Ausgabe 
8.8.1903
 
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Tas Schlummerlieds sagte Chauxville leise.Es hat beinahe die Macht, den Kummer einzuschläfern"

Diesmal antwortete sie, wahrscheinlich weil er sie nicht angeblickt hatte.

Der Kummer schläft nie", sagte sie.

Wissen Sie das auch?" fragte er.

Sie schwieg.

Das tut mir leid", fuhr er fort.Für mich ist es etwas anderes; ich bin ein Mann, ich kann im Ehrgeiz Ersatz finden. Auf jeden Fall besitze ich das Vorrecht des Mannes, Rache zu suchen."

Er sah, wie ihre Augen aufleuchteten, wie ein plötz­licher Seufzer ihre Brust hob, und etwas wie ein Lächeln zitterte einen Augenblick unter seinem gewichsten Schnurr­bart.

Katharinas geschmeidige, starke Finger schlugen in mächtigen Akkorden die düsteren Töne eines halbvergessenen geistlichen Komponisten an. Während sie spielte, fuhr auch Claude von Chauxville fort, mit zarten Fingern auf den verborgenen Saiten eines unbezähmten Herzens zu spielen.

Das Vorrecht eines Mannes", wiederholte er sinnend.

Nur eines Mannes?" fragte sie, und zum erstenmal begegnete sein Blick dem ihrigen.

Nicht immer", antwortete er, und ihre Augen senkten sich vor seinem festen Blick zu Boden.

Mit seinen Fortschritten zufrieden, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, und warf einen Blick zur Gräfin hinüber. Er war ein zu erfahrener Mann, um sich über­listen zu lassen. Die Gräfin schlief wirklich; ihr Häubchen saß schief, ihr Mund stand offen. Eine Frau, die sich nur schlafend stellt, nimmt gewöhnlich eine anmutigere Halt­ung an.

Baron Chauxville schwieg einige Minuten, indem er die Stirn mit der Hand aufstützte und das junge Mädchen zwischen seinen dünnen Fingern hindurch betrachtete. Er schien Katharinas Gedanken beinahe zu lesen.

Jetzt haßt sie ihn noch nicht", dachte er bei sich. Wer sie braucht ihn nur ein paarmal mit Etta bei­sammen zu sehen, dann wird es schon kommen". Katharina spielte weiter, und alles Weh ihres leidenschaftlichen, un­gezähmten Herzens ergoß sich in die Musik.

Sie wußte nichts von der Welt; denn die Hälfte aller Versuchungen, Fallen und Schlechtigkeiten war ihr durch das häßliche Gesicht, das Gott ihr gegeben hatte, verschlossen. In ihren großen Kummer versunken, war sie nicht in der Stimmung, nach Beweggründen zu forschen; sie wußte nur, daß dieser Mann sie zu verstehen schien, wie bisher noch niemand sie verstanden hatte, und freute sich, daß er sich die Mühe gab, ihr Teilnahme zu zeigen.

Ter Moment war günstig, und Claude von Chauxville hatte ihn zu erfassen verstanden.

Ihr Herz war wund, einsam, beinahe gebrochen, und sie besaß nicht jene Weltklugheit, die uns sagt, daß solche Herzen um jeden Preis vor den Menschen verborgen wer­den müssen; sie besaß nicht jene höhere Moral, die keinem Glauben, keiner Religion augehört, die nur eine gute Mutter lehren kann. Katharina halte keine gnte Mutter gehabt; ihre Mutter war die Gräfin Lanowitsch, eine schwache, egoistische Frau.

Ihr Schmerz wurde immer unerträglicher, sie mußte sich auflehnen und jemand zerreißen, wen, das wußte sie nicht. Wer irgend jemand mußte büßen. Da er­schien Claude von Chauxville und erbot sich, ihr bei­zustehen.

Andere unglücklich machen und straflos ausgehen, nein, das darf nicht sein!" sagte er, uuverrückt auf sein edles Ziel losgehend.

Katharinas Lider zuckten, aber sie antwortete nicht.

Tas Weh ihres Herzens hatte noch nicht die bestimmte Form der Rache angenommen; ihre Liebe zu Paul war noch immer Liebe, obwohl sie sich in gefährlicher Weise dem Hasse näherte.

Der Hochmut der Menschen, die alles haben, was sie wünschen, ist unerträglich", fuhr der Franzose in feiner epigrammatischen, zu nichts verpflichtenden Weise fort.

Katharina, eine zweite Eva, blickte zu ihm aus, und ihr Schweigen gestattete ihm, fortzufahren.

Manche Männer haben gegen hilflose Frauen einen besonderen Kodex der Ehre."

Katharina vergrub die Zähne in ihre Unterlippe. Während sie spielte, dämmerte ein neues Licht in ihren

Augen auf. Die Melodie war herrlich, aber niemand im Zimmer hörte sie.

