ivOB. — Nr. 54 Samstag dm 11. April.
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Gstern.
(Nachdruck verboten.)
Sei mir gegrüßt, du gold'ner Ostertag, Der du erschienst, das Tote zu beleben,!! Dein Morgen weckt, was tief im Schlummer lag, WaA u.nZ entschwand, willst du uns wiedergeben. Die Sonne strahlt, die Frühlingswinde weh'n Und seine Schrecken hat der Tod verloren. Es welkt und cs zerfällt, was staubgeboren. Doch über Gräbern braust es: „Aufersteh'n!"
Dunkel war es und still. Kein Vogel sang mehr in den entlaubten Zweigen und kein Mensch- betrat das schwarze, tote Land der verödeten Fluren. Wie ein schmerzliches Seufzen klang es, wenn der Wind darüber hinfuhr. Es war aber ein kalter, schneidender Wind, und unter seinem Hauche erstarrte die schwarze Erde, daß sie hart wurde wie Stein. Früh sank die Nacht hernieder auf Dorf und Stadt, die -lange Nacht, der spät der trübe Morgen folgte. Und wieder -lag der Tag kurz und dunkel, und wieder dunkel war die lange Nacht. Den Himmel bedeckten schwere Wolken und die Sterne erloschen, wie ausgeblasen von dem Sturm, der über die Gefilde jagte. Der Sturm aber war angetan mit einem weißen Gewände. Das legte er über die schlummernde Erde, bevor er weiterzog. Und als er vorüber war, da wagten sich die Sterne wieder hervor, einzeln, schüchtern und immer mutiger dann, bis sie freudig leuchtend flimmerten und tröstlich- verkündeten einen hellen, sonnigen Tag. — Der Tag kam auch, sonnig und schön. Doch er war kalt und keine Blüte lächelte ihm entgegen. Nein, die Strahlen der Sonne weckten die schlummernden Halme nicht zu neuem Leben. Sie erfreuten das Herz, aber sie erwärmten es nicht.
Das ist der Winter.
Wohl spendet er seine Freuden und Genüsse. Hallten nicht die Nächte von den Klangen der Freude? Traten sich nicht, die Menschen näher, sich vereinend zu den Festen fröhlicher Geselligkeit? O, wohl erträgt der Beglückte des Winters Last, die ihm des Winters Lust versüßt.
Aber jene, die in Entbehrung und Sorge sich beugen unter ihrer Last, sie freuen sich nicht des tiefen Schnees und der spiegelnden Eisbahn, sondern sie ersehnen den Tag, der sie befreien soll von des Winters Not.
Und abermals brauste der Sturm daher. Nicht weiß war sein Gewand, sondern dunkel, wie die Wolke des Himmels. Doch sein Odem wehte lind und lau, daß der Schnee hinwegschmolz in einer Nacht. Da brachen berstend auch die Spiegel der erstarrten Seen und Flüsse, und die befreiten Bäche stürzten mit brausendem Gesang hernieder i«S Tal. Wieder leuchteten die Sterne in der milderen
Nacht, und -am Tage spielten die Sonnenstrahlen kosend! mit den Wellen. Der Wind aber flüsterte leise zu den Knospen an Strauch und Baum, daß die jungen Blättchen sich reckten und dehnten in ihren Hüllen, wie die Kinder/ wenn sie am Morgen erwachen nach erquickendem Schilast Nun aber ist es Ostern geworden! Der Lenz ist erwacht und mit ihm die Natur, die ihn grüßt mit der stillen Freud«' des neuen Lebens.
Ach, es ist doch etwas Schönes und Großes, dieses Erwachen! Wie ein Heiligtum umfängt uns der stille, sprießende Wald, und so schön und fromm dünkt uns die Welt, wenn wir die weite Flur durchwandern und wenn aus blauer Höhe dann das jubelnde Lied der ersten Lerch« zu uns herniedertönt. — Es ist ja Ostern! — Auf den Feldern grünt das junge Korn freudig der Sonne entgegen, und die ganze weite Welt atmet Hoffnung und Frieden. —i Ostern!
Ist es denn nicht, als müßte in jedem Herzen dies Wort ein jubelndes Echo wecken? Wird denn nicht mit der Natur auch unsere Seele wieder erweckt zu einem neuen. Leben nach tiefem Schlafe? Oder sind wir so ganz in Anspruch genommen von dem schweren Kampf um daS Dasein, von der Jagd nach Gewinn, von den materielle» Interessen der Zeit, daß wir keinen Augenblick mehr übrig haben für das, was unsere Herzen erheben sollte liier dch Mühsal des Tages und die selbstgeschaffene Not?
Auch unsere Zeit wird durchtost von den Stürmen, die an Fenstern und Türen rütteln. Sind es die Stürme des Winters, von denen wir nichts Gutes zu erwarte» haben? Oder sind es die Frühlingsstürme, die eine neue, schönere Zeit verkünden wollen? Die Wirrnis ist groU denn die Elemente messen ihre Kräfte im heißen Kampf. Noch fern scheint der Morgen zu sein, der Ostermorgen, der uns enthüllen soll, was verb-orgen ist, der uns durch den Glauben zum Wissen führt. Ja, durch den Glauben zum Wissen! — Das Osterfest ist ja das Fest des Glaubens, des triumphierenden Glaubens, der Auferstehung und des Lebens. Nicht die Vernichtung ist Ziel und Zweck des Lebens, das Ende aller Dinge. Wenn schon der Stoff nur der Umwandlung unterworfen ist, dann sollte der so viel höhere Geist vergehen und verwesen wie ein Glockenschlag in stiller Nacht? „Sein oder Nichtsein — das ist hier die Frage", die große Frage, die an jeden herantritt und an die jeder herantreten muß, er mag wollen oder nicht. Und über des Rätsels Lösung ist ein dunkler Schleier gebreitet/ so dunkel, wie die Winternacht. Und weil niemand ihn lüften kann, kommen die klugen Leute und sagen: „Es ist nichts darunter." Sie glauben es selber nicht, aber sie hoffen ,daß es andere glauben werden, die dann stolz darauf sind, daß sie nicht glauben. Wie viele brüsten sich mit ihrem Unglauben, als wenn es eine Großtat wäre oder eine besondere Kunst. — Und sie wissen nicht, daß es gar keinen Unglauben giebt, sondern nur den rechten oder den falschen


