fürchtete schlimme Nachrichten von seinen Fischern zu vernehmen. Seine sorgenden, liebevollen Augen mit der Hand beschattend, spähte er nach allen Richtungen über die Wasser, blamt längs des Strandes der Lannions, in der Hoffnung, nirgends eingestürzte Schornsteine oder abgedeckte Hütten zu erblicken. Zuletzt glitt fein Blick prüfend über sein eigenes kleines Eiland.

Doch, was war das da unten bei dem großen Felsen? Etwas Rotes, etwas Weißes', ein langgestreckter Gegen­stand. Hastig schritt er hinzu, von Grauen erfaßt.

Mein Gott! Mein Gott!" stöhnte er und kniete neben der kleinen Gestalt nieder. Sie lag mit dem Gesicht auf dem Boden, aber Thymert hatte genug gesehen, er wußte, wer nach den Lannions gekommen war, so sicher, wie Wind und Wogen. Er hob sie in seinen Armen auf mit wildetn, starrem Blick und trug sie über die Schwelle des kleinen Gotteshauses. Auf seinenr eigenen Bett legte er sie nieder. Jetzt gehörte sie ihm allein. Niemand stand mehr zwischen ihnen. Niemand sollte sich ihr nahen. Da lag sie vor ihm, so jungfräulich und schön. Er verriegelte Tür und Tor. Heute riefen seine Leute vergeblich! nach ihrem Priester. Den Wanzen Tag lang kniete der starke Mann neben dem toten Kinde, allein mit ihr, mit seiner Seelen­pein, feinem Gewissen und seinem Gott.

Gegen abend stand er auf und rief die alte Brigitte. Als sie sein Gesicht erblickte, schrie sie laut auf.Still", sagte er,komm her und sorge für das kleine ertrunkene Mädchen. Wache bet ihr, bis ich Dir jemand zur Hilfe sende."

Heilige Jungfrau, das ist ja Guenn!"

Tie lieblichen Augen waren geschlossen, das bewegliche, lebensprühende Antlitz war regungslos, das glockenhelle Lachen für immer verstummt, die emsigen kleinen Hände lagen nun ruhig über dein roten Brusttuch gekreuzt das treue, edle Herz hatte aufgehört zu schlagen.

.So sanft, so still liegt sie da", schluchzte die alte Brigitte, man kennt den kleinen Wildfang nicht wieder."

Der Pfarrer beugte sich über das bleiche, reine Antlitz, in seinen tiefen Augen brannte seine Seelenqual. Sehn­suchtsvoll breitete er die Hände über ihr geliebtes Haupt. Er hatte sie nicht ein einzigesmal berührt, außer um ihr die Augen zuzudrücken, ihre Hände über der Brust zu kreuzen und die Falten ihres Kleides zu ordnen. Auch jetzt waren sein Gebet, sein Segensspruch und sein Lebewohl so stumm wie seine Trauer. Er wandte sich ab> und verließ sie, mit ihr alle Freude seines Lebens.

Er segelte allein nach Plouvenec hinüber. Weder zur Rechten noch zur Linken blickend, schritt er ait den er­staunten Seeleuten vorbei, geradeswegs nach dem Gast­haus, wo er mechanisch mit aschbleichem Gesicht einige Worte auMadame richtete. In derselben Nacht fuhr er .nach Ouimper und saß dort viele Stunden in geheimer Unter­redung bei seinem verehrten Bischof, der in große Unruhe und Bestürzung geriet.

Plouvenec sollte seine feurigen, seelenvollen Züge nie­mals Wiedersehen, sollte niemals mehr die alte, abgetragene

Soutane in seinen Straßen erblicken, nie mehr sein warmes, sonniges Lächeln schauen, die Macht seiner Gegen­wart empfinden. Seine liebevollen, braunen Augen ruhten nie wieder auf seinem armen Gotteshaus, seinem Fischer­volk und seinen Lannions.

Nach Guenns Tode irrte Jeanne umher, wie ein ver­lassenes Vögelchen. Sie trauerte und wollte sich nicht trösten lassen. Unten am Fluß, wenn die anderen plauderten, beugte sie sich nur tiefer über das Wasser und seufzte und weinte herzbrechend.Ohne Guenns Scherzworte und lustige Possen wird mau bei allem so müde", klagte sie. Nur Madame in den Voyageurs wußte etwas mit ihr an­zusangen. Madame schwatzte aber auch nicht wie die übrigen.

