Ausgabe 
6.5.1903
 
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Haben Sie seitdem die Pistole wieder berührt?"

Nein, nein."

Hat sie irgend ein anderer mit Ihrem Wissen seitdem berührt?"

,"Wozn soll alles dies führen?" fragte Clifford un­geduldig.

Ja, das kaun ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Aber der Oberst und diese junge Dame und Miß Bostal sagen gleichlautend aus, daß er die Pistole vor einer Woche ge­laden und wieder an den Nagel gehangen hat; und als ich sie wieder heute abend von dem Nagel herunternahm, war sie entladen. Das ist vorderhand alles, Sir."

Einige Minuten lang harrte Hemming in der Erwartung, daß Clifford King oder Nell etwas zu ihm sagen würden. Als diese still blieben, empfahl er sich mit weiteren Ent­schuldigungen wegen seiner Zudringlichkeit.

Die Liebenden sahen einander an.

Nell", fragte Clifford wispernd, als sie allein waren und einige Augenblicke geschwiegen hatten,ist es wahr, daß Du damit geschossen hast?"

Ganz wahr. Zweifelst auch Du jetzt au mir?"

Nein, ich schwör' es Dir zu. Doch, Nell, mein Liebling, gleichwohl fange ich- an, für Dich zu zittern."

Die Stiryme des jungen Mannes war unsicher. Nell sah ihm mit furchtbarstem Entsetzen ins Auge.

Wenn ich etwas wüßte, würde ich es sagen, was auch die Folge wäre", schrie sie plötzlich auf.Es ist nicht recht, mich so viel leiden zu lassen."

Diese Rede war für den, der sie hörte, verblüffend-, aber sie wollte darüber keine Aufklärung geben. Sie sagte zu Clifford, daß sie Zeit, es zu bedenken und in Betracht zu ziehen brauche, und während er ihr forschend ins Gesicht sah, erhob sie sich plötzlich und indem sie rasch zu ihm sagte, sie würde ihn bald wiederseheu, verschwand sie aus dem Zimmer, als ob sie fürchtete, daß sie zusammenbrechen würde, wenn sie den Abschied ver­längerte.

Am folgenden Morgen, bald nach dem Frühstück, rief sie die Wärterin aus dem Zimmer, um sie za fragen, ob sie hineingehen und Wschied von Mr. King nehmen könnte.

Clifford starrte sie erstaunt an. Sie war in Hut und Mantel und allem Anschein nach, reisefertig.

Wußtest Du nicht, daß ich schon gestern nach London zu meiner Tante reisen wollte?" fragte sie.Man hielt mich an, um mich meine Zeugenaussage ablegen zu lassen. So geh' ich ftott dessen nun heute."

Aber" fing Clifford an und zögerte dann.

Du meinst, es macht mich verdächtig, fortzugehen?" sagte sie gereizt.Nun, mögen die Leute denken, was sie wollen. Wenn die Polizei meiner bedarf, so wird sie mich-, glaub' ich, zu finden wissen", setzte sie bitter hinzu.

Clifford war betreten.

Kind, sprich nicht so, Kind!" rief er.Ich glaubte nur, baß Tu an dieser Sache zu sehr interessiert wärst, um fort­gehen zu können, bevor man die Wahrheit entdeckt hat."

Nell stand unruhig da und sah ängstlich aus.

Wann wird das sein?" fragte sie, mit den Achseln zuckend.Ich müßte für immer hier bleiben, wenn ich darauf warten wollte."

Clifford stützte sich auf den Ellbogen und starrte sie an.

Nell, wünschest Tu, daß man die Sache entdeckt?" fragte er forschend.

Sie zögerte, dann den Kopf rasch erhebend, zischelte sie mit leiser Stimme:Nein, ich, kann Dir nicht sagen warum aber nein, nein, nein!"

Dann sah ich ihn flehend an, die blauen Augen mit Tränen gefüllt.

Er streckte ihr die Arme entgegen.

Gleichviel, Nell. Was Dir mir immer auch sagst, oder was Tu immer für gut befindest, mir zu verhehlen, ich liebe Dich und vertraue Dir immer gleich sehr."

Nun", flüsterte sie, und ihr fast harter, trotziger Ton verwandelte sich plötzlich in einen voll Sanftheit und Dank­barkeit,frage ich nichts mehr nach dem, was sie glauben und was sie mir hm."

Tu wirst mir schreiben, Nell? Du wirst mich an Dich schreiben lassen?" flüsterte Clifford, als er sie umfing.

Doch schluchzend und von Angst und Kummer durchs schüttelt, zeigte Nell sich nicht willfährig.

