Ausgabe 
10.6.1903
 
Einzelbild herunterladen

tir. 84

1903

Mittwoch den 10. Juni. .

M

. -

(Nachdruck verboten.)

Die Annonce.

Novelle von Thomas Glahn.

(Schluß.)

Wie Du willst! Dann beleben wir also unsere alte Weinstube, was?"

Der Arzt schüttelte beit Kopf.

Nein, Kurt, das wäre stilwidrig. Wein ist ein Trunk der Freude, der gehobenen Stimmung. Hierzu gehört Mer, recht dunkles! Also zum Kulmbacher."

Eine Stunde später hatten sie folgende Bedingungen sestgestellt: Ein Spiel Karten wird durchgemischt; Jeder nennt eine Zahl zwischen eins und zweiunddreißig. Es wird abgezählt und die höhere Karte gewinnt.

Gegen diese Entscheidung gibt es keine Berufung. Eo ipso ist jede Revanche ausgeschlossen. Der Sieger er­hält das Kartenspiel zum. Andenken.

Der Unterlegene verpflichtet sich, von jedem Schritte abzustehen, der dem Sieger Schwierigkeiten bereiten könnte. Sofort nach der Entscheidung wird dieselbe, mit beiden Unterschriften versehen, an Resi Bergmann gesandt.

All right", sagte Fred Richter, als Kurt Unruh, der den Schriftführer gespielt, diese Paragraphen verlesen. Heda, Kellner, ein neues Spiel Karten!"

Schweigsam und trübe saßen sie, bis es kam, auf ihren Plätzen. Der Assessor wog es in der Hand.

Da liegt nun eine Entscheidung drin. Reiß es auf, Fred, und beginn zu mischen!"

Noch eins. Hör mal, Kurt: stoßen wir jetzt kräftig au. Der Himmel weiß, ob wir's noch einmal als die alten guten Freunde tun. Ein Stachel Mtterkeit bleibt schließ­lich doch zurück. Jedenfalls wollen wir ehrlich versuchen, uns durch diese schauderhafte Geschichte nicht zu verlieren. Prosit, alter Junge!"

Kurt Unruh war gerührt.

Sollst leben, Fred! Ach Gott ja, man hat doch jahre­lang zusammen gelebt und Freud' und Leid geteilt. Da muß man sich in dasselbe Mädel verlieben."

Die Karten sind gemischt. Deine Zahl?"

Sechs!"

Nehm' ich vierzehn. Darf ich abzählen?"

Bitte!"

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs

Er warf das Watt um:Pikett-Dame!"

Heiliges Kreuz!" fluchte Kurt Unruh finster.

Keine Angst. Ueber ein Dutzend Karten gehen dar­unter."

Er zählte weiter.

Dreizehn vierzehn!"

Auch eine Dame!" jubelte der Assessor Gottlob, verloren hab' ich nicht."

Ich auch nicht!"

Also ein neues Spiel i"

Aber Fred Richter warf die Blätter auf den Tisch.

Nach unseren Bedingungen geht das kaum. Und wenn es zehnmal geht ich tu' nicht mit! Ich setz' mein Schicksal nicht auf meine Karte. G'rade genug, daß es jetzt geschah! Humbug ist alles! Entweder hat Resi wirklich einen von uns lieb, dann wird sie's ihm auch so zeigen. Oder sie macht sich einen Spaß mit uns< dazu geb' ich mich nicht her. Kellner!"

Sie lvünschen?"

Feder und Tinte, Briefpapier dazu!"

Was willst Du tun?"

Einen Moment."

Nach kurzer Zeit reichte Fred Richter seinem Vetter einen Brief hin. Der Brief war an Resi Bergmann und lautete:

Liebe Resi!

Das ,Gottesurteil' hat versagt. Zum zweitenmal zu versuchen, weigere ich mich, weil mein Empfinden für Dich mir zu ernst und zu heilig ist, als daß ich's zu Kartenkunststücken hergebe. Wenn Du Dich nicht entscheiden kannst, so sagt das mir wenigstens genug.

Fred."

Der Assessor zwirbelte. Die Mittellanze ward immer drohender und zugespitzter.

Hör mal, der Bries ist grob. Du gestattest, daß ich anschreibe."

Er griff zur Feder und fügte hinzu:Da Fred lerder in solcher Stimmung ist, daß sich nichts mit ihm anfangen läßt, so muß ich gleichfalls herzlich um eine direkte per­sönliche Entschließung bitten. Ich hätte gerne das Schick­sal zum zweiten Mal herausgefordert, da ich nicht zweifle, daß es mir gnädig wäre. Ich verstehe ganz Dein Zart­gefühl, daß es Dir peinlich erscheinen ließ, vor dem andern den einen zu bevorzugen. Jetzt hast Du die Möglichkeit zu schreiben. Der Himmel helfe mir! Kurt."

Als der junge Arzt die Zeilen las, zuckte es in seinem Gesicht. OL

Der Satz mit dem Zartgefühl ist großartrg, Sanft- ling. Darauf fallen die Weiber alle rein. Na, immer nur zu! Wir schicken den Brief gleich per Dienstmann hm."

Das Kulmbacher Bier schmeckte vorzüglich. Sie saßen noch dabei, als der Bote eine Antwort zurückbrachte. Sie war an keinen der beiden adressiert.

Auf einem schmalen weißen Bogen aber standen dre Worte:Was mit einer Annonce begann, soll mit einer Annonce enden. Morgen früh publizieren die Blätter meine Verlobung. Resi."

Die beiden Vettern starrten sich einen Moment an.

Jetzt beginnt mir die Sache Spaß zu machen", lachte Fred Richter.Hat die Welt so eine Komödie gesehen! Prosit noch einmal, Sänftling, da kommen wir jedenfalls bis morgen früh nicht auseinander. Schlafen kann doch.