Wenn man verschieden ist von den andern, geschieht jedesmal etwas Schlimmes. Gueun war so ganz anders", sagte Jeanne oft trübselig, und in Madames Augen schim­merte es feucht, wenn sie antwortete.Tu hast recht, Jeauue, sie war ganz anders, das weiß der liebe Gott!"

Jeanne heiratete sehr jung, weil es zweckmäßig schien; sie alterte frühzeitig und führte ein arbeitsvolles, müh­seliges Leben. Sie zog brave Buben auf, sah sie zur See gehen, aber nicht wiederkehren, und trauerte um sie in bangen Sturmnächten, wenn die Wellen hoch gingen. So lebte sie das geduldige, entsagungsreiche Dasein, das Gueun als das härteste Schicksal angesehen hatte. Jeanne trug alles sanft und ergeben, wie das in ihrer Natur lag; all­mählich wurde ihre Sanftmut zur Gleichgiltigkeit, und ihre Tage verflossen im mechanischen Kreislauf kleiner, alltäg­licher Sorgen, bis in das einsame, liebe- und sreudeleere Alter.

Madame hatte ihr Hauswesen und ihre Gäste §11 ver­sorgen wie bisher, aber dennoch schien sie jetzt mehr freie Zeit für die jungen Mädchen von Plouvenec übrig zu be­halten als früher, sie fanden jederzeit Rat und Auskunft bei ihr, mochte sie auch uoch so beschäftigt sein. Das scheue Erröten in einem Mädchenantlitz entging ihr nicht und sie lieh auch dem kleinsten Anliegen ein williges Ohr. Gegen junge, fremde Künstler blieb sie merkwürdig teilnahmlos. Warum sollen unsere Mädchen unnötig leiden wegen dieser Fremden?" fragte sie sich selbst in Stunden innerer Einkehr. Hab' ich damals dem armen Kinde gegenüber ein Ver­sehen begangen? Hätte ich ihr besser beistehen können?"

Rodellec trug einen heftigen Schmerz zur Schau; er schwelgte ordentlich in seinem Jammer und ward von vielen wohlmeinenden, leichtgläubigen Menschen bedauert. In an­getrunkenem Zustande pflegte er mit Vorliebe von den seligen Engeln" zu reden, wie er Frau und Kinder nannte. Ihr Himmelsglück diente ihnt als Hintergrund, von dem sich seine eigene, schwergeprüfte Persönlichkeit wirkungsvoll abhob. Er lebte noch viele Jahre und blieb gesund, kräftig und von ftifchem Aussehen. Rührig und tätig zur See, war er auch der erste, wenn es ein Gelage galt, beim Scheine des gelben Lichtes in der Schenke. Bei Nacht er­quickte ihn ein ruhiger Schlaf, der höchstens durch über­mäßigen Branntweingenuß gestört wtirde, und sein Appetit ließ nichts zu wünschen übrig. Für Leute timt Rodellecs Schlage gibt es keinen Kummer.

Schluß folgt.

Are Wose im Winter.

Von O. Jacobs.

Wenn Ende Oktober die Witterung rauh und kalt wird und Herbststürme durch das Laitd brausen, die Bäume und Sträucher allmählich ihres Schmuckes entklerden, dann ist es an der Zeit, unsere Gartenrosen gegen den nahen­den Winter mit geeignetem Schutz zu versehen.

Wenn es im Herbste sonnige Tage gibt und nicht über­mäßige Feuchtigkeit die Rose zu neuem Triebe anregt, kann das Edelholz gut ausreifen und ist es datm um so widerstandsfähiger gegen Frost und Winternässe. Matt braucht sich auch durchaus nicht mit der Einwinterung zu übereilen, denn leichte Fröste von 1 bis 4 Grad Reaumur bringen der Rose keinen Schaden, zwinget! vielmehr die Saftströmung zur Ruhe, wodurch eine noch vollständigere Holzreife herbeigeführt wird. Der genaue Zeitpunkt für das Eindecken wird sich kaunt' angeben lassen, denn Herbst und Vorwinter sind eben zu verschieden in ihrem Regt- mente.

Einige besonders zu beachtende Winke sollen hter folgen. Das Niederbiegen der Stämme geht leichter von