Tu magst mir schreiben", sagte sie,sobald dieses Ge­heimnis ganz aufgeklärt ist, aber nicht eher."

Doch, Nell, Du sagtest, daß das niemals sein würde!"

Tann wirst Du -auch niemals mehr an mich- schreiben", antwortete, von Schluchzen halb erstickt, das Mädchen, indem es sich von ihm losriß und aus dem Zimmer stürzte.

Ihr Onkel wartete draußen. Er war tief bewegt, und nur mit Mühe vermochte er die äußeren Zeichen des Kampfes zwisch-en Liebe und Argwohn zu unterdrücken, als er ihr in den Wagen half.

Ihre Fahrt nach dem Bahnhof war so still wie ihre Fahrt vom Rathause aus am gestrigen Tage gewesen war. Erst als sie am Eingang des Bahnhofgebäudes vorfuhren, redete Nell ihn an.

Onkel George", sagte sie mit leiser, bewegter Stimme, warum kannst Du mir nicht mehr vertrauen?"

Ter Gastwirt war gerührt. Er war im Begriff, ihr zu sagen, daß, wie groß sein Verdacht auch sein möchte, seine Liebe für sie so stark wie immer wäre, als der An­blick eines Polizeibeamten, der sie aufmerksam überwachte, die Worte auf seinen Lippen erstarren machte.

Da hast Du den Grund, weshalb ich's nicht kann", antwortete nach einer Pause George Claris heiser.Sieh', wie Du überwacht wirst, wo Du Dich zeigst. Ich erwarte, daß man Dich abreeisen lassen wird."

Nell sagte nichts, stieg aber mit zusammengepreßten Lippen und ängstlichen Blicken aus dem Wagen. Den Er­wartungen ihres Onkels nicht nur, sondern auch ihren eigenen entgegen, wurde ihr jedoch gestattet, ihre Reise ungehindert anzutreten.

Als der Zug aus dem kleinen Bahnhof fortgedampst war, wendete sich der Gastwirt rasch Und trotzig an den Polizeibeamten.

Nun", sagte er barsch,was ist Ihr Begehr?"

Nichts vorderhand, Mr. Claris", antwortete der Mann. Sobald wir aber etwas bedürfen, werden wir es auch schon zu finden wissen."

Welchen Sinn er dieser Bemerkung auch beilegen mochte, so war George Claris doch klug genug, sich nicht danach zu erkundigen.

18. Kapitel.

Das Wrack in der Bucht.

Während der der Abreise Nells nach London folgenden Wochen nahmen die Geisteskräfte ihres Onkels von Tag zu Tag ab, bis der lebensfrohe Gastwirt mit dem roten Gesicht wenig mehr als der Schatten seines früheren Selbst geworden war.

'Er vermißte seine Nichte mehr, als er es sich selbst gestehen wollte. Und obschon es wahr war, daß seine Seele von Argwohn gegen ihre Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ver­giftet war, so würde er doch bereit und willig gewesen sein, sie wieder bei sich aufzunehmen und die Zweifel zu ver­gessen, die er nicht ganz zu ersticken vermochte. Doch Nell war scharfsichtig genug, diesen Gemütszustand zu erkennen, der ihr unbewußt in den Briefen chres Onkels enthüllt worden war. Daher sie Gründe vorschützte, um länger in London zu weilen, und George Claris vereinsamt blieb.

Der Gastwirt, obwohl er Cliffords Vertrauen zu Nell nicht teilte, war dem jungen Advokaten doch dankbar dafür. Er sagte ihm aber, daß ihm seine Nichte verboten hätte, ihre Adresse bekannt zu geben, und Mr. King mußte daher ruhig di.e Zeit erwarten, da das Mädchen selbst sie ihn wissen ließ.

Kurz bevor Clifford nach völliger Genesung mit Wider­streben nach London abreiste, hatte er noch eine andere Zusammenkunft mit dem Geheimpolizisten Hemming, der, nachdem er vierzehn Tage verschwunden gewesen war, sich wieder auf dem Schauplätze seiner Nachforschungen ein­stellte.

Hemming war schweigsam, machte aber den Eindruck, als ob er fester -als je überzeugt wäre, auf der richtigen Spur dessen zu sein, der den Mord und die Diebstähle verübt . hatte.

Nun, und was beabsichtigen Sie jetzt zu tun?" fragte Clifford gespannt. Wollen Sie neue Netze answersen?"

Hemming sah ihn scharf an.

Es würde nutzlos sein", antwortete er trocken,bis" Bis was?"

Ja, Sir, es muß heraus bis Miß Claris zurück­kommt."

Clifford bezwang den Zorn, der in ihm aufstieg, weil