Ich würde gegen solche Männer erbarmungslos sein", sagte Chauxville.Sie verdienen kein Mitleid, denn sie erweisen auch andern keins. Der Mann, der ein Weib betrügt, ist wert. . ."

Er vollendete den Satz nicht, ihre tiefen, leidenschaft- schaftlichen Augen begegneten den seinen, und ihre Hände fielen mit einem letzten, donnernden Akkord auf die Tasten. Dann stand sie auf und ging durch das Zimmer.

Mutter, soll ich den Tee bringen lassen?"

Als die Gräfin erwachte, stand Baron Chanxville neben dem Klavier und blätterte in einigen Notenheften.

22. Kapitel.

Das neue Heim.

Quer über die Ebene von Twer, vor dem Nordwind her, jagte ein einzelner Schlitten so schnell, als Pferde­hufe auszugreifen vermögen.

Ein charakteristischer Zug des Winters im nördlichen Rußland ist die Unsicherheit der Schneefälle.Es hat sich noch nicht ausgeschneit", sagten die Wetterpropheten in Twer.Es muß noch mehr Schnee kommen; der Himmel ist gelb, obwohl der März beinahe zu Ende ist."

Der Hotelier in Twer riet Seiner Durchlaucht, die Fahrt wenigstens um einen Tag zu verschieben. Aber Etta war von einer seltsamen Ruhelosigkeit und wollte um jeden Preis weiter. Sie haßte Twer, das Hotel war unbequem, und die ganze Stadt hatte einen ungesunden Geruch, sagte sie.

Paul fügte sich bereitwilligst ihren Wünschen. Er hatte Twer recht gern und war auf diese geschäftige Stadt, ein Zentrum der russischen Zivilisation, gewisser­maßen stolz; aber mit der ihm charakteristischen, schwei­genden Geduld traf er sofort die notwendigen Vorbereit­ungen für den unverzüglichen Aufbruch.

Ter Petersburger Nachtschnellzug hatte sie früh am Morgen auf der Station abgesetzt. Steinmetz war bereits vorangereift, und so erwarteten sie geschlossene Schlitten von Osterno, im Hotel ein üppiges Frühstück und auf dem Wege pünktliche Relais. Steinmetz, der König aller Or­ganisatoren, hatte die ganze Reise nach Osterno sorgfältig entivorfen und arrangiert; die Schlittenfahrt drrrch die Steppe sollte zehn Stunden in Anspruch nehmen. Bereits, als sie über die Hängebrücke von Twer rasselten, hatte es zu schneien begonnen und seither nicht aufgehört. Etwa hundert Meilen hinter Twer siel der Kutscher des Schlittens, in dem Etta, Nelly und Paul saßen, vom Bocke herab. Seine Hände waren frosterstarrt, und aus den Eisnadeln, mit denen Augenbrauen, Schnurrbart und Vollbart dicht bedeckt waren, schaute ein klägliches, blaugefrorenes Ge­sicht hervor. Im Nu stand Nelly neben den beiden Männern draußen im Schnee, während Etta hastig die Wagentur

ist nur die Kälte", sagte Paul.Gießen Sie ihm Branntwein in den Mund, während ich das Eis entferne. Ziehen Sie nur ja nicht die Handschuhe aus, die Flasche würde Ihnen an den Fingern kleben bleiben.,

Nelly gehorchte mit ihrer gewöhnlichen, frischen Munter­keit, indem sie sichnach Ettanmwandte, umihr beruhi­gend zuzunicken. Diese hatte bte mit Eis bedeckten Fenster hinaufgezogen, um von der ganzen Szene nichts zu H^"Wir müssen ihn zu uns hineinnehmen; im Schlitten ist es durch die Kannen nut dem heißen Wasser sehr warm und behaglich", meinte Nelly.

Paul warf einen zweifelnden Blick auf den Schlitten. Sie werden ihn doch tragen können!" rief das Mädchen munter.Er ist nicht schwer, nichts als Pelz und wieder Pelz"

Etta sah etwas mißmuttg aus, erhob jedoch feinen Einwand, als Paul den Erfrorenen auf seinen eigenen

Wenn es Ihnen zu kalt wird, kutschiere ich!" rief Nelly, als Paul die Tür schloß.Ich tue es nut Ver- 01tU!Et der Gelassenheit, die nur aus Erfahrung ent­springt, faßte Paul die Zügel mit beiden Händen und fuhr nach Art der russischen Kutscher, mit ausgestreckteu Armen. Er wußte, daß die nächste Station zwanzig Meilen ent» fernt war, daß die Pferde jeden Augenblick niederbrechen oder in eine Schneeverwehung geraten konnten, und